Stand: 08.03.2016 12:43 Uhr  - Visite  | Archiv

Narkose: Neues Konzept für Ältere rund um OP

Ein Mann wird für die Narkose vor einer OP vorbereitet.
Es wird intensiv daran gearbeitet, Narkosen für ältere Menschen verträglicher zu machen.

Obwohl Narkosen heutzutage sehr sicher sind, bestehen gerade für ältere Patienten zusätzliche Risiken. So kann es nach einer Operation zu Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen (postoperative kognitive Dysfunktion, POCD) kommen. 30 bis 40 Prozent der Patienten über 60 Jahren leiden nach einer Operation unter einer vorübergehenden Einschränkung ihrer geistigen Leistungsfähigkeit - vor allem nach Vollnarkosen. Auch langfristige Beeinträchtigungen während des Heilungsprozesses und im Alltag sind nicht selten.

Postoperative kognitive Dysfunktion: Wer hat ein erhöhtes Risiko?

Bei älteren Patienten und Menschen, die an Depressionen, Demenz oder Durchblutungsstörungen leiden, ist dieses Risiko erhöht. Deshalb muss gerade bei ihnen die Narkose optimal vorbereitet werden. Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gibt es die deutschlandweit erste Professur für Gerontoanästhesiologie. Hier wurde gemeinsam mit Chirurgen ein Konzept zur Behandlung älterer Patienten rund um die OP entwickelt.

Vorgespräch vor der Operation wichtig

Eine wichtige Rolle spielt dabei das Vorgespräch, in dem mit dem Patienten die Narkoseform besprochen wird. Danach entscheidet sich auch die Wahl des Narkosemittels. Kognitive Tests vor und nach der Operation sollen Aufschluss bringen, ob sich die Denkleistung des Patienten nach dem Eingriff verschlechtert hat. Bei Herzproblemen kann ein EKG, ebenfalls vor und nach der OP, zeigen, ob neue Rhythmusstörungen aufgetreten sind. Bei Lungenproblemen wird vor der OP ein Lungenfunktionstest durchgeführt: Das Ergebnis soll zeigen, ob ein Atemtraining als Vorbereitung auf die OP nötig ist.

So läuft der OP-Tag ab

Am OP-Tag sprechen alle Mitarbeiter den Patienten mit Namen an - so wird ihm das Gefühl der Orientierung gegeben und die Gefahr einer akuten Verwirrtheit (Delir) gemindert. Vor der Narkose bekommt der Patient eine konstant 43 Grad warme Wärmedecke. Das verhindert das Auskühlen und der Patient benötigt weniger Beruhigungstabletten wie Benzodiazepine, die im Verdacht stehen, ein Delir auszulösen.

Außerdem kann das Wärmen Komplikationen verhindern. Ältere erleiden häufiger Komplikationen wie Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt, Herzstillstand und vermehrten Blutverlust. Während der Narkose wird neben der Körperkerntemperatur auch die Narkosetiefe anhand der Hirnströme kontrolliert. Bei Senioren sollte die Narkose nicht zu tief sein, denn je tiefer sie ist, desto höher ist das Risiko für ein Delir und kognitive Einschränkungen.

Einige Tage nach dem Eingriff werden die Tests wiederholt. In Zukunft möchten die Hamburger Anästhesisten eine Station speziell für ältere Patienten einführen - für eine bessere Nachsorge und um besser überprüfen zu können, ob nach der Operation Schäden zurückgeblieben sind.

Interviewpartner

Im Beitrag und Studio:
Univ.-Prof. Dr. Rainer Kiefmann
Gerontoanästhesiologe
Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
E-Mail: r.kiefmann@uke.de
Internet: www.uke.de

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Visite | 08.03.2016 | 20:15 Uhr

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