Stand: 30.07.2018 16:25 Uhr  | Archiv

Reha-Antrag abgelehnt: Was tun?

Bei chronischen Krankheiten wie Polyarthritis, nach einem Schlaganfall oder einer Gelenkoperation sind viele Betroffene auf Rehabilitationsmaßnahmen angewiesen. Die sogenannte Reha soll Kraft, Beweglichkeit und Selbständigkeit der Erkrankten erhalten und Folgeerkrankungen verhindern. Doch immer wieder kommt es vor, dass Krankenkassen oder Rentenversicherung die Kosten für eine Reha nicht übernehmen, obwohl der behandelnde Arzt die Maßnahme empfiehlt.

Die Zahl der Reha-Anträge ist von 2,3 Millionen im Jahr 2008 auf 2,6 Millionen im Jahr 2015 gestiegen. Doch nur rund 70 Prozent der Anträge werden bewilligt. Nicht selten werden Erkrankte arbeitsunfähig oder pflegebedürftig, obwohl sie mit einer Reha wieder ins Erwerbsleben eingegliedert werden könnten.

Reha-Antrag bei Krankenkasse oder Rentenversicherung stellen

Zuständig für einen Reha-Antrag ist die Rentenversicherung oder die Krankenkasse:

  • Für Erkrankte im erwerbsfähigen Alter ist die Rentenversicherung der Ansprechpartner für die Übernahme der Reha-Kosten, soweit voraussichtlich die Reha der Erhaltung oder Herstellung der Erwerbsfähigkeit dient. Dabei gilt der Grundsatz "Reha vor Rente".
  • Für Rentner oder für Menschen, für die kein anderer Kostenträger vorrangig zuständig ist, sind die Krankenkassen verantwortlich. Hier gilt die Devise "Reha vor Pflege".
  • Für Kinder und Jugendliche sind sowohl Krankenkassen als auch die Rentenversicherung gleichrangig zuständig.

Warum Krankenkassen Reha-Anträge ablehnen

Die unterschiedlichen Finanztöpfe sind problematisch: Wenn zum Beispiel die Krankenkasse für eine Reha bezahlt und dadurch die Pflegebedürftigkeit vermeidet oder hinausschiebt, profitiert sie nicht selbst davon, sondern die Pflegeversicherung. Oder die notwendige Reha wird abgelehnt und dem Patienten wird gesagt, die Behandlung beim niedergelassenen Arzt sei ausreichend. Hier entstehen für die Krankenkasse keine zusätzlichen Kosten für eine Rehabehandlung. Deshalb fehlt für die Krankenkasse häufig der Anreiz, eine Reha-Maßnahme zu bewilligen. Je größer der finanzielle Druck ist, der auf einer Krankenkasse lastet, umso häufiger werden Reha-Anträge abgelehnt:

  • auf Kosten der Erkrankten, die dadurch ihre Lebensqualität und ihre Selbständigkeit verlieren
  • auf Kosten der Allgemeinheit, denn die Kosten der Pflege und früheren Rente sind in der Regel um ein Vielfaches höher als die bei den Krankenkassen eingesparten Reha-Kosten

Viele Experten fordern deshalb ein Ende des sogenannten Genehmigungsvorbehalts. Das bedeutet: Nicht die Krankenkasse oder die Rentenversicherung sollen Reha-Maßnahmen genehmigen, sondern die behandelden Ärzte, die den Patienten und seinen medizinischen Bedarf am besten kennen.

Tipps für den Reha-Antrag

Der Reha-Antrag sollte die zu behandelnde Erkrankung, Begleitkrankheiten und besondere Erfordernisse - etwa eine Gangschulung - enthalten. Lehnt die Krankenkasse oder die Rentenversicherung den Antrag ab, sollten Betroffene sofort Widerspruch einlegen. Dafür hat der Antragsteller einen Monat Zeit. Wird die Ablehnung telefonisch mitgeteilt, sollte man darauf bestehen, dass ein schriftlicher Bescheid ausgestellt wird. Widersprüche gegen abgelehnte Reha-Anträge sind häufig erfolgreich. Hilfe beim Widerspruch geben Anwälte und Beratungsstellen wie der Arbeitskreis Gesundheit, die Unabhängige Patientenberatung Deutschland und die Sozialverbände.

Reha-Anträge oftmals pauschal abgelehnt?

