Stand: 30.01.2018 13:33 Uhr  | Archiv

Migräne: Mit Antikörpern gegen Kopfschmerzen

Fast sieben Millionen Menschen in Deutschland leiden an Migräne. Und trotz aller Bemühungen bekommt jeder dritte Migränepatient die Anfälle nicht in den Griff. Nun scheinen Forscher aber einen Weg gefunden zu haben, eine neue Ära in der Migräne-Behandlung einzuleiten - mit künstlichen Antikörpern.

Neuartige Antikörper beugen Anfällen vor

Die Mediziner vermuten, dass der Botenstoff CGRP eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräneschmerzen spielt und haben deshalb gezielt Wirkstoffe entwickelt, die diesen Botenstoff blockieren. Messungen haben gezeigt, dass zu Beginn einer Migräneattacke im Trigeminusnerv große Mengen des CGRP freigesetzt werden. Der Botenstoff bindet an spezielle Rezeptoren und setzt so eine Kettenreaktion in Gang: Die Blutgefäße erweitern und entzünden sich, die Schmerzwahrnehmung wird gesteigert.

Wirkstoff wird unter die Haut gespritzt

Die im Labor entwickelten Antikörper binden direkt an den Botenstoff CGRP und machen ihn so unschädlich. Antikörper eines anderen Herstellers blockieren dagegen die CGRP-Rezeptoren, damit der Botenstoff nicht mehr andocken kann. In beiden Fällen wird das CGRP weiter ausgeschüttet. Es kann aber nicht mehr so wirken wie vorher und die Migräneattacken werden seltener. Die Antikörper zirkulieren mehrere Wochen im Blut, bevor sie schließlich abgebaut werden. Deshalb müssen die Wirkstoffe alle zwei bis vier Wochen unter die Haut gespritzt werden.

Studienergebnisse machen Mut

Inzwischen liegen die Ergebnisse mehrerer großer Studien vor, die alle die gleiche Aussage treffen: Vier von zehn Patienten litten deutlich seltener unter Migräne, hatten nur noch halb so viele Attacken wie vorher oder sogar noch weniger. 10 bis 20 Prozent der Patienten haben unter dieser Behandlung überhaupt keine Migräneattacken mehr. Doch bei gut der Hälfte der Teilnehmer blieb die Therapie erfolglos. Der Grund dafür ist noch unklar. Dennoch haben sich die CGRP-Antikörper damit als erfolgreicher erwiesen, als alle zuvor für die Vorbeugung verwendeten Arzneimittel. Zudem verursachten sie in den Studien keine schweren Nebenwirkungen. Allerdings gibt es noch keine Langzeitergebnisse, die zeigen, ob nach langjähriger Anwendung Nebenwirkungen auftreten. Die Zulassung der Antikörpertherapie ist in den USA und in der EU eingereicht. Voraussichtlich noch in 2018 werden sie in den USA auf den Markt kommen, für die EU ist die Zulassung noch nicht abzusehen.

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Interviewpartner

Prof. Dr. Arne May, Neurologe
Dr. Jan Rodrigo Hoffmann
Institut für Systemische Neurowissenschaften
Zentrum für Experimentelle Medizin
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52, 20246 Hamburg
Internet: www.uke.uni-hamburg.de/

Weitere Informationen:
CTC North GmbH & Co. KG (Clinical Trial Center im UKE)
Martinistraße 64 (Spectrum am UKE), 20251 Hamburg
Tel. (040) 52 47 19 111
Internet: www.ctc-north.com

Anmeldung für Patienten, die sich für eine Studienteilnahme interessieren
Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V.
Ölmühlweg 31, 61462 Königstein im Taunus
Tel. (06174) 290 40
Internet: www.dmkg.de

Deutsche Schmerzliga e.V.
Postfach 74 01 23, 60570 Frankfurt am Main
Schmerztelefon (069) 13 82 80 22 (Mo., Mi., Fr. 9-11Uhr)
Internet: www.schmerzliga.de

MigräneLiga e.V. Deutschland
Bundesgeschäftsstelle
Kurpfalz-Centrum – Bürohaus 10
Römerstraße 2-4, 69181 Leimen
Internet: www.migraeneliga.de

Migräne-App der Schmerzklinik Kiel und der Techniker Krankenkasse
Internet: http://www.schmerzklinik.de/

Ratgeber:
Hartmut Göbel: Erfolgreich gegen Kopfschmerzen und Migräne.
431 S., Springer (8. Auflage, 2016), 24,99 Euro

Dieses Thema im Programm:

Visite | 30.01.2018 | 20:15 Uhr

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