Stand: 04.05.2018 17:50 Uhr  | Archiv

Pro oder Kontra: Soll Alkohol teurer werden?

Alkohol ist in Deutschland viel zu billig und zu einfach zu haben, bemängeln Suchtexperten. Sie fordern eine drastische Erhöhung der Preise. Aus ihrer Sicht könne nur so Alkoholsucht wirksam bekämpft werden - und es wäre auch ein Schutz für Jugendliche, die oftmals zu viel trinken. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), meint, dass billiger Alkohol jüngere Menschen mit geringem Einkommen zum Trinken animiert.

Die beiden NDR Info Redakteure Tom Heerdegen und Ulrich Czisla haben unterschiedliche Ansichten zur Frage, ob die Preise für Alkohol - wie jetzt in Schottland durch einen Mindestpreis - auch in Deutschland angehoben werden sollten. Was meinen Sie? Schreiben Sie uns - unten auf dieser Seite.

Pro

"In Sachen Alkohol sind wir ein echter Sozialstaat", meint Tom Heerdegen.

Tom Heerdegen © NDR
Alkohol teurer zu machen, wäre ein Schritt in die richtige Richtung, um den Alkoholmissbrauch einzudämmen, meint Tom Heerdegen.

Alkohol ist ein Problem in Deutschland. Ein großes Problem. Und Alkohol ist billig in Deutschland. Sehr billig. Fachleute sagen, dass es bei uns fast zehn Millionen Menschen gibt, deren Alkoholkonsum gesundheitlich bedenklich ist. Eine Flasche Weinbrand kostet beim Discounter 3,99 Euro. Jedes Jahr sterben etwa 20.000 Deutsche an den Folgen des Alkoholmissbrauchs. 0,7 Liter Doppelkorn gibt es für 4,99 Euro. Jedes Wochenende landen Jugendliche nach dem Koma-Saufen im Krankenhaus. Der Wodka im Sonderangebot ist für weniger als fünf Euro zu haben.

Glauben Sie, es gibt da irgendwo einen Zusammenhang? In Sachen Alkohol sind wir ein echter Sozialstaat - einen Vollrausch können sich in Deutschland auch die Armen leisten. Billiger gibt's das fast nirgendwo in Europa. Fast zehn Liter reinen Alkohol trinkt der Deutsche pro Jahr, einen Eimer randvoll. Das ist natürlich ein rein statistischer Wert, bei manchem werden es auch zwei, drei oder mehr Eimer sein. Ein bisschen viel unterm Strich - und der Gesundheit nicht eben förderlich.

Am Ende wird der Alkohol dann doch teuer: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat ausgerechnet, dass sich die volkswirtschaftlichen Kosten jährlich auf gut 26 Milliarden Euro belaufen. Und was unternimmt unsere Regierung? Während die Politiker beim Thema Rauchen mächtig Dampf abgelassen, Steuern erhöht, Verbote verhängt und schließlich eine gesellschaftliche Veränderung mitbewirkt haben, bleiben sie angesichts der Gefahren des Alkoholmissbrauchs seltsam ruhig.

Liegt das vielleicht auch daran, dass es in Deutschland weniger Tabakplantagen als Weinberge gibt und folglich die Lobby von Brauern und Winzern eine durchaus starke ist? Die Steuern zu erhöhen und Alkohol teurer zu machen, reicht bestimmt nicht aus, um das Suchtproblem zu lösen. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Und den sollte der Staat - in unser aller Interesse - endlich gehen.

Kontra

"Auf die Erziehung der Jugendlichen kommt es an", meint Ulrich Czisla.

Ulrich Czisla © NDR / Foto: Christian Spielmann
"Muss der Staat wirklich alles und jedes im Leben seiner Bürger regulieren?", fragt Ulrich Czisla.

Zu viel Fett ist ungesund. Keine Frage. Und zu viel Zucker. Und natürlich das Rauchen. Ebenso wie übermäßiger Fleisch-Konsum. Selbst zu viel Obst kann krank machen. Wenn Suchtexperten jetzt - nach schottischem Vorbild - einen Mindestpreis für Alkohol fordern, ist auch das sicherlich vernünftig, wenn man die Folgen von Alkoholmissbrauch betrachtet.

Die Frage ist nur: Muss der Staat wirklich alles und jedes im Leben seiner Bürger regulieren? Muss er ihnen den Veggie-Day vorschreiben, um den Fleischkonsum einzudämmen, den Zuckergehalt gesetzlich senken und für Alkohol Mindestpreise einführen? Muss das Leben für 95 Prozent der Bürger im Land schwieriger und teurer gemacht werden, weil die übrigen fünf Prozent nicht gelernt haben, sich im Leben zu beschränken - und eben nicht übermäßig zu fressen oder zu saufen?

Wirklich wichtig ist es, Jugendliche so zu erziehen, dass ihnen bewusst ist, dass sie nicht nur der Gemeinschaft, sondern auch sich selbst und ihrem Körper gegenüber Verantwortung tragen. Staatliche Vorschriften sind da sinnvoll, wo es um die Regulierung des Miteinanders geht, wo klar sein muss, was erlaubt ist, weil es sonst gefährlich wird. Im Straßenverkehr etwa, bei den Paragrafen des Strafgesetzbuches oder bei den Arbeits- oder Bauvorschriften. Der Konsum von Fett, Zucker und Schnaps aber muss nicht reguliert werden, hier sollte jeder selbst wissen, was für ihn gut ist - oder auch nicht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 04.05.2018 | 17:08 Uhr

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