Sendedatum: 30.10.2017 22:00 Uhr

Haben Privatpatienten nur Vorteile?

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Auf dem Weg zur neuen Knieprothese: Wie ergeht es Kassenpatienten und Privatpatient?

Zwei Patienten, zwei Versicherungssysteme, dieselbe Krankheit - ein Experiment: 45 Min hat zwei Patienten begleitet, die beide eine Knie-Prothese bekommen. Wie wirkt es sich konkret aus, Kassen- beziehungsweise Privatpatient zu sein, wenn man einen Arzttermin braucht oder operiert wird? Wie läuft die Reha ab? Welche Kosten entstehen für Patienten und Versicherungen? Haben Privatpatienten wirklich nur Vorteile von ihrer Krankenversicherung?

1. Wie läuft es in der Arztpraxis?

Sowohl die Kassenpatientin als auch der Privatpatient haben große Beschwerden im Kniegelenk. Sie gehen zu verschiedenen Orthopäden. Beide Ärzte raten ihren Patienten zu einer Knie-Prothese.

Termin: Nach der Erfahrung vieler Kassenpatienten müssen sie wesentlich länger warten, bis sie einen Arzttermin bekommen. Einer Hamburger Studie zufolge stimmt das auch. Danach erhalten Privatpatienten im Schnitt nach 7 Tagen einen Termin, gesetzlich Versicherte erst nach 16 Tagen.

Arzt-Leistung: Der Orthopäde der gesetzlich versicherten Patientin bekommt rund 22 Euro für Untersuchungen und Patientengespräche von deren Krankenkasse - im Quartal, egal wie häufig die Patienten zum Arzt kommt. Für eine Röntgenuntersuchung in der eigenen Praxis kann er in diesem Fall zusätzlich 10 Euro bei der Kasse abrechnen. Aufgrund ihrer Beschwerden ist die Patientin aber bereits das dritte Mal in seiner Praxis, da Spritzen und Krankengymnastik nicht geholfen haben.

"Wenn man wirklich diese Durchschnittswerte nimmt, das habe ich mal überschlagen, dann ist es so, dass ich gerade mal so viel wie die Praxishelferinnen verdiene. Das kann ich im gesetzlichen Bereich nur dann steigern, wenn ich mehr Fallzahlen habe, also mehr Patienten im Quartal sehe. Aber dann bleibt natürlich weniger Zeit pro Patient."

Dr. Knut Christoph Allmann, niedergelassener Orthopäde

Für seinen Privatpatienten kann der andere Orthopäde allein für das Beratungsgespräch zwischen 10 und 20 Euro abrechnen, je nach Aufwand. Die Gebühren-Ordnung für Ärzte gibt den Rahmen der Beträge an, die für Privatpatienten berechnet werden können. Untersuchungen werden extra honoriert - in diesem Fall mit 21 Euro. Für ein Röntgenbild fallen noch mal 38 Euro an. Bei gleicher Leistung kann ein Arzt also in unserem Experiment mehr als doppelt so viel für einen einzigen Besuch verlangen und jeden weiteren erneut abrechnen. Da Ärzte bei Privatpatienten jede Behandlung einzeln in Rechnung stellen können, laufen die Patienten Gefahr, mehr Behandlungen als nötig zu bekommen.

Der wirtschaftliche Erfolg einer Praxis misst sich also nicht an der Qualität der Behandlung, sondern am Anteil der Privatpatienten. "Insofern ist es aus Sicht der Ärzte verständlich, wenn sie Privatpatienten einen besonderen Rang einräumen", so Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. Gerd Glaeske. "Aber insgesamt führt es dazu, dass Unzufriedenheit im System entsteht und sich die gesetzlichen Versicherten hinten an fühlen." Für Privatpatienten bedeute dies womöglich, dass sie "zu schnell wieder einbestellt werden, damit man sie abrechnen kann. Das heißt, Privatpatienten sind abrechenbare Objekte. Das muss man ganz klar sagen".

2. Wie unterscheiden sich die Aufenthalte im Krankenhaus?

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Kassenpatienten werden standardmäßig meist im Drei- oder Vierbettzimmer untergebracht.

Die beiden Patienten aus unserem Experiment werden in derselben Klinik, im Herzogin Elisabeth Hospital in Braunschweig, operiert. Doch Unterbringung, Essen und die Hierarchie-Ebene der operierenden Ärzte unterscheiden sich.

