Stand: 29.06.2016 14:32 Uhr  | Archiv

Augen auf beim Arzneimittelkauf im Internet

von Marion Feldkamp
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Mit wenigen Klicks kann man Medikamente im Internet kaufen, aber dabei ist besondere Vorsicht gefragt, denn viele sind gefälscht.

Jedes zweite Medikament, das im Internet angeboten wird, ist mittlerweile eine Fälschung. Das haben jetzt unter anderem Wissenschaftler der Universität Osnabrück in einem zweijährigen Projekt festgestellt. Dass diese Fälschungen für den Patienten gefährlich sein können, zeigt ein Beispiel: Nimmt ein Patient einen Blutdrucksenker, in dem wichtige Substanzen fehlen, dann kann das zum Tod führen.

Die Medikamenten-Fälscher verdienen mit ihren Tabletten inzwischen sogar mehr Geld als ein Drogenhändler. Für ein Kilogramm eines gefälschten Potenzmittels bekommen die Händler etwa 90.000 Euro. Die gleiche Menge Kokain bringt dagegen nur rund 50.000. Das schildert Arndt Sinn, Rechtswissenschaftler der Universität Osnabrück und Leiter des Zentrums für internationale Strafrechtsstudien.

Schwierige Rechtslage

Er hat den Arzneimittelmarkt im Internet in den 28 EU-Mitgliedsstaaten untersucht, gemeinsam mit Vertretern von Zoll und Bundeskriminalamt. Das Ergebnis: Die Strafen für Medikamentenfälschungen im Internetversand sind in den Staaten ganz unterschiedlich. "Die Folgen sind gravierend, weil wir festgestellt haben, dass die Arzneimittelkriminalität in der Regel grenzüberschreitend erfolgt. Das heißt, die Beweise liegen irgendwo im Ausland. Aber die Polizei eines Landes kann nicht einfach in das andere Land gehen und dort Beweise sammeln. Das wäre eine Souveränitätsverletzung", so Sinn.

Oft bleiben die Fälschungen unentdeckt

In vielen Fällen bleibt die Arzneimittelkriminalität unentdeckt. In der Zollkriminalstatistik hat es im vergangenen Jahr in Deutschland 1.280 entsprechende registrierte Straftaten gegeben - Tendenz steigend. "Für den Verbraucher ist ein gefälschtes Medikament nur zum Teil gut erkennbar", sagt Arndt Sinn, "nämlich dann, wenn die Fake-Shop-Besitzer die Medikamente in Klemmbeuteln vertreiben. Der Verbraucher sollte niemals etwas einnehmen, das in Klemmbeuteln geliefert wird. Das ist in Deutschland schlicht und einfach verboten."

Woran erkennt man gefälschte Medikamente?

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Registrierte Arzneimittelhändler

Infos des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DMDI) über zugelassene Online-Händler. extern

Hierzulande müssen Tabletten immer eingeschweißt sein. Auch sollten Verbraucher beim Internetkauf darauf achten, dass der Anbieter ein Prüfsiegel hat. "Das kann angeklickt werden, um zu sehen, ob der Verkäufer zertifiziert ist", erklärt Heinrich Meyer, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes der deutschen Versandapotheken. Nach seinen Angaben bestellen Verbraucher im Internet häufig gefälschte sogenannte Lifestyle-Produkte. Dazu zählten Produkte, die zur Potenzsteigerung genutzt werden, Schlankheitsmittel oder Mittel, die den Haarwuchs fördern sollen. Außerdem würden im Internet auch Präparate zur Leistungssteigerung bestellt, die mit Doping vergleichbar seien.

Fälscher haben leichtes Spiel

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Legal gehandelte Medikamente müssen nach deutschem Recht eingeschweißt sein. Man sollte sie nur in vertrauenswürdigen Shops kaufen.

Seit rund zwölf Jahren dürfen in Deutschland Medikamente über das Internet angeboten werden. Inzwischen haben die Online-Anbieter bei rezeptfreien Arzneien einen Marktanteil von zehn Prozent. Das Fälschen von Medikamenten, so der Wissenschaftler Arndt Sinn, sei da im Grunde ganz einfach: "Sie können im Internet auf den einschlägigen Seiten nicht nur die Grundstoffe kaufen, sondern auch gleich die dazugehörige Maschine, die sofort in Blister verpackt und auch noch das entsprechende Siegel draufmacht."

Zoll versucht Kriminellen auf die Spur zu kommen

Die Grundstoffe würden in China hergestellt. Dort gebe es keinen Verfolgungsdruck der Behörden, so Sinn. In Deutschland hat der Zoll mittlerweile sein Personal im Bereich der Arzneimittelkriminalität aufgestockt. Denn die Ermittlungen würden immer kniffliger, weil auch die Täter immer raffinierter würden, so eine Zoll-Sprecherin.

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Kampf gegen illegale und gefälschte Arzneimittel

Die Polizei informiert über die Arbeit der Zollbehörden. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Radio-Visite | 29.06.2016 | 09:20 Uhr

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