Verengte Halsschlagader: Schlaganfall vermeiden

Stand: 20.10.2020 11:35 Uhr

Bei einer verengten Halsschlagader ist das Schlaganfall-Risiko erhöht. Deshalb sollten Betroffene Termine für Kontrolluntersuchungen und Operationen auch während der Corona-Pandemie wahrnehmen.

Bei mehr als einer Million Menschen in Deutschland ist die Halsschlagader durch Kalkablagerungen (Plaque) zu mehr als 50 Prozent verengt. Bei der sogenannten Karotisstenose besteht die Gefahr eines Schlaganfalls mit möglichen Folgen wie Sprachstörungen, Lähmungserscheinungen und lebenslangen Behinderungen.

Ablagerungen führen zu einer Verengung

Arteriosklerotische Veränderungen, also Kalk- und Fettablagerungen an den Innenwänden der Blutgefäße, führen zu einer Verengung der Gefäße. Im Verlauf kommt es in diesen Bereichen zu lokalen Entzündungsreaktionen. Die Gefäßwände können dann einreißen, sodass es zur Bildung von Blutgerinnseln kommen kann. Diese können die Blutstrombahn dann teilweise oder sogar komplett verschließen. Lösen sie sich, werden sie ins Gehirn geschwemmt. Bei 30.000 Menschen jährlich verursachen sie so einen Schlaganfall. Frühe Warnzeichen einer gefährlich verengten Halsschlagader können Schwindel, Taubheit und Sehstörungen sein.

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Neurologe Dr. Peter Michels

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Screening-Untersuchung auf Risikogruppen beschränken

Mit einer Ultraschalluntersuchung lassen sich die durch Kalkablagerungen entstandene Verengungen der Halsschlagader innerhalb weniger Minuten nachweisen. Eine allgemeine Untersuchung (Screening) auf Engstellen ist nach Ansicht von Experten nicht sinnvoll: Die Häufigkeit von Karotisstenosen ohne Symptome sei gering, das Schlaganfall-Risiko bei symptomlosen Verengungen niedrig.

Experten empfehlen ein jährliches Ultraschall-Screening der Halsschlagader ab einem Lebensalter von 65 Jahren, wenn Risikofaktoren vorliegen. Dazu zählen:

  • Herzkrankheiten
  • Diabetes
  • periphere-arterielle Verschlusskrankheit (pAVK)
  • Nikotinkonsum
  • Bluthochdruck

Auch Menschen mit einem Bauchaortenaneurysma und natürlich diejenigen, die bereits Schlaganfälle hatten oder solche, die entsprechende neurologische Symptome zeigen, sollten ihre Halsschlagader untersuchen lassen. Menschen mit Herzerkrankungen können auch ihren Kardiologen bitten, die Halsschlagader zu untersuchen.

Behandlung der Karotisstenose

Die Behandlungsstrategie verengter Halsschlagadern richtet sich insbesondere danach, ob es bereits zu vorübergehenden neurologischen Ausfallerscheinungen gekommen ist. Aber auch der Grad der Gefäßeinengung und das Alter der Betroffenen spielt dabei eine Rolle. Vereinfacht gesagt profitieren insbesondere gesündere und jüngere  Betroffene von einer Operation. Dabei gilt: Umso höher die Stenosen und je ausgeprägter die Symptome, desto größer sind die Vorteile der Operation. 

Risikofaktoren reduzieren

Bei allen Betroffenen steht eine konsequente Reduzierung der Risikofaktoren im Vordergrund. Hierzu zählt insbesondere die medikamentöse Behandlung von Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes. Zudem steht die Veränderungen der Lebensgewohnheiten mit der Normalisierung des Körpergewichtes, Nikotinverzicht und ausreichender körperlicher Aktivität im Vordergrund jeder Therapie. Denn Rauchen, Diabetes und hoher Blutdruck verdoppeln das Risiko für die Entwicklung einer Karotisstenose.

Offene OP und Eingriff per Katheter

Operationen von Karotisstenosen sollten ausschließlich von Spezialisten in ausgewiesenen Fachzentren vorgenommen werden. Prinzipiell haben sich dazu zwei verschiedene Verfahren etabliert:

  • Offene Operation (Endarteriektomie): Gefäßchirurgen legen die kranke Arterie frei, schneiden sie auf und schälen die Verkalkungen heraus. Ist die Engstelle entfernt, kann das Blut wieder ungehindert zum Gehirn fließen. Das Verfahren ist seit mehr als 20 Jahren bewährt.

  • Kathetereingriff: Über ein Blutgefäß in der Leiste wird ein Spezialkatheter bis in die Halsarterie geschoben. Dort wird die Engstelle mit einem Ballon aufgedehnt und eine Gefäßstütze aus Metall (Stent) eingesetzt. Er soll ein erneutes Zuwachsen verhindern.

Die Entscheidung zu einem chirurgischen Eingriff muss sorgfältig abgewogen werden, denn die OP ist nicht ohne Risiken. Bei beiden Verfahren kann es passieren, dass Teile der Verkalkung ins Gehirn geschwemmt werden und einen Schlaganfall verursachen.

Schlaganfall-Risiko um 40 Prozent senken

Aktuellen Studien zufolge werden Karotisstenosen in Deutschland zu häufig operiert. Die Studien haben gezeigt, dass nur Patienten mit fortgeschrittenen Gefäßverkalkungen und Verengungen von mindestens 70 bis 80 Prozent, bei denen bereits neurologische Symptome wie vorübergehende Sehschwäche oder Lähmungserscheinungen aufgetreten sind, entscheidend von einem Eingriff an der Halsschlagader profitieren. Bei ihnen kann die Operation das Risiko für einen erneuten Schlaganfall nachhaltiger senken als die alleinige medikamentöse Therapie. In vielen anderen Fällen sind die Risiken einer vorbeugenden Operation größer als der erhoffte Nutzen des Eingriffs. Daher raten die Mediziner beschwerdefreien Patienten, auch wenn bei ihnen eine hochgradige Verengung der Halsschlagader vorliegt, in den meisten Fällen von einer vorbeugenden Operation ab. Denn bei über 90 Prozent der Menschen mit einer verengten Halsschlagader können bereits eine gesündere Lebensweise und Medikamente das Schlaganfall-Risiko um etwa 40 Prozent senken.

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Experten zum Thema

Prof. Dr. med. Joachim Röther, Chefarzt
Dr. Peter Michels, Leitender Oberarzt
Abteilung Neurologie
Asklepios Klinik Altona
Paul-Ehrlich-Straße 1
22763 Hamburg
(040) 18 18 81 - 14 01
www.asklepios.com

Dr. Peter Scholz, Neurologe
Neurologische Praxisgemeinschaft
Schiffertorsstraße 12
21682 Stade
www.neuropraxis-stade.de

Prof. Dr. Bernd Eckert
Chefarzt Neuroradiologie
Asklepios Klinik Altona
Paul-Ehrlich-Straße 1
22763 Hamburg
(040) 18 18 81-18 11
www.asklepios.com

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