Was tun bei einer Pilzvergiftung?

Stand: 22.09.2020 18:19 Uhr

Fast jeder essbare Pilz hat einen giftigen Doppelgänger. Wie unterscheidet man beide voneinander? Und was ist beim Verdacht auf eine Pilzvergiftung zu tun?

Mehrere Tausend Pilzarten gibt es in Deutschland. Und obwohl viele von ihnen lecker aussehen, kann ihr Genuss lebensgefährlich sein. Daher empfehlen Experten den Verzehr selbst gesammelter Pilze nur geübten Sammlern. Denn fast jeder essbare Pilz hat einen giftigen Doppelgänger. Bei der Identifizierung reicht es nicht, ausschließlich auf ein Pilzbestimmungsbuch oder einer App zu vertrauen. Pilzsachverständige können dabei helfen zu entscheiden, ob ein Pilz essbar ist oder nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie hat bundesweit ehrenamtliche Pilzberater ausgebildet und geprüft.

Pantherpilz und Perlpilz

Ein gefährlicher Doppelgänger ist der Pantherpilz. Er sieht dem Perlpilz, einem zum Beispiel in Sachsen sehr beliebten Speisepilz, sehr ähnlich - vor allem, wenn er noch jung ist. Daher kann es zu lebensbedrohlichen Irrtümern kommen, wenn beispielsweise Pilzsammler aus dem Erzgebirge in Norddeutschland Urlaub machen und dort statt des harmlosen Perlpilzes den Pantherpilz pflücken.

Knollenblätterpilz und Wiesenchampignon

Für mehr als 90 Prozent der tödlich verlaufenden Pilzvergiftungen ist der Knollenblätterpilz verantwortlich. Etwa ein Drittel der Vergiftungen verlaufen tödlich. Der Knollenblätterpilz wird häufig mit dem Wiesenchampignon verwechselt. Er hat unten eine deutlich abgesetzte Knolle. Er hat aber vor allem - und das ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal - weiße Lamellen. Der Champignon hingegen hat immer rosafarbene und später bräunliche Lamellen.

Leberversagen durch Verzehr von Knollenblätterpilzen

Die Gifte des Knollenblätterpilzes, die Amatoxine, zerstören die Leber. Erste Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfälle und Halluzinationen treten in der Regel erst sechs bis zwölf Stunden nach dem Verzehr auf. Und obwohl die Beschwerden dann zunächst zurückgehen, beginnen die Gifte bereits etwa 24 Stunden nach dem Verzehr die Leber zu zerstören. Im schlimmsten Fall kann eine Knollenblätterpilz-Vergiftung zum Leberversagen führen.

Knollenblätterpilz-Vergiftung behandeln

Innerhalb der ersten Stunden nach dem Verzehr von Knollenblätterpilzen müssen alle Pilzreste aus dem Magen-Darm-Trakt entfernt werden. Das aus der Mariendistel gewonnenen Gegengift Silibinin (Legalon) kann die Aufnahme des Pilzgiftes in die Leberzellen verhindern. Mit hoch dosierter medizinischer Kohle versuchen Ärzte, das Gift des Knollenblätterpilzes im Körper zu binden und die Leberzerstörung zu stoppen.

Die Behandlung muss so schnell wie möglich beginnen, denn mit der Zeit schreitet die Leberzersetzung immer weiter voran. Ist der Prozess nicht mehr aufzuhalten, hilft nur eine Lebertransplantation, bevor weitere Organe versagen, zum Beispiel die Nieren.

Gifthäubling und Stockschwämmchen

Auch der Gifthäubling ist für den Menschen gefährlich. Er ähnelt dem essbaren Stockschwämmchen, das an Stämmen von Laubbäumen wächst. Eine Verwechslung der beiden Sorten passiert deshalb, weil der Gifthäubling mittlerweile nicht mehr nur an den Stämmen von Nadelhölzern wächst, sondern auch an Laubbäumen.

Bei Verdacht auf Pilzvergiftung sofort ins Krankenhaus

Beim Verdacht auf eine Pilzvergiftung sollte man sich so schnell wie möglich in die Notaufnahme eines Krankenhauses begeben und das Giftinformationszentrum-Nord verständigen - Telefon: (0551) 192 40. Zur Untersuchung am besten Reste der verzehrten Pilze mitbringen. Alle an der Mahlzeit beteiligten Personen informieren.

Speisepilze nicht immer genießbar

Auch Speisepilze sind nicht ausnahmslos genießbar. Die meisten Pilzvergiftungen werden nicht durch Giftpilze verursacht, sondern durch Speisepilze, die bereits beim Sammeln faul sind, in Plastiktüten transportiert oder falsch gelagert werden. Die Symptome können denen einer echten Pilzvergiftung ähneln.

  • Matschige oder madige Pilze dürfen nicht mehr gegessen werden, denn bei ihnen hat bereits die Zersetzung des Pilzeiweißes begonnen und das kann im schlimmsten Fall zu einer Lebensmittelvergiftung führen: Bakterien, Schimmelsporen und zersetztes Eiweiß lösen Durchfall, Fieber und Übelkeit aus.

  • Viele Waldpilze, vor allem Steinpilze und Maronen, verderben ähnlich schnell wie rohes Hackfleisch oder Fisch und sollten innerhalb von 24 Stunden zubereitet werden. Die Reste höchstens einen Tag im Kühlschrank aufbewahren.

Apps zur Pilzbestimmung oft nicht hilfreich

Immer mehr Pilzsammler benutzen Smartphone-Apps zur Pilzbestimmung. Doch nach Ansicht von Experten sollte man sich darauf nicht verlassen: Die Verwechslungsgefahr sei in vielen Fällen zu groß. Sie empfehlen, an einer geführten Wanderung mit einem Pilzspezialisten teilzunehmen. Auch Pilzsachverständige der Deutschen Gesellschaft für Mykologie überprüfen gesammelte Pilze.

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Experten zum Thema

Dr. Oliver Duty, Landespilzsachverständiger
Landesamt für Gesundheit und Soziales Mecklenburg-Vorpommern
Standort Rostock
Gertrudenstr. 11, 18057 Rostock
www.lagus.mv-regierung.de

Ria Bütow, Pilzberaterin
Niklotstr. 8, 18057 Rostock
Prof. Dr. Andreas Schaper, Leiter
Universitätsmedizin Göttingen - Georg-August-Universität
Giftinformationszentrum-Nord der Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein (GIZ-Nord)
Robert-Koch-Straße 40, 37075 Göttingen
www.giz-nord.de

Prof. Dr. med. Matthias Birth, Ärztlicher Direktor
Facharzt für Chirurgie, Viszeralchirurgie und Gefäßchirurgie
Fachbereich Chirurgie
Helios Hanseklinikum Stralsund
Große Parower Str. 47-53, 18435 Stralsund
www.helios-gesundheit.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 22.09.2020 | 20:15 Uhr

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