Stand: 21.10.2016 15:35 Uhr  | Archiv

Krebs: Dubiose Heiler und Therapeuten erkennen

Bittere Aprikosenkerne © picture alliance / Arco Images G
Der in bitteren Aprikosenkernen enthaltene Stoff Amygdalin oder Laetril wird als alternatives Krebsmittel beworben. Das sogenannte Vitamin B17 ist aber nicht nur wirkungslos gegen Krebs, sondern auch giftig.

Einzig mit Heilmusik, Kaffee-Einläufen, Natronbädern, Stromstößen, "Vitamin B 17" sowie anderen kruden Methoden oder Pseudo-Medikamenten versprechen dubiose Therapeuten Krebs zu heilen - ohne Chemo- oder Strahlentherapie. In einem Punkt haben sie Erfolg: Sie haben viele Kunden, das Geschäft lohnt sich. Für eine einzige Behandlung kassieren solche Heilpraktiker und Therapeuten mehrere Hundert Euro.

Großteil der Krebspatienten sucht Hilfe außerhalb der Schulmedizin

Insgesamt nehmen etwa 40 bis 50 Prozent aller Krebspatienten komplementäre oder alternative Präparate ein. Viele von ihnen lassen sich zudem von nicht-medizinischen Therapeuten beraten, wie eine Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Krebsgesellschaft herausgefunden hat. Diese hohen Zahlen lassen sich dadurch erklären, dass Menschen, deren Leben durch den Krebs bedroht ist oder die an den gewaltigen Nebenwirkungen von Chemo- oder Strahlentherapie leiden, die Sinnhaftigkeit einer Behandlungsmethode oft gar nicht kritisch hinterfragen. Sie sind verzweifelt und greifen nach jedem Strohhalm.

Leere und gefährliche Versprechungen selbsternannter Heiler und Therapeuten

Um trotz der Ausnahmesituation nicht Scharlatanen in die Hände zu fallen, sollten Patienten Behauptungen der Heiler oder Therapeuten überprüfen. Bei Aussagen wie den folgenden ist Vorsicht geboten:

  • Dubiose Heiler versprechen komplette Heilung - sogar dann, wenn die schulmedizinischen Therapien nicht mehr wirken.

Das entbehrt medizinisch jeglicher Grundlage und ist laut Heilmittelwerbegesetz juristisch angreifbar in Deutschland.

  • Dubiose Heiler empfehlen nicht klinisch untersuchte, manchmal in Deutschland auch nicht zugelassene Präparate als angeblich nebenwirkungsfrei und besser wirksam als Medikamente der Schulmedizin.

Auch alternative Heilmethoden und Präparate können Nebenwirkungen hervorrufen, zu Wechselwirkungen mit schulmedizinischen Medikamenten führen oder auch die Wirksamkeit einer Chemotherapie verringern.

  • Dubiose Heiler warnen vor schulmedizinischen Methoden wie Operationen, Chemo- oder Strahlentherapie und behaupten, diese seien überflüssig.

Nach wie vor sind diese Therapien die nachweislich wirksamsten Methoden im Kampf gegen die verschiedenen Krebsarten. Übereinstimmend warnen Experten davor, Krebs ohne die wissenschaftlich begründeten Therapiemaßnahmen behandeln zu wollen.

  • Dubiose Heiler verwenden Verfahren zur Diagnose, deren Aussagegehalt nicht wissenschaftlich belegt ist.

Ohne wissenschaftlich fundierte Diagnoseverfahren lässt sich keine individuell abgestimmte, gezielte Therapie gegen die vorliegende Krebsart bestimmen.

  • Dubiose Heiler unterscheiden keine Krebsarten, sondern behandeln "Krebs" allgemein.

Jede Krebsart hat ganz individuelle Eigenschaften, auf die in der schulmedizinischen Therapie eingegangen wird.

  • Dubiose Heiler sehen als Ursache der Krebserkrankung Probleme in der Psyche des Patienten - wie etwa unterdrückte Wut oder Angst. Ein Misserfolg der Therapie wird dem Patienten angelastet.

Damit wird dem Patienten ungerechtfertigt die Verantwortung für seine Krankheit und seine Heilung aufgeladen. Zudem ist die Behauptung wissenschaftlich nicht belegbar.

  • Dubiose Heiler fordern bar und womöglich sogar per Vorkasse bezahlt zu werden. Eine Rechnung gibt es nicht.

Das ist unseriöses Geschäftsgebaren.

Von wegen sanfte Heilung von Krebs durch alternative Methoden

Links

Wie gefährlich ist die alternative Krebsmedizin?