Fallpauschale: Für alle Knieprothesen erhalten Krankenhäuser eine übergeordnete Fallpauschale - auf Englisch DRG (Diagnosis Related Groups). Das heißt sowohl für die gesetzlich versicherte Patientin als auch für den Privatpatienten bekommt das Krankenhaus 7.559 Euro für den Einsatz eiiner Knie-Prothese und alle begleitenden Behanldungen in der Klinik. Aber bei den Privatpatienten wird jeder Handgriff des Chefarztes noch einmal extra berechnet, jedes Gespräch, auch Ultraschall-Untersuchungen, jede Visite und auch die Operation. So können zusätzlich Kosten in Höhe von mehr als 2.000 Euro rund um eine Knieprothesen-Operation anfallen.

Je nach Vertrag geht zwischen 20 bis 50 Prozent dieser Summe an den Chefarzt persönlich. Den Rest behält die Klinik. Das Braunschweiger Krankenhaus hat mit 20 Prozent einen hohen Anteil an Privatpatienten. Sie bringen über sogenannte Komfortzimmer und Chefarztbehandlung zusätzliches Geld in die Kasse.

Behandlung: Das Aufklärungsgespräch führt bei gesetzlich Versicherten nicht immer derjenige durch, der auch operiert. Die Vorgespräche in der Klinik verlaufen beim Privatpatienten zwar ähnlich, aber er genießt eine persönliche Betreuung durch den Arzt seiner Wahl. Er hat ein Recht darauf, vom Chefarzt behandelt zu werden. Dafür stellt dieser aber auch eine Extra-Rechnung.

Jedes Röntgenbild vom Chefradiologen und jede zusätzliche Therapie, wie zum Beispiel eine Lymphdrainage, kann bei Privatpatienten extra in Rechnung gestellt werden, während es bei Kassenpatienten in der Fallpauschale von 7.559 Euro enthalten ist. Das kann einerseits dazu führen, dass Privatpatienten Behandlungen bekommen die Kassenpatienten nicht bekommen - anderseits aber auch zu Fehlanreizen und überflüssigen Thearpien führen.

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Privatpatienten bringen der Klinik zusätzliche Einnahmen und sind deshalb auch hier gern gesehen. Auf diese Zusatzeinnahmen durch die wenigen Privatpatienten sind die Krankenhäuser angewiesen. Gute Medizin allein reicht nicht. Das bestätigt auch Prof. Karl-Dieter Heller, Chefarzt der Orthopädie am Herzogin Elisabeth Krankenhaus: "50 Prozent der Kliniken arbeiten nicht mehr kostendeckend, obwohl sie Privatpatienten behandeln. Ich bin sicher, wenn dieses Zubrot wegfällt, werden viele Kliniken noch größere Probleme bekommen."

Unterbringung: Drei-Bett-Zimmer sind für gesetzlich Versicherte in den meisten Kliniken der Standard. Doch jeder Kassenpatient kann sich sozusagen zum Privatpatienten machen, wenn er aus eigener Tasche für ein sogenanntes Komfortzimmer mit besserer Ausstattung. In der Klinik aus unserem Experiment sind es rund 65 Euro pro Tag für ein "Komfort"-Zweibettzimmer und 116 Euro für ein Einbettzimmer auf der Privatstation. Eine Chefarztbehandlung bekommen Kassenpatienten damit allerdings nicht. Außerdem müssen alle Kassenpatienten pro Tag in der Klinik einen Eigenanteil von 10 Euro bezahlen.

Der Privatpatient hat immer Anspruch auf ein "Komfortzimmer". Dort erwarten ihn Handtücher, Shampoo und Duschgel. Weitere Sonderleistungen, die ein Privatpatient in diesem Krankenhaus bekommt sind unter anderem eine Tageszeitung, kostenloses WLAN oder auch ein Bademantel und eine Essensauswahl à la carte. Eine "Wahlleistungs-Servicemanagerin" kümmert sich hier um alle besonderen Wünsche der Privatpatienten.

 

Aufnahme eines Krankenhaus-Mittagessens für Kassenpatienten: Gulasch, Kartoffeln und Blumenkohl. © NDR Aufnahme eines Krankenhausessens für Privatpatienten - Mini-Rösti, Steak, Salat, Kuchen. © NDR
Zum Vergleich des unterschiedlichen Essensangebotes (links für die Kassenpatientin / rechts für den Privatpatienten) einfach den Schieberegler nach links oder rechts ziehen.