Eine Rehabilitationsmaßnahme ist bei ausgewählten Erkrankungen oder auch nach einigen Operationen eine sinnvolle Behandlungsoption. Doch immer wieder berichten genervte oder gar verzweifelte Menschen der Redaktion Visite von den Schwierigkeiten, eine Reha bewilligt zu bekommen, obwohl der Arzt sie ausdrücklich empfiehlt: Das Antragsverfahren sei kompliziert, Krankenkassen oder die Rentenversicherung würden Reha-Anträge anscheinend pauschal ablehnen.

Die Tricks der Krankenkassen erkennen

Immer wieder lehnen Krankenkassen die vom Antragsteller gewünschte Reha-Klinik ab und verweisen auf eine andere Klinik, mit der die Kasse eine besonders günstige Vergütungsvereinbarung hat und behaupten irreführend, dass mit der gewünschten Klinik kein Vertrag bestehe. Darauf müssen sich Betroffene nicht einlassen: Falls ihre Wunschklinik medizinisch geeignet ist, muss die Krankenkasse die Reha dort genehmigen. Ist die Wunschklinik jedoch teurer als die von der Krankenkasse vorgeschlagene Klinik, muss der Betroffene nur dann die Mehrkosten bezahlen, wenn die konkret von der Krankenkasse benannte und ursprünglich vorgesehene Klinik medizinisch genauso gut geeignet ist wie die Wunschklinik des Betroffenen oder der Patient für seinen Klinikwunsch keine wichtigen Gründe hat. Erfahrungsgemäß lohnt es sich, die Mehrkostenverlangen der Krankenkassen überprüfen zu lassen. Oft gibt es keinen Grund für Mehrkosten oder es werden überhöhte Mehrkosten verlangt. Falsch ist auch die Behauptung einiger Sachbearbeiter, die Versicherten müssten mit den Kliniken Wahlleistungsverträge abschließen. Wer sich von seiner Krankenkasse abgewimmelt oder falsch beraten fühlt, kann sich auch hierbei für Unterstützung an Beratungsstellen wie den Arbeitskreis Gesundheit, die Unabhängige Patientenberatung oder den Sozialverband wenden.

"Flexirente" soll Reha für Kinder und Jugendliche stärken

Zehntausende chronisch oder psychosomatisch kranke Kinder und Jugendliche brauchen aus Sicht von Experten eine Reha. Doch nur ein kleiner Teil von ihnen bekommt bislang einen Reha-Platz. Das Rentengesetz bietet ein neues Modell, die sogenannte Flexirente: Dadurch werden neben der Zuständigkeit der Krankenkassen Rehas für Kinder und Jugendliche über mindestens vier Wochen zusammen mit der Nachsorge zu einer Pflichtleistung der Deutschen Rentenversicherung. Außerdem sollen ambulante Nachsorge-Maßnahmen angeboten werden, die die Kinder zu Hause in Anspruch nehmen könnten. Neu ist, dass bei Kindern eine erneute Reha innerhalb von vier Jahren nicht abgelehnt werden kann, weil die Wartefrist noch nicht abgelaufen ist.

Nach einer Studie des Robert Koch Instituts haben etwa 16 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland ein chronisches Gesundheitsproblem. Bei jedem fünften Kind zwischen 3 und 17 Jahren können laut Studie Hinweise auf psychische Störungen festgestellt werden. Hinzu kommen häufig Schulprobleme.

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Experten zum Thema

Ingo Dörr, Geschäftsführer
Arbeitskreis Gesundheit e. V.
Gustav-Mahler-Straße 2, 04109 Leipzig
(0341) 870 59 59-0
www.arbeitskreis-gesundheit.de

Uwe Mäckelburg, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin, Chirotherapie, Allergologie
Praxis für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Rückenzentrum Am Michel
Ludwig-Erhard-Straße 18, 20459 Hamburg
www.ruecken-zentrum.de

Prof. Dr. Florian Barvencik, Orthopäde und Unfallchirurg, Sportmedizin, manuelle Medizin, Osteologie
Institut für Osteologie und Biomechanik
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Lottestraße 59, 22529 Hamburg
(040) 74 10-56 242
www.uke.de

Karin Wöhrmann, Landesgeschäftsführerin
Abteilungsleitung Presse/Marketing/Sozialpolitik
Sozialverband Deutschland e.V., Landesverband Hamburg
Pestalozzistraße 38, 22305 Hamburg
(040) 611 607-0
www.sovd-hh.de

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Visite | 31.07.2018 | 20:15 Uhr

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