Umfangreicher Artikel im "Onko-Internetportal" der Deutschen Krebsgesellschaft. extern

Auch Alternativmedizin ist, entgegen der Versprechungen vieler dubioser Therapeuten nicht frei von Nebenwirkungen. Manche Methoden und Präparate sind sogar alles andere als harmlos. Gefährlich werden können zudem Wechselwirkungen zwischen schulmedizinischen Medikamenten und alternativen Präparaten. Den meisten Ansätzen ist gemeinsam, dass ihre Wirksamkeit bisher wenig oder gar nicht klinisch untersucht wurde und nicht belegt ist. In vielen Fällen kann das von unseriösen Therapeuten oder selbsternannten Heilern verordnete Präparat beziehungsweise dessen Dosierung sogar gefährlich für die Patienten werden.

Zwei Beispiele: Als besonders wirksame Heilmittel werden unter Alternativtherapeuten bittere Aprikosenkerne und deren Inhaltsstoff "Vitamin B17" angepriesen sowie MMS - Magical Mineral Supplement (Wundersames Mineralstoff-Präparat). Dabei wird der Bitterstoff der Aprikosenkerne im Körper zu giftiger Blausäure umgewandelt. Und hinter MMS verbirgt sich das Bleichmittel Chlordioxid.

Ausgewählte Pflanzenpräparate und Therapien können ergänzend helfen

Nicht alle Therapien und Präparate, die die alternative oder naturheilkundliche Medizin anbieten, schaden jedoch dem Körper. Unterstützend beziehungsweise begleitend angewendet oder eingenommen, können sie Krebspatienten durchaus helfen, die Lebensqualität zu verbessern. Die Therapie mit Mistelextrakten beispielsweise gilt als die am häufigsten verwendete Maßnahme in der komplementären Krebsmedizin. Auch diese und andere Präparate sollten jedoch niemals anstelle der schulmedizinischen Therapien verwendet werden und auch nur in Absprache mit dem behandelnden Onkologen.

Das Institut zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren an der Universität zu Köln (IWENV) hat eine große Auswahl alternativer Behandlungsmethoden, die bei Krebserkrankungen helfen sollen, analysiert und in drei Kategorien eingeordnet.

  1. "Wirksamkeitsgeprüfte Maßnahmen": Dazu gehören etwa Enzymtherapie, Psychoonkologische Maßnahmen und Vitamin D, aber auch Sport.
  2. Zu den "nicht hinreichend wirksamkeitsgeprüfte Maßnahmen"zählt das IWENV unter anderem Akupunktur, Aloe Vera, Misteltherapie und Traditionelle Chinesische Medizin.
  3. Die Liste mit "bedenklichen Maßnahmen" ist die längste. Darauf finden sich Bioelektrische Krebstherapie, Laetrile (Vitamin B 17), Mircacle Mineral Supplement (MMS), Noni Saft, Ozontherapie, Vitalpilze und etliche andere.

Schulmediziner sind gefordert, auf Krebspatienten besser einzugehen

Die Schulmedizin muss mehr tun, um Patienten nicht an dubiose Scharlatane zu verlieren.  Denn die meisten Patienten, die auf einen unseriösen Therapeuten hereinfallen, sind zuvor von der klassischen Medizin enttäuscht worden oder möchten selbst etwas gegen den Krebs tun und nicht nur passiv sein. Es ist also meist nicht die Behandlung an sich, die sie ablehnen. Es ist der manchmal unmenschliche Umgang im Reparaturbetrieb Krankenhaus. Viele fühlen sich mit ihrer Krankheit und den Nebenwirkungen der Therapie alleingelassen.

Kommentierte Linkliste zum Thema

Therapieformen bei Krebs
Übersicht über zahlreiche aktuelle Artikel - sowohl zu Standardbehandlungen als auch zu innovativen Ansätzen auf dem Onko-Internetportal. Ein Angebot der Deutschen Krebsgesellschaft.

Alternative Methoden zur Behandlung von Krebs
Umfangreiche Informationen des Krebsinformationsdienstes
Kontakt für Patienten:
Tel.: 0800 420 30 40
E-Mail: krebsinformationsdienst@dkfz.de

Psychoonkologen finden
Adressen von Psychotherapeuten, Ärzten, Sozialarbeitern und -pädagogen und Seelsorgern mit dem Spezialgebiet Psychoonkologie auf der Website der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie e.V.

Komplementäre und alternative Medizin bei Krebs
Überblicksinformationen sowie Listen mit Forschungsergebnissen. Am Ende der Seite gibt es eine ausführliche Auflistung von Beratungen und Behandlungsmethoden bei Krebs von A wie Akupunktur über M wie Mistel bis Z wie Zink. Zusammengestellt hat die Informationen die Arbeitsgruppe "Prävention und integrative Onkologie" der Deutschen Krebsgesellschaft.

Informationen zur Sendung
Grafik einer Krebszelle © Fotolia.com Foto: fotoliaxrender

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Dieses Thema im Programm:

45 Min | 24.10.2016 | 22:00 Uhr

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