Stand: 30.01.2018 10:05 Uhr

"Adipositas wird als Charakterschwäche gesehen"

Einige Menschen mit extremem Übergewicht schaffen es nicht, ihr Körpergewicht aus eigener Kraft auf ein gesundes Maß zu reduzieren. Für sie kommt eine Operation infrage - die von den Krankenkassen aber nicht immer als notwendig erachtet wird. Visite Moderatorin Vera Cordes sprach mit Dr. Beate Herbig über die Schwierigkeiten für Patienten, die Kosten für eine Operation bewilligt zu bekommen. Die Chefärztin leitet die Adipositas-Chirurgie im Adipositas-Zentrum der Schön Klinik Hamburg-Eilbek.

Beate Herbig zu Gast bei Visite.

Interview: Für wen eignet sich eine Adipositas-OP?

Visite -

Dr. Beate Herbig leitet die Chirurgie im Adipositas-Zentrum der Hamburger Schön Klinik. Was rät Sie Patienten?

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Frau Dr. Herbig, Sie haben täglich damit zu tun: Wie erleben Sie das Verhalten der Krankenkassen?  

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Dr. Beate Herbig leitet die Adipositas-Chirurgie im Adipositas-Zentrum der Schön Klinik Hamburg-Eilbek.

Dr. Beate Herbig: Die Kassen wimmeln immer erst mal ab. Das Problem ist: Adipositas gilt zwar im klinischen Bereich als anerkannte Krankheit, die unter sogenannten "evidence based" Gesichtspunkten operabel ist, aber im ambulanten Bereich gibt es dafür als Krankheitsbild immer noch keine Anerkennung und keine Abrechnungsziffer. Und während sich Ärzte an die medizinischen Leitlinien halten und daraus eine Indikation ableiten, hält sich der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) an eigene Leitlinien und darf sein ganz persönliches Urteil abgeben. Dabei wird immer wieder eine hohe Diskriminierung durch Kassen und ihre Gutachter deutlich. Sie sehen Adipositas als Charakterschwäche und nicht als Krankheit.

Wo finden Patienten Unterstützung?

Dr. Herbig: Ich rate ihnen, nicht als erstes alleine zur Krankenkasse zu gehen, sondern unbedingt in ein qualifiziertes Zentrum, das die Vorbehandlung organisiert und danach auch die Antragstellung übernimmt. Meist müssen Patienten einige Hürden und Auflagen überwinden. Kliniken unterstützen dabei.

Und was, wenn die Kassen nicht mitspielen und den Antrag ablehnen?

Dr. Herbig: Für die Patienten ist das menschlich katastrophal und niederschmetternd. Die Ablehnung ist oft nur ein lapidarer Satz. Ich empfehle, in diesem Fall sofort Widerspruch einzulegen und gemeinsam mit der Klinik zu schauen, ob formale Gründe die Ursache sind, wie etwa ein nicht hundertprozentig durchgehaltenes Sportprogramm. Eventuell kann der Patient etwas nachliefern. Oft werden jedoch unsinnigste Sachen verlangt. Zum Beispiel soll es jemand mit veganer Diät versuchen oder ein Rollstuhlfahrer soll Stuhlgymnastik machen. Oder die Finanzierung eines Ernährungsprogramms über sechs Monate wird abgelehnt, das die Kassen aber selber als Vorbedingung für eine Operation fordern. Eine frühzeitig abgeschlossene Rechtschutzversicherung kann sinnvoll sein. Auf jeden Fall sollten Patienten bei einer Ablehnung in der Klinik besprechen, welche weiteren Schritte sinnvoll sind. Gegebenenfalls kann nach Nachbesserungen ein erneuter Antrag gestellt werden.

Ist es nicht richtig, dass die Kassen kritisch sind? Sie operieren ja an gesunden Organen.

Dr. Herbig: Dass Magen und Darm tatsächlich gesund sind, ist zu bezweifeln, denn ob die hormonellen Regelkreise intakt sind, kann man den Organen von außen nicht ansehen.

Welche Risiken hat eine Adipositas-Operation? 

Dr. Herbig: Das sind die üblichen Risiken von OP und Narkose. Das heißt: Blutungen, Nahtundichtigkeit, Thrombose. Zudem muss jeder wissen, dass er hinterher keinen Normalzustand hat. Er braucht in jedem Fall lebenslang zusätzliche Vitamine und Mineralien, egal wie gesund die Ernährung ist. Die Patienten müssen diesbezüglich überwacht und betreut werden. Zwei Drittel von ihnen haben keine besonderen Beschwerden, aber es kann Bauchschmerzen geben, Durchfälle, Sodbrennen. Auch eine psychische Bewältigung ist nötig. Eine Nachsorge, die unter Umständen lebenslang erfolgen muss, ist wichtig.

Weitere Informationen

Adipositas-Chirurgie: OP gegen Übergewicht

Jeder fünfte Mensch ist hierzulande stark übergewichtig. Für Patienten mit extremer Fettleibigkeit haben sich chirurgische Eingriffe als Behandlungsoption bewährt. mehr

Dieses Thema im Programm:

Visite | 30.01.2018 | 20:15 Uhr

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