Stand: 24.08.2015 16:53 Uhr  | Archiv

Multiple Sklerose gibt noch immer Rätsel auf

von Sigrun Damas, NDR Info

Manche Patienten bemerken zuerst Sehstörungen, andere ein Kribbeln auf der Haut, das nicht mehr weggeht. Später können Probleme beim Schlucken oder Sprechen auftauchen, Muskelkrämpfe oder Lähmungen in Armen und Beinen. Bei fast jedem verläuft die Krankheit anders.

Der Körper zerstört sich selbst

Bei einer Multiplen Sklerose greift der eigene Körper die Nerven an (grafische Darstellung).

Die Multiple Sklerose, oft kurz MS genannt, ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems und eine sogenannte Autoimmunerkrankung. Der Körper zerstört sich selbst. Das eigene Immunsystem greift die Umhüllungen von Nervenfasern und irgendwann auch die Nervenzellen selbst an. Selbst Medizinern ist die Krankheit bis heute ein Rätsel. "Die MS bleibt für uns immer noch mysteriös. Wir verstehen noch wenig von den Prozessen, die im Gehirn selbst ablaufen, wie wir die Nervenhüllen und die Nervenzellen besser schützen können", sagt der Neuropathologe Wolfgang Brück. 

Ursachen noch unklar

In seinem Labor an der Universitätsklinik Göttingen sucht er nach Antworten. Wolfgang Brück hat dort eine seltene Sammlung: über 700 Hirnproben MS-Kranker. Solche Biopsien werden Patienten nur in Ausnahmefällen entnommen. Wolfgang Brück kann Erkrankten also direkt ins Gehirn schauen. Fragt man ihn, womit und warum die Multiple Sklerose beginnt, muss er aber passen. "Wir sehen, dass die Erkrankung entzündlich ist. Das heißt, das Immunsystem greift die körpereigenen Nervenfasern an. Aber wir sehen nicht, warum das Immunsystem fehlgeleitet ist, ins Gehirn wandert und dort Strukturen zerstört."

Spielen die Lebensumstände eine Rolle?

Was bringt das Immunsystem also dazu, sich gegen den eigenen Körper zu richten? Es gibt bisher nur Vermutungen. Der Neurologe Friedemann Paul von der Berliner Charité glaubt, dass es auch etwas mit unseren modernen Lebensumständen zu tun hat. Denn die hätten auch die Krankheiten in unserer Gesellschaft verändert. So erkranken seit Ende der Zweiten Weltkriegs immer weniger Menschen an Infektionskrankheiten wie Mumps, Masern oder Tuberkulose, während die Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose zunehmen. "Es gibt Wissenschaftler, die vermuten, dass es zwischen diesen Phänomenen einen Zusammenhang gibt. Ein Stichwort ist die Hygienehypothese. Sie besagt, dass ein Immunsystem die Auseinandersetzung mit bestimmten Erregern in der Kindheit braucht, damit es sich gesund entwickeln kann." Mehr Hygiene, Impfungen und Antibiotika - Faktoren, die dafür sorgen, dass unser Immunsystem immer weniger zu tun hat. Es kommt aus dem Training und kann dann nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden.

Vitamin-D-Mangel als Ursache?

Aber warum bekommen dann nur einige Menschen Multiple Sklerose und andere nicht? Erbanlagen spielen dabei eine Rolle, aber sie erhöhen das MS-Risiko nur um etwa 20 bis 30 Prozent. Es muss also noch andere Faktoren geben. Einer könnte ein Mangel an Vitamin D sein. "Wir wissen schon länger, dass Vitamin D eine Rolle im Knochenstoffwechsel spielt und vor Osteoporose schützt. Seit wenigen Jahren wissen wir aber auch, dass Vitamin D ein Botenstoff ist, der eine regulatorische Funktion auf das Immunsystem hat. Zu wenig Vitamin D könnte bedeuten, dass sich das Immunsystem mehr in Richtung Autoaggression entwickelt und damit auch körpereigene Strukturen angreifen kann, wie das bei MS der Fall ist", so Paul. Vitamin D bildet der Körper aus Sonnenlicht. Das könnte auch erklären, warum auf der Südhalbkugel der Erde kaum Menschen an MS erkranken, auf der Nordhalbkugel aber immer mehr.

Epstein-Barr-Virus als Risikofaktor

Ein Risikofaktor ist das Rauchen, denn Raucher haben ein geschwächtes Immunsystem. Ein Faktor könnte auch eine Virusinfektion sein, die Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus. Der Neurologe Klemens Ruprecht von der Berliner Charité forscht dazu. "Wir wissen, dass praktisch alle MS-Patienten eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus durchgemacht haben. Wenn man so eine Infektion im frühen Erwachsenenalter durchmacht, manifestiert die sich als Pfeiffersches Drüsenfieber. Die Menschen, die ein Pfeiffersches Drüsenfieber durchgemacht haben, haben ein doppelt so hohes Risiko, MS zu entwickeln wie Personen, die eine stumme Infektion im Kindesalter durchgemacht haben."

Dennoch sind auch in Bezug auf das Epstein-Barr-Virus viele Fragen offen. Fast 100 Prozent aller MS-Patienten haben es, aber auch 95 Prozent der Restbevölkerung. Das Virus ist also stark verbreitet und nur ein kleiner Teil seiner Träger bekommt eine Multiple Sklerose. "Es erhöht das Risiko. Wenn wir die Daten nehmen, muss man sagen: Es ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung für die Entwicklung einer MS", so Klemens Ruprecht.

So viel ist klar: Trotz intensiver Forschung bleibt die Multiple Sklerose mysteriös. Sie entsteht auf dem Nährboden bestimmter Risikogene und in Kombination mit äußeren Risikofaktoren. Vermutlich sind aber längst noch nicht alle bekannt. Und genauso rätselhaft wie der Beginn der Krankheit bleibt auch ihr Verlauf, sagt der Neuropathologe Wolfgang Brück. "Da sind noch sehr, sehr viele Fragen offen. Wir haben keine Marker, die uns Hinweise geben über den Verlauf der Erkrankung."

Weitere Informationen

Multiple Sklerose erkennen und behandeln

Durch Entzündungen im Nervensystem treten verschiedene Störungen auf. Die chronische Autoimmunkrankheit verläuft in Schüben, lässt sich aber durch gezielte Therapien verlangsamen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Radio-Visite | 25.08.2015 | 09:20 Uhr

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