Leistenbruch: Welches OP-Verfahren ist für wen geeignet?

Stand: 07.09.2021 09:59 Uhr

Wölbt sich zwischen Bauch und Oberschenkel eine Beule unter der Haut, steckt meist ein Leistenbruch dahinter. Er kann auf verschiedene Arten operiert werden.

Durch schweres Heben oder Übergewicht kann die Bauchwand so stark belastet werden, dass sie nachgibt. Die Leiste ist eine Schwachstelle des menschlichen Körpers, eine natürliche Lücke in der Bauchwand. Durch diese Lücke verläuft beim Mann der Samenstrang und bei der Frau das Mutterband, das die Gebärmutter an ihrem Platz hält. Im Laufe des Lebens kann sich diese Lücke erweitern und Bauchinhalt nach außen dringen, was von außen als Vorwölbung zu erkennen ist.

Gefahr beim Einklemmen der Darmschlinge

Auch wenn ein Leistenbruch an sich eigentlich harmlos ist, verschwindet er ohne Operation nicht wieder. Und es droht jederzeit die Gefahr, dass sich Eingeweide in den Bruchsack schieben und einklemmen. Passiert das mit einer Darmschlinge, ist das ein lebensbedrohlicher Notfall, der sofort operiert werden muss.

Bauchwandbrüche, sogenannte Hernien, können an ganz verschiedenen Stellen der Bauchwand auftreten, zum Beispiel am Nabel (Nabelhernie), am Zwerchfell (Zwerchfellhernie) oder an Narben (Narbenhernie). Die mit Abstand häufigste Hernie ist aber der Leistenbruch, weltweit bekommt etwa jeder vierte Mann im Laufe seines Lebens eine Leistenhernie, mit etwa drei Prozent sind Frauen viel seltener betroffen, ebenso Kinder mit 5 Prozent. Pro Jahr werden hierzulande rund 200.000 Leistenbrüche operiert.

 

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Dr. Wolfgang Reinpold zu Gast bei Visite.
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Leistenbruch: Welche OP-Verfahren gibt es?

Ein Leistenbruch kann mit oder ohne Kunststoffnetz repariert werden, offen oder minimalinvasiv. 4 Min

Minimalinvasive Operation ist Standard

Ein Leistenbruch kann mit oder ohne Kunststoffnetz repariert werden, offen oder minimalinvasiv per Bauchspiegelung. Dabei werden eine Kamera und die Instrumente durch winzige Schnitte in der Bauchdecke eingeführt. Standard ist heute die minimalinvasive Operation. Offene Eingriffe werden durchgeführt, wenn eine minimalinvasive Operation nicht möglich ist, etwa bei Narkoserisiken, einer blutverdünnenden Therapie oder Verwachsungen nach Voroperationen.

Lichtenstein-Operation

Weltweit wird am häufigsten die offene Lichtenstein-Operation durchgeführt. Sie wurde vor rund 40 Jahren durch den US-amerikanischen Chirurgen Irving Lichtenstein entwickelt und hat sich in vielen Studien bewährt. Dabei wird ein etwa 10 mal 15 Zentimeter großes Kunststoffnetz über den Bruch gedeckt, vernäht und fixiert. Diese Operation ist auch unter lokaler Betäubung möglich und deshalb auch für Patienten mit Narkoserisiken geeignet. Mit ihr lassen sich auch größere Leistenhernien reparieren.

Operation nach Shouldice

Die nach dem kanadischen Chirurgen Edward Earle Shouldice benannte offene Operation nach Shouldice kommt ganz ohne Kunststoffnetz aus. Stattdessen wird die Bruchlücke mit körpereigenem Gewebe verschlossen. Über einen etwa 5 bis 8 cm großen quer verlaufenden Hautschnitt oberhalb des Leistenbandes wird der Bruchsack freigelegt und geöffnet, um die darin gegebenenfalls befindlichen Eingeweide zu prüfen und wenn nötig zu versorgen. Anschließend wird der Bruchinhalt zurück in die Bauchhöhle geschoben, der Bruchsack wird entfernt und das Bauchfell mit einer Naht verschlossen. Zur zusätzlichen Stabilisierung und Verstärkung der Hinterwand des Leistenkanals wird das Leistenband in mehreren Nahtreihen mit einer Faszie vernäht. Diese Operation wird hauptsächlich bei kleineren Bruchpforten angewendet und kann bei besonderen Risiken auch unter lokaler Betäubung vorgenommen werden. Nach dem Eingriff müssen sich die Betroffenen rund sechs Wochen schonen.

TAPP-Verfahren

Beim TAPP-Verfahren (Trans­Abdominelle Präperitoneale Plastik) wird unter Vollnarkose per Bauchspiegelung von der Rückseite der Bauchwand aus ein Kunststoffnetz zwischen Bauchfell und Bauchmuskulatur eingebracht. Nach etwa drei Tagen ist es mit der Bauchwand verwachsen. Nach dem minimalinvasiven Eingriff kommt es seltener zu Schmerzen als bei offenen Operationen und die Patienten sind nach wenigen Tagen wieder belastbar.

TEP-Verfahren

Das TEP-Verfahren (Total Extraperitoneale Plastik) ist ebenfalls minimalinvasiv und ähnelt der TAPP. Die Operateure gehen dabei mit ihren Instrumenten weniger tief in die Bauchhöhle. Die Ergebnisse beider Verfahren sind in Studien im Wesentlichen vergleichbar, die TAPP ist aber für die Operateure übersichtlicher und sie können einen Blick in die Bauchhöhle werfen.

Erfahrung der Operateurin oder des Operateurs ist entscheidend

Der Erfolg einer Leistenbruchoperation hängt statistisch stark von der Erfahrung der Operateure ab. Betroffene sollten sich daher informieren, wie viele Hernien in der Klinik operiert werden und sich idealerweise in einem zertifizierten Hernienzentrum behandeln lassen. Die dort tätigen Chirurginnen und Chirurgen haben sich auf die Behandlung von Leisten- und anderen Bauchwandbrüchen spezialisiert und vergleichen ihre Ergebnisse im Deutschen Hernienregister, um die Therapie noch weiter zu verbessern.

 

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Modell der Rumpf und Oberschenkelmuskulatur © Colourbox

Neues OP-Verfahren bei Bauchwandbruch

Bei einem Bruch der Bauchwand, einer sogenannten Hernie, hilft nur eine Operation. Ein neues OP-Verfahren soll die Zahl der Rückfälle und Komplikationen senken. mehr

 

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Visite | 07.09.2021 | 20:15 Uhr

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