Sendedatum: 02.09.2014 20:15 Uhr  | Archiv

Schlaganfall-Reha: Das Gehirn trainieren

Die Nerven der Hand und das Gehirn in einer Grafik dargestellt. © NDR
Werden Bewegungsabläufe immer wieder trainiert, knüpft das Gehirn neue Verbindungen.

Neben der frühzeitigen Diagnose ist vor allem ein rascher Therapiebeginn für den Heilungsverlauf entscheidend. Das wesentliche Ziel der Rehabilitation ist es, die Eigenständigkeit des Betroffenen so weit wie möglich wieder herzustellen.

Spastik: Zusammenspiel der Muskualtur gestört

Etwa 60 Prozent der Betroffenen erschwert eine spastische Lähmung die Rehabilitation. Bei einer Spastik verspannt sich die Muskulatur, weil hemmende Signale aus dem zentralen Nervensystem nach dem Schlaganfall fehlen. Damit zum Beispiel der Arm gebeugt wird, muss der Streckmuskel locker lassen - wird er gestreckt, muss der Beugermuskel nachgeben. Dieses Zusammenspiel funktioniert bei einer Spastik nicht mehr, so dass sich Beuge- und Streckmuskulatur gleichzeitig zusammenziehen.

Eine Spastik entsteht nicht gleich nach dem Schlaganfall sondern entwickelt sich erst mit der Zeit. Oft dauert es Wochen oder Monate, bis eine Spastik so ausgeprägt ist, dass sie für den Patienten zum Problem wird. Nicht selten tritt eine Spastik auf, wenn ungeduldige Patienten nach dem Schlaganfall ein zu ambitioniertes Reha-Training beginnen. Denn wichtig für die Rehabilitation sind neben der Bewegung auch Ruhephasen.

Mit viel Geduld und Training lassen sich viele Hirnfunktionen mit professioneller Hilfe, vor allem aber aus eigener Kraft, zurückgewinnen. Werden Bewegungsabläufe immer wieder trainiert, knüpft das Gehirn neue Verbindungen, die die durch den Schlaganfall zerstörten Verbindungen ersetzen.

Effektive Methode ist die Taubsche Bewegungsinduktionstherapie

Neue Therapie- und Trainingsverfahren helfen, die Effektivität dieser Rehabilitationsmaßnahmen zu steigern: Als sehr effektive Methode gilt die sogenannte Taubsche Bewegungsinduktionstherapie. Sie soll den "gelernten Nichtgebrauch" der betroffenen Seite verhindern. Hintergrund dieses Ansatzes ist, dass die Betroffenen in den ersten Stunden und Tagen nach einem Schlaganfall oft weder sprechen noch die vom Schlaganfall gelähmten Körperteile bewegen können. Versuchen sie es trotzdem, scheitern die Bemühungen meist und verursachen Schmerzen und Enttäuschungen. In der Regel schonen die Patienten die betroffenen Körperteile danach und nutzen im Alltag nur die gesunden - bis sie schließlich verlernt haben, die betroffenen Körperteile aktiv zu benutzen.

Bei der Taubschen Bewegungsinduktionstherapie, auch als Forced-Use-Training bekannt, wird die gesunde Seite fixiert, um das Training der erkrankten Extremität zu intensivieren. So wird ein gelähmter Arm noch mehr gefordert und gefördert. Mindestens sechs Stunden pro Tag müssen die Patienten auf diese Weise trainieren - immer wieder die gleichen Bewegungen, denn um die Bewegungsmuster erneut zu verankern, benötigt das Gehirn schier endlose Wiederholungen.

Betäubungssalbe beeinflusst motorischen Cortex

Eine vor dem Üben auf den Arm aufgetragene Betäubungssalbe beeinflusst die Funktion des sogenannten motorischen Cortex im Gehirn und verbessert den Therapieeffekt um bis zu zehn Prozent. Der motorische Cortex ist der Teil der Hirnrinde, der die Bewegungen der Muskulatur steuert. In dieser Hirnregion hat jeder Körperteil Bereiche, die speziell für seine Bewegungen zuständig sind - je komplizierter die möglichen Bewegungsmuster eines Körperteils sind, umso größer ist sein Anteil am motorischen Cortex. So repräsentieren die größten Areale die Beweglichkeit von Gesicht und Hand.

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Wird der Unterarm betäubt, bekommen die zuständigen Nervenzellen im motorischen Cortex von außen keine Impulse mehr, sodass die benachbarte Region der Hand die Nervenzellen des Arms für ihre Bewegung mit nutzen kann. Die Betäubung erhöht die Sensibilität der kranken Hand. Aber erst das Üben verankert die Bewegung.

Gehirnzellen können auch nach Jahren noch Verknüpfungen aufbauen

Das wirkt auch bei Patienten, deren Schlaganfall schon lange zurückliegt. Inzwischen weiß man, dass Gehirnzellen auch nach Jahren noch in der Lage sind, durch Wiederholungen neue Verknüpfungen aufzubauen, wenn die Patienten diszipliniert arbeiten. Die oft gehörte Aussage, was nach einem Jahr nicht wieder da sei, komme auch später nicht zurück, ist längst widerlegt.

Auch die Geschicklichkeit lässt sich trainieren: Dafür üben die Betroffenen mehrere Stunden täglich mit Ringen oder Bausteinen vor einem Spiegel, der ihnen die Kontrolle über die betroffene Körperhälfte erleichtert. Auf diese Weise gewinnen sie Stück für Stück ihre fast vergessenen Körperteile zurück.

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Es gibt auch technische Hilfsmittel, die dabei helfen können: Mit einem Bewegungsroboter führen die Patienten bestimmte Bewegungen immer wieder genau gleich aus, sodass sich das Gehirn die Bewegungsabläufe viel besser einprägt. Bestimmte Computerspiele können Schlaganfall-Patienten ebenso beim Training unterstützen und verloren geglaubte Fähigkeiten zurückgewinnen lassen.

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