Stand: 10.05.2016 11:09 Uhr  | Archiv

Tourette-Syndrom: Was tun gegen die Tics?

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Aktuelle Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass ein gestörter Dopaminstoffwechsel im Gehirn für das Tourette-Syndrom verantwortlich ist.

Das Tourette-Syndrom ist nach dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette benannt. Menschen mit diesem Syndrom leiden unter heftigen, überschießenden Bewegungen und unwillkürlich ausgestoßenen Lauten und Geräuschen, sogenannte Tics. Diese treten häufig erstmals im Grundschulalter auf. Bei Kindern liegt die geschätzte Verbreitung bei knapp unter einem Prozent, bei Erwachsenen ist die Häufigkeit erheblich geringer Jungs sind etwa dreimal so häufig betroffen wie Mädchen. Einfache motorische Tics können sich als Augenblinzeln, Naserümpfen, Kopfwerfen oder Grimassenschneiden äußern. Bei einfachen vokalen Tics kommt es zum Ausstoßen bedeutungsloser Laute oder zum Husten. Komplexe motorische Tics äußern sich in Grimassenschneiden oder dem Nachmachen von Handlungen anderer. Komplexe vokale Tics sind zum Beispiel das einfache Nachsprechen von Wörtern oder das als Koprolalie bekannte Herausschleudern obszöner Ausdrücke.

Wann verstärken sich Tics?

Die Symptome können entweder permanent, in Serien oder nur in Belastungssituationen auftreten. Typischerweise können viele Betroffene ihre Tics über bestimmte Zeiträume hinweg unterdrücken und die Entladung eines Tics für eine gewisse Zeit hinausschieben, jedoch in der Regeln nicht aufhalten. Meist ist der Drang zur Ausübung der Tics so stark, dass schließlich die Muskelzuckung oder die Lautäußerung doch stattfinden muss - vergleichbar mit dem Drang zu Niesen. Typischerweise nehmen Tics im Zusammenhang mit ärgerlicher oder freudiger Erregung, Anspannung oder Stress zu. Die Tics treten in der Regel mehrfach am Tag auf. Sie können allerdings manchmal auch für Wochen oder Monate verschwinden, um dann plötzlich wieder aufzutreten.

Ursache des Tourette-Syndroms noch ungeklärt

Die Ursache des Tourette-Syndroms ist bislang noch nicht geklärt. Aktuelle Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass ein gestörter Dopaminstoffwechsel im Gehirn dafür verantwortlich ist. Dopamin ist ein Neurotransmitter, also ein Überträgerstoff im Gehirn, der für die Informationsweiterleitung zwischen den Nervenzellen wichtig ist. Es wird vermutet, dass auch andere Neurotransmitter, wie zum Beispiel das Serotonin, eine Rolle spielen. Die Diagnose des Tourette-Syndroms wird dadurch gestellt, dass die entsprechenden Symptome beobachtet werden. Mithilfe eines EEGs, einer Computertomographie oder einer Kernspinuntersuchung vom Gehirn können andere neuropsychiatrische Erkrankungen als Ursache der Beschwerden ausgeschlossen werden. Fragebögen und Schätzskalen helfen, die Art und den Schweregrad sowie den Verlauf der Tic-Störung besser zu beurteilen.

Kinder mit Tourette-Syndrom besitzen die gleichen geistigen Leistungsfähigkeiten wie andere Kinder ihres Alters, dennoch haben viele von ihnen Lernschwierigkeiten. Nicht selten werden sie ausgelacht und erfahren soziale Zurückweisung. Im Laufe der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen tritt bei vielen der Betroffenen auch ohne Therapie eine deutliche Besserung der Beschwerden ein. Um zusätzliche psychologische Auswirkungen zu vermeiden und den Betroffenen eine möglichst günstige Entwicklung zu ermöglichen, ist eine frühe Diagnose und eine frühe Behandlung des Tourette-Syndroms unbedingt sinnvoll.

