Rückenschmerzen: Neurostimulator aktiviert kleine Muskeln

Stand: 25.05.2021 16:31 Uhr

Treten jahrelang chronische Kreuzschmerzen auf, obwohl Bandscheiben und Wirbelsäule gesund sind, kann eine Schwäche der Tiefenmuskulatur Ursache der Beschwerden sein. In schweren Fällen könnte eine Neurostimulation mit einem Muskelschrittmacher helfen.

Die Tiefenmuskulatur ist zuständig für die Aufrichtung und Stabilisierung der Wirbelsäule. Bei vielen Menschen, die viel sitzen und sich wenig bewegen, verkümmert sie. Dabei geht es um zwei Muskelgruppen: die kleinen Multifidus-Muskeln, die die einzelnen Wirbelkörper in der richtigen Position halten, und die tiefen seitlichen Bauchmuskeln. Sie stützen und schützen die Lendenwirbelsäule wie ein Korsett. Ihre Haltefunktion wird größtenteils unbewusst gesteuert. Sie reagieren automatisch auf Lageveränderungen, die durch die großen oberflächlichen Muskeln herbeigeführt werden. Im Alltag trainiert werden sie vor allem bei Gleichgewichtsübungen in unebenem Gelände.

Gestörte Kommunikation zwischen Muskeln, Nerven und Gehirn

Über Nervenstränge sind die Muskeln mit dem Gehirn verbunden, ein komplexes System steuert ihre Aktivität. Bei chronischen Rückenschmerzen kann die Kommunikation zwischen Muskeln, Nerven und Gehirn gestört sein, sodass die Nerven die Muskeln nicht mehr optimal steuern. Die Muskeln verlieren an Funktionalität und Kraft, die Lendenwirbelsäule wird instabil. Es kommt zu einer sogenannten Dekonditionierung des Muskels. Das heißt, der Körper verlernt, die tiefen Muskeln anzusteuern. Verschärft wird diese Situation bei chronischen Schmerzen durch ein Vermeidungsverhalten, weil der tiefe Rücken aus Angst vor weiteren Schmerzen nicht mehr belastet wird, was zu weiterem Muskelabbau und Verfettung der Muskulatur führt. Ein Teufelskreis entsteht.

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Tiefenmuskulatur gezielt trainieren

Das Zusammenspiel zwischen Nervensystem und Tiefenmuskulatur lässt sich nur durch Training wieder normalisieren, doch willentlich lassen sich die tiefen Bauch- und Rückenmuskeln nicht anspannen. Die Betroffenen müssen daher zunächst lernen, ihre tiefen Muskeln überhaupt zu spüren. Das gelingt zum Beispiel mit Biofeedback, einer Visualisierung der Muskelaktivität. Sind die richtigen Muskeln erst einmal erspürt und gefunden, müssen sie durch gezielte Übungen aktiviert und aufgebaut werden. Das gelingt zum Beispiel mit Yoga oder Pilates. Eine regelmäßige Trainingstherapie führt bei etwa 60 bis 80 Prozent der Patientinnen und Patienten zu einer signifikanten Reduktion der Schmerzen.

Neurostimulation: Spezielle Behandlung mit Muskelschrittmacher

In Einzelfällen reicht das Training nicht aus. Ein unter die Haut eingepflanzter Muskelschrittmacher könnte Patientinnen und Patienten helfen, die trotz guter Schmerz- und Trainingstherapie weiter unter starken Schmerzen leiden. Bei dieser neuen, erst in wenigen Klinken eingesetzten Behandlungsmöglichkeit wird ein sogenannter neuromuskulärer Stimulator in den Gesäßmuskel implantiert und mit zwei Stimulationssonden verbunden. Diese werde über einen kleinen Hautschnitt am unteren Rücken bis zu den Nerven vorgeschoben, die die tiefen Rückenmuskeln steuern. Mit einer Fernbedienung kann die Patientin oder der Patient den Impulsgeber einschalten und seine Muskeln zweimal täglich für 30 Minuten stimulieren lassen. Das Gerät sendet Stromimpulse an die Nerven, die Muskeln ziehen sich daraufhin zusammen. Auf diese Weise soll die durch den Schmerz lahmgelegte Nervenbahn wieder angeschaltet und die gestörte Nerv-Muskel-Kommunikation reaktiviert werden. Für die Betroffenen bedeutet das weniger Schmerzen und mehr Beweglichkeit im Alltag: Das macht es leichter, die tiefe Muskulatur auch aktiv zu trainieren.

Muskelschrittmacher allein reicht nicht aus

Ohne regelmäßiges Training und ausreichend Bewegung lässt sich ein chronischer Rückenschmerz nicht besiegen. Daran ändert auch der bisher nur in Studien eingesetzte Stimulator nichts. Für einige ausgewählte Patientinnen und Patienten kann er aber eine Hilfe sein, die ihnen das Training ermöglicht und erleichtert. Die allermeisten Betroffenen können ihre Tiefenmuskeln aber auch ohne elektrische Stimulation erfolgreich rekonditionieren - allein durch das richtige Training.

 

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