Stand: 03.02.2020 17:44 Uhr  - Visite

Kaiserschnitt: Folgen für die kindliche Darmflora

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Fast jedes dritte Kind in Deutschland kommt per Kaiserschnitt zur Welt.

Entbindungen per Kaiserschnitt werden seit Jahrzehnten immer häufiger. Mittlerweile kommt in Deutschland fast jedes dritte Kind im OP zur Welt - auch wenn nicht immer das Leben von Mutter oder Kind gefährdet ist. Doch für die Kinder könnte dieser vermeintlich einfachere Weg ins Leben womöglich mehr Konsequenzen haben als bisher bekannt.

Das legt eine aktuelle britische Studie mit fast 600 Neugeborenen nahe. Die Forscher zeigten, dass Kaiserschnitt-Kinder eine völlig andere Darmflora haben als Kindern, die per Spontangeburt zur Welt kamen. Es dauert lange, bis sich diese Unterschiede im Laufe des Lebens ausgleichen. Bis dahin können sich Krankheitserreger leichter im Darm ansiedeln, weil die schützende gesunde Darmflora nicht vollständig vorhanden ist.

Kaiserschnitt: Folgen für die kindliche Darmflora

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Einer Studie zufolge haben Kaiserschnitt-Kinder eine völlig andere Darmflora als Kinder, die per Spontangeburt zur Welt kamen. Es dauert lange, bis sich die Unterschiede ausgleichen.

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Vaginale Entbindung stimuliert die Besiedelung des kindlichen Darms

Auf dem natürlichen Geburtsweg kommt das Neugeborene mit dem natürlichen Mikrobiom der Mutter in Verbindung, wodurch das Immunsystem des Kindes getriggert wird: Der Erstkontakt mit Bakterien hat zur Folge, dass sich eine ganz typische Flora im Darm ansiedelt. Diese Erstbesiedelung des Darmes fehlt Kaiserschnittkindern.

Die britischen Forscher analysierten die Stuhlproben von fast 600 Neugeborenen, von denen eine Hälfte auf natürlichem Wege zur Welt gekommen war, die andere per Kaiserschnitt. Das Ergebnis: Bei den per Kaiserschnitt Geborenen fanden sich nicht nur weniger "gute" Bacteroides-Stämme. Ihr Mikrobiom enthielt auch vermehrt Krankheitserreger wie Enterococcus, Enterobacter und Klebsiella-Arten. Diese Bakterienstämme findet man vor allem im Krankenhaus. Dass die Kinder deshalb krank werden, zeigt die britische Studie allerdings nicht.  

Vaginale Geburt aktiviert verschiedene Prozesse

Die vaginale Geburt ist mit mehr Stress für Mutter und Kind verbunden, was im Körper des Kindes verschiedene Prozesse aktiviert. Sie führen zum Beispiel dazu, dass die Pumpen in der Wand der Lungenbläschen eingeschaltet werden und das Fruchtwasser aus der Lunge herausgepumpt wird. Sie sorgen dafür, dass in der Leber Stärke freigesetzt wird, damit das Neugeborene nach Durchtrennung der Nabelschnur auf eigene Energiereserven zurückgreifen kann. Und sie aktivieren das sogenannte braune Fett. Die kleinen Fettdepots sitzen unter den Schulterblättern und im Hals- und Brustbereich. Sie funktionieren wie eine kleine chemische Heizung und ermöglichen es dem Neugeborenen, seine Körpertemperatur eine Zeitlang allein aufrechtzuerhalten.

Kann ein Kaiserschnitt im späteren Leben krank machen?

Mittlerweile ist nachgewiesen, dass per Kaiserschnitt Geborene vermehrt unter Zivilisationskrankheiten leiden, die sich auf ein gestörtes Mikrobiom zurückführen lassen können. Dazu zählen vor allem Darmerkrankungen, Lungenkrankheiten und bestimmte Hauterkrankungen. Laut Kinder-Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse haben Kaiserschnitt-Kinder in ihren ersten acht Lebensjahren ein erhöhtes Risiko für eine ganze Reihe von Krankheiten, darunter ADHS, Allergien, chronische Bronchitis, Adipositas und Autismus. Auch wenn Beweise dafür noch ausstehen, dass der Kaiserschnitt für die späteren Erkrankungen verantwortlich ist, sehen sich Kinderärzte bereits durch große epidemiologische Studien bestätigt: Vor allem Atemwegserkrankungen treten bei Kaiserschnitt-Geborenen häufiger auf. Dass die Darmflora für die immunologische Entwicklung, also für das Abwehrsystem des Körpers, wichtig ist, würde den Zusammenhang mit Atemwegserkrankungen und Asthma erklären.

Lassen sich mütterliche Keime nachträglich verabreichen?

Mittlerweile diskutieren Forscher, ob sich die mütterlichen Keime den per Kaiserschnitt geborenen Kindern nachträglich verabreichen ließen. Dass das tatsächlich funktioniert und dass dabei nicht auch schädliche Keime wie Streptokokken übertragen würden, muss allerdings noch in Studien bestätigt werden. Ohne Risiko und sehr effektiv ist dagegen das Stillen. Denn auch die Muttermilch fördert genau die Keime, die in den kindlichen Darm hineingehören.

Wunschkaiserschnitt - ja oder nein?

Bei einem medizinisch notwendigen Kaiserschnitt spielt die Frage nach möglichen langfristigen Folgen keine Rolle, zumal die Risikoerhöhung in absoluten Zahlen nicht dramatisch ist. Aber die Studie zeigt, dass ein Kaiserschnitt nicht von vornherein die bessere Lösung ist, sondern die gesundheitliche Entwicklung der Kinder offenbar beeinflusst. Das sollten Eltern und Ärzte bei der Entscheidung für oder gegen einen Kaiserschnitt künftig stärker beachten.

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Experten zum Thema

Prof. Dr. Kurt Hecher, Klinikdirektor und Ärztlicher Zentrumsleiter
Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin
Zentrum für Geburtshilfe, Kinder- und Jugendmedizin
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
(040) 74 10-57 832
www.uke.de

Prof. Dr. Stefan Schreiber, Klinikdirektor
Klinik für Innere Medizin I
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein – Campus Kiel
Arnold-Heller-Straße 3
24105 Kiel
(0431) 500-22200
www.ikmb.uni-kiel.de

Prof. Dr. Dominique Singer, Ärztlicher Leiter
Sektion Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin
Zentrum für Geburtshilfe, Kinder- und Jugendmedizin
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
(040) 74 10-59 412
www.uke.de

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Visite | 04.02.2020 | 20:15 Uhr