Welche Therapien gibt es?

Zwar kann es weder geheilt noch ursächlich behandelt werden, allerdings stehen lindernde Behandlungsansätze zur Verfügung. Da die Mehrheit der Betroffenen durch ihre Tics oder Verhaltensschwierigkeiten nicht wesentlich beeinträchtigt sind, benötigen sie auch keine Therapie. Nur sehr wenige leiden unter schweren Formen des Tourette-Syndroms. Die sichtbaren Symptome lassen sich mit Neuroleptika reduzieren. Risperidon ist das am besten untersuchte und am häufigsten eingesetzte Medikament und gilt daher als Medikament der ersten Wahl. Die medikamentöse Behandlung führt oft zu einer Reduktion der Tics, nicht aber zur vollständigen Symptomfreiheit. Auch andere Therapiemaßnahmen wie zum Beispiel das Erlernen von Entspannungsverfahren, Biofeedback-Techniken und anderen verhaltenstherapeutische Maßnahmen können helfen, Stressreaktionen zu vermindern und die Selbstkontrolle zu verbessern.

Tiefe Hirnstimulation bei schweren Fällen

Die tiefe Hirnstimulation wird inzwischen an spezialisierten Universitätskliniken erfolgreich zur Behandlung von schweren Fällen eingesetzt. Ihre Funktionsweise ist im Detail bisher ungeklärt, doch die Erfolge sind beeindruckend. Bereits unmittelbar nach der Operation beschreiben viele Patienten eine Verbesserung der Symptome, ohne dass der Schrittmacher überhaupt eingeschaltet ist. Das liegt vermutlich daran, dass die Abläufe im neuronalen Netzwerk durch die OP gestört sind. Dennoch dauert es schließlich oft  Monate, ehe der Stimulator richtig eingestellt ist und der Behandlungserfolg dauerhaft anhält. Die Implantation eines Hirnschrittmachers ist nicht ohne Risiken. Die gefürchtetste Komplikation sind Hirnblutungen, die zu dauerhaften neurologischen Schäden führen können.

Bei der Operation wird ein dünnes Kabel durch ein kleines Loch in der Schädeldecke in die Zielregion der Basalganglien der rechten und linken Hirnhälfte eingeführt. Das Kabel enthält insgesamt vier Elektroden, die über ein unter der Haut verlaufendes Kabel mit einem Impulsgeber im Bereich der Brust verbunden sind. Dieser Impulsgeber gibt schwache elektrische Impulse an die Zielregion im Gehirn ab, wodurch diese - je nach Stromfrequenz - deaktiviert oder stimuliert werden kann. Die Patienten können die Intensität der Stromstärke mit einem Steuergerät selbst regulieren. Nicht alle Patienten erleben die tiefe Hirnstimulation als Erleichterung. Es gibt auch Patienten, die das Gefühl einer Persönlichkeitsveränderung haben. Bei 60 bis 80 Prozent der behandelten Patienten kann mithilfe des Hirnschrittmachers allerdings eine dauerhafte Verbesserung der Symptome erreicht werden.

Interviewpartner im Beitrag:

Prof. Dr. Veerle Visser-Vandewalle
Direktorin der Klink für Stereotaxie und Funktionelle Neurochirurgie
Zentrum für Neurochirurgie
Uniklinik Köln
Kerpener Straße 62
50937 Köln
Tel. (0221) 47 88 27 92
Fax: (0221) 478 82 45 81
E-Mail: veerle.visser-vandewalle@uk-koeln.de

Dr. Juan Baldermann
Zentrum für Neurologie und Psychiatrie
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Arbeitsgruppe Neurobiologie und Neuromodulation psychischer Erkrankungen
Uniklinik Köln
Kerpener Straße 62
50937 Köln
E-Mail: juan.baldermann@uk-koeln.de

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Visite | 10.05.2016 | 20:15 Uhr

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