Stand: 15.01.2019 12:05 Uhr

Medizin ohne Wirkstoff: Wie Placebos wirken

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Pillen müssen nicht bitter sein, um zu wirken.

Der Placebo-Effekt beschreibt die Wirkung eines Medikaments, die nicht auf einen der enthaltenen Wirkstoffe zurückgeht. So kann der Effekt bei allen Arzneitherapien eine Rolle spielen, nicht nur bei der Gabe von Scheinmedikamenten ohne Wirkstoff (Placebos im engeren Sinne). Schon die Erwartung einer Wirkung kann Schmerzen lindern - oder zumindest die Wirkung eines Medikaments unterstützen.

Eine Hand greift nach Tabletten, die auf einem Tisch liegen

Medizin ohne Wirkstoff: Wie Placebos wirken

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Medikamente ohne pharmakologischen Wirkstoff können kranken Menschen helfen. Vor allem in der Schmerztherapie werden die sogenannten Placebos eingesetzt.

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Placebos in der Schmerztherapie

Besonders gut erforscht ist der Placebo-Effekt in der Schmerztherapie. Die Scheinpräparate aktivieren im Gehirn genau die gleichen Botenstoffe, die auch durch echte Schmerzmedikamente ausgeschüttet werden. Die Placebo-Wirkung ist also keine Einbildung.

Experten schätzen, dass der Placebo-Effekt bei Schmerzmedikamenten rund ein Drittel der Wirksamkeit ausmacht. Entscheidend ist, dass die Selbstheilungskräfte des Körpers angestoßen werden. Allerdings sind nicht alle Menschen gleich stark empfänglich für die Mechanismen des Placebo-Effektes.

Wirkung durch Erwartung und Verstärkung

Ob es zu einem Placebo-Effekt kommt und wie stark er ausgeprägt ist, hängt von Erwartungen, Erfahrungen und Verstärkungsfaktoren ab:

  • Erwartung: Eine entscheidende Voraussetzung für die Entstehung eines Placebo-Effektes ist die innere Zuversicht des Menschen, dass das Medikament wirken wird. Auch ein vertrauensvolles Verhältnis zum Arzt erzeugt eine positive Erwartung.

  • Erfahrung: Haben Medikamente bereits in der Vergangenheit gut gewirkt, erinnert man sich - oft auch unbewusst - an den Erfolg. Die positive Reaktion auf das Medikament wird regelrecht erlernt. Psychologen nennen das "klassische Konditionierung".

  • Verstärkung: Medikamente wirken besser, wenn der Arzt die Wirkung überzeugend erklärt und sich der Betroffene ein Bild davon machen kann, zum Beispiel mithilfe eines Erklärfilms.

Verschreibt der Arzt ein Placebo ohne Wissen des Erkrankten und der Erkrankte erfährt später davon, kann das das Vertrauensverhältnis erheblich gestört werden. Deshalb empfehlen Experten den Einsatz von sogenannten offenen Placebos. Dabei klärt der Arzt darüber auf, dass das Mittel keinen spezifischen Wirkstoff enthält. Doch allein die Überzeugung des Arztes, dass die Pillen wirken, kann einen Effekt auslösen.

Wirkung bis in die Zellen

Lerneffekte der klassischen Konditionierung sind in der Placebo-Forschung sogar bis auf Zellebene nachweisbar. Wird zum Beispiel ein Medikament zur Unterdrückung des Immunsystems einige Tage lang zusammen mit einer lila Brause eingenommen, reicht anschließend allein das Trinken der lila Brause, damit der Körper mit der Zügelung der Immunzellen reagiert.

Nach einiger Zeit wird der Effekt zwar wieder verlernt und die Therapie muss mit dem vollen Wirkstoff fortgesetzt werden. Doch der Ablauf kann wiederholt werden. Die Hoffnung der Forscher ist, dadurch Medikamente und damit auch Nebenwirkungen reduzieren zu können.

Placebo-Effekt bewusst nutzen

Die heilsame Wirkung der Erwartung lässt sich zum Beispiel für die Behandlung chronischer Schmerzen nutzen. Aber auch bei Asthma sind bereits positive Effekte im klinischen Alltag nachgewiesen. Dafür empfehlen Ärzte, die Tabletteneinnahme mit einem kleinen Ritual zu verbinden. Dabei kann man sich bei der Einnahme eines Medikaments bewusst machen:

  • Wie sieht die Tablette aus?
  • Wie fühlt sie sich an?
  • Wie schmeckt sie?
  • Welche Wirkung soll sie haben?

Negative Erwartung löst Nocebo-Effekt aus

Anders als der Placebo-Effekt wirkt der sogenannte Nocebo-Effekt: Wer Nebenwirkungen fürchtet, bekommt sie auch eher. Daher raten Experten, sich einen Arzt zu suchen, dem man voll vertraut und nach Absprache bei verordneter Medikamenten-Gabe auf den Blick in den Beipackzettel zu verzichten. Die gute Nachricht ist: Wenn es der behandelnde Arzt schafft, positive Erwartung und Zuversicht aufzubauen sowie Perspektiven aufzuzeigen, kann der Nocebo-Effekt gestoppt werden.

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Welche Rolle spielt der Placebo-Effekt in der Homöopathie? Dürfen Placebos auch ohne Wissen des Patienten verschrieben werden? Dr. Regine Klinger hat Fragen im Chat beantwortet. mehr

Experten zum Thema

Prof. Dr. Christian Büchel, Institutsdirektor
Institut für Systemische Neurowissenschaften
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistr. 52
20246 Hamburg
(040) 741 05 47 26
www.uke.de

PD Dr. Regine Klinger
Psychologische Leiterin des Bereichs Schmerzmedizin und Schmerzpsychologie
Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin
Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
(0 40) 741 05 28 37
www.uke.de

Placebo in der Medizin
Deutscher Ärzte-Verlag
www.bundesaerztekammer.de (PDF-Download)

Buchtipps
Manfred Poser: Der Placebo Effekt. Wie die Seele den Körper heilt.
ISBN 978-3-86191-065-7
Crotoner Verlag
19,95 Euro

Antje Maly-Samiralow
Das Prinzip Placebo. Wie positive Erwartungen gesund machen.
Knaur Verlag.
ISBN978-3-426-65750-8
18,00 Euro

Drehort im Beitrag
Schön Klinik Hamburg Eilbek
Dehnhaide 120
22081 Hamburg
www.schoen-klinik.de/hamburg-eilbek

Dieses Thema im Programm:

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