Stand: 15.08.2019 11:19 Uhr  | Archiv

Übergewicht: Wenn Gene dick machen

Eine Frau steht auf einer Waage. © colourbox Foto: Aleksandr
Das Erbgut macht bis zu fünf Punkte beim Body-Mass-Index aus.

Ob man fettleibig (adipös) wird oder schlank bleibt, hängt davon ab, wieviel man isst und sich bewegt. Aber wie schwer es fällt, das Gewicht zu halten, bestimmen auch die Gene. Sie liefern die Baupläne für alle Stoffe in unserem Körper und sind an der Produktion von Hormonen und Proteinen beteiligt, die unser Essverhalten und unseren Stoffwechsel bestimmen.

Leptin und MC4R entscheiden über Sättigungsgefühl

Ist der Bauplan des Sättigungshormons Leptin oder des Leptinrezeptors (LEPR) defekt, bleibt das Sättigungsgefühl aus und der Betroffene läuft ständig Gefahr, zuviel zu essen.

Auch das Melanocortin-4-Rezeptor-Gen (MC4R) beeinflusst den Appetit: Bestimmte Varianten dieses Gens führen dazu, dass ihre Träger niemals ans Essen denken, deshalb wenig essen und dünn bleiben. Andere Varianten führen aber dazu, dass die Lust zu essen allgegenwärtig ist. Die Träger dieser Genvarianten fühlen sich nie satt und essen deshalb oft viel zu viel.

FTO reguliert den Fettstoffwechsel

Das bekannteste Gen, das den Fettstoffwechsel beeinflusst, heißt FTO ("Fat mass and obesity-associated gene"). Es reguliert, ob wir Fett einlagern oder verbrennen. Der Mensch verfügt über drei Arten von Fettzellen: Weiße Fettzellen speichern Fett, während braune Fettzellen Fett verbrennen und dabei Wärme freisetzen. Erwachsene verfügen nur über sehr wenige braune Fettzellen.

Entscheidend ist die dritte Art: die beigen Fettzellen. Sie können Fett sowohl verbrennen als auch speichern. Bei Menschen mit bestimmten Varianten des FTO-Gens können die beigen Fettzellen Fett nur speichern und nicht verbrennen - die Folge ist Übergewicht.

Fettverteilung ist abhängig von den Genen

Wissenschaftler haben bereits mehr als 40 Genabschnitte identifiziert, die über die Fettverteilung im Körper entscheiden. Es gibt sie also, die genetische Veranlagung zu Übergewicht. Insgesamt kennen die Forscher bereits 2,1 Millionen Genvarianten in rund 100 Abschnitten des Genoms, die einen Einfluss auf das Gewicht haben.

Zusammen können die Genvariationen bis zu fünf Punkte beim Body-Mass-Index (BMI) ausmachen - und das bedeutet oft schon den Unterschied zwischen Normalgewichtigen, übergewichtigen und fettleibigen Menschen. Auf der Waage machen allerdings selbst die stärksten Gene nur bis zu zwei Kilogramm aus.

Verhaltensänderung beeinflusst Gene

Der Einfluss der Erbanlagen sorgt für eine unterschiedliche Ausgangslage. Ob die Gene an- oder abgeschaltet werden, entscheidet allerdings unser Verhalten: Sogenannte epigenetische Mechanismen bewirken, dass zum Beispiel ein durch hochkalorische Ernährung stummgeschaltetes Gen durch Intervallfasten, kalorienreduzierte Kost oder Sport aktiviert wird, sodass der Fettstoffwechsel oder der Zuckerstoffwechsel plötzlich wieder besser funktioniert und beim Abnehmen unterstützt.

Maßgeschneiderte Therapie ist das Ziel

Die Gründe für Übergewicht sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Und genauso unterschiedlich ist die ideale Strategie, abzunehmen. In Adipositas-Zentren setzt man auf drei Bausteine im Kampf gegen starkes Übergewicht:

  • Bewegung
  • Ernährungsberatung
  • bariatrische Operationen, zum Beispiel Magen-Bypass

Welche Methode individuell am wirkungsvollsten ist, liegt maßgeblich an den Genen der Betroffenen.

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Experten zum Thema

Prof. Dr. Peter Kovacs, IFB Professur für Adipositas- und Diabetesgenetik
IFB Adipositas-Erkrankungen
Medizinisches Forschungszentrum der Universitätsmedizin Leipzig
Liebigstraße 21
04103 Leipzig
www.ifb-adipositas.de

Prof. Dr. Matthias Blüher, Leiter der Adipositas-Ambulanz für Erwachsene
Klinik und Poliklinik für Endokrinologie und Nephrologie
Medizinisches Forschungszentrum der Universitätsmedizin Leipzig
Liebigstraße 21
04103 Leipzig
(0341) 97-133 20
www.ifb-adipositas.de

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Visite | 13.08.2019 | 20:15 Uhr

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