Stand: 10.03.2016 13:38 Uhr  | Archiv

Lösen Flüchtlinge die Probleme im Pflegebereich?

von Elise Landschek, NDR Info

Immer mehr Menschen in Deutschland kommen ins Renten- und damit später auch ins Pflegealter. Doch es gibt immer weniger geschultes Personal. Im Jahr 2030 werden nach Berechnungen der Bertelsmann Stiftung rund 500.000 Pflegekräfte fehlen. Gleichzeitig kommen immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland. Der Geschäftsführer des Deutschen Pflegetages, Jürgen Graalmann, sieht darin eine Lösung für den Fachkräftemangel.

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Jeder vierte Angestellte im St. Markus-Seniorenzentrum in Hamburg hat einen Migrationshintergrund. (Themenbild)

Mamadou ist 19 Jahre alt, er macht gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Hamburger Seniorenzentrum St. Markus der St. Martha Stiftung. Vor vier Jahren kam er als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling von Guinea-Bissau nach Hamburg, ein Jahr lang dauerte seine Flucht. Nach dem FSJ will Mamadou hier im Heim eine Ausbildung zum Altenpfleger beginnen, erzählt er: "Mein Wunschberuf in Afrika war KfZ-Mechaniker. Aber nun mache ich hier das FSJ, der Beruf macht mir richtig Spaß." Ihm hilft es sehr, mit vielen Leuten zusammenzuarbeiten - auch um noch besser Deutsch zu lernen. "Deswegen möchte ich hier eine Ausbildung machen."

"Pflege kann einen Beitrag zur Integration leisten"

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Jürgen Graalmann hofft, dass bald noch mehr nach Deutschland Geflüchtete in Pflegeheimen arbeiten werden.

Jeder vierte Angestellte im St. Markus-Seniorenzentrum hat einen Migrationshintergrund, doch Mamadou ist bislang der einzige Flüchtling. Wenn es nach dem Willen von Jürgen Graalmann, Geschäftsführer des Deutschen Pflegetages, geht, sollen bald deutlich mehr Geflüchtete in Pflegeheimen arbeiten. Die Ausbildung von Flüchtlingen zu Pflegern und Pflegeassistenten hätte für beide Seiten nur Vorteile, so Graalmann: "Dann können Flüchtlinge einen Beitrag leisten, die Situation auf dem Fachkräftemarkt zu beheben. Ich glaube, dass die Pflege einen Beitrag leisten kann zur Integration, die wir gesellschaftlich unbedingt brauchen."

Graalmann zufolge brächten viele Flüchtlinge sogar schon von Haus aus die richtige Voraussetzung für den Pflegeberuf mit. In Afghanistan oder Syrien habe die familiäre Pflege einen hohen Stellenwert: "Daraus kann man auch eine Chance für die professionelle Pflege in Deutschland machen."

DIP: Sprachkenntnisse sind wichtig

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Michael Isfort mahnt zu Realismus. Flüchtlinge könnten nicht ohne Weiteres in der Pflege eingesetzt werden.

Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP) hingegen hält diesen Vorschlag im Gespräch mit NDR Info für abwegig: "Das ist eher wieder eine Kurzschlussreaktion, wie wir sie schon häufiger beobachtet haben. Da muss man sehr genau hingucken, Berufsvorbereitungsseminare machen, das muss man gut anleiten. Die Menschen brauchen ein extrem gutes Sprachvermögen und Sprachniveau, um in dem Beruf überhaupt Fuß zu fassen."

Kulturelle Unterschiede bedenken

Wer in Deutschland eine Ausbildung zum Altenpfleger absolvieren will, muss vorher verpflichtend einen Sprachkurs absolvieren. Doch das allein reiche noch nicht aus, sagt Isfort. Es sei einfach nicht jeder für den Pflegeberuf geeignet. Es gebe auch kulturelle Unterschiede, die überwunden werden müssten: "Es gibt Bereiche, wo Männer - aus kulturellen Gründen - überhaupt nicht ältere Damen nackt ausziehen und dann waschen sollen. Das ist nicht vorgesehen."

Auch der Anteil älterer Migranten steigt

Genau diese kulturelle Unterschiede sieht Pflegeexperte Graalmann aber auch als Vorteil. Denn auch der Anteil an älteren Migranten steigt, die in Deutschland künftig eine speziell auf sie zugeschnitte Pflege brauchen: "Ich glaube, dass die Flüchtlinge, die zum Teil auch aus diesen Kulturen kommen, einen Beitrag dazu leisten können, diese kultursensible Pflege aufzunehmen." Das heißt konkret: Die Flüchtlinge sprechen die Sprache der Pflegebedürftigen, und sie kennen sich auch aus mit Religion, Bräuchen und kulturellen Eigenheiten.

Der FSJler Mamadou hofft derweil weiter auf seinen Ausbildungsplatz. Er würde auch seinen Chancen vergrößern, dauerhaft in Deutschland bleiben zu können.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 10.03.2016 | 07:50 Uhr

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