Prothese: Privatpatienten bekommen allerdings keine besseren Prothesen als Kassenpatienten. "Es gibt keinen Unterschied beim Implantat", sagt Prof. Heller. "Das wäre ethisch nicht vertretbar. Das Implantat wird aufgrund des Befundes gewählt. Die Wahl des Implantats machen wir in keinster Weise vom Versicherungsstatus abhängig." Aber: Knieprothesen bringen für die Kliniken schnelles Geld. Das verleitet dazu, mehr zu machen als nötig. Mit 170.000 Knieprothesen pro Jahr gehört Deutschland zu den europäischen Spitzenreitern.

3. Gibt es Unterschiede in der Reha-Klinik?

Die beiden Patienten kommen nach ihren Operationen auch in dieselbe Reha-Klinik. Für den dreiwöchigen Aufenthalt bezahlt die Krankenversicherung der gesetzlich versicherten Patientin eine Pauschale von 105 Euro pro Tag. Darin sind die Kosten für Unterkunft, Verpflegung und alle Therapien enthalten. Die Klinik handelt jährlich mit jeder Versicherung einen Festpreis aus. Die Kassenpatientin zahlt, wie schon im Krankenhaus, für Aufenthalt und Behandlungen einen Eigenanteil von 10 Euro an ihre Krankenversicherung.

Auch die privaten Kassen handeln mit den Reha-Kliniken eine Pauschale für die Patienten aus. 110 Euro bezahlt die private Versicherung hier für ihren Kunden pro Tag. Das ist kaum mehr als die Kosten, die für Kassenpatienten in Rechnung gestellt werden.

Der Privatpatient bekommt die gleiche Therapie wie die Kassenpatientin. Zusätzliche Abrechnungen kann die Klinik nicht geltend machen. Auch Zimmer und Essen sind für alle in der Reha-Klinik identisch. Allerdings wird der Privatpatient ab und zu vom Chefarzt untersucht. Dafür kann dieser, ähnlich wie ein niedergelassener Orthopäde eine Extra-Rechnung stellen.

4. Wie rechnen Privatpatienten ab?

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Privatversicherte sind mit Arztrechnungen alleingelassen. Kaum jemand überprüft sie wirklich.

Bei gesetzlich Versicherten erfolgt die Abrechnung ärztlicher Leistungen pauschal nach einem sehr komplizierten Schlüssel direkt zwischen den Kassen und den Ärzten. Anders sieht es bei einer privaten Krankenversicherung aus. Dann ist nicht die Kasse, sondern der Patient der Vertragspartner des Arztes.

Deshalb muss auch der Patient die Rechnungen seines Arztes selbst überprüfen. Die Vergütung ist hier zwar für den Patienten im Prinzip transparent, anders als bei der gesetzlichen Versicherung. Doch bei einer Rechnung von einer aufwendigen Behandlung bei einem Facharzt oder in einer Klinik, bleiben viele medizinische Abkürzungen für den Laien ein Rätsel.

Dennoch muss der Patient darüber entscheiden, ob die Rechnung korrekt ist. Einsprüche muss er selbst beim Arzt vorbringen. Das aber machen nur wenige. So werden die Abrechnungen kaum fachlich geprüft. Das kann negative Folgen haben. "Immer dann, wenn man privat abrechnen kann, Patienten also einen Vertrag mit dem Arzt haben, besteht die Gefahr der Überversorgung, dass also mehr gemacht wird als notwendig", warnt Gesundheitswissenschaftler Glaeske.

5. Welche Versicherungskosten entstehen für Patienten?

In den gesetzlichen Kassen bestimmt das Einkommen und somit die finanzielle Leistungsfähigkeit den Beitrag. Bei den privaten dagegen das Alter und der Gesundheitszustand. Dadurch steigen mit zunehmendem Alter auch die Prämien.

"Es gibt Beispiele von Menschen, die bei 300 Euro angefangen haben", erklärt Glaeske. Doch dann stiegen die Prämien auch schnell mal auf 700 oder 800 Euro im Monat. "Es gibt auch Fälle, wo man 2.000 Euro zu zahlen hat. Das ist für viele Menschen ausgesprochen dramatisch. Man muss erkennen, dass dann von der Rente manchmal ein Drittel für Krankenversicherung weggeht."

Wie gerecht ist das duale Gesundheitssystem?

Ist die Kassenpatientin nun die Verliererin im Gesundheitssystem mit den zwei Versicherungsarten? Im Krankenhaus sind die Unterschiede zwischen den Privatstationen und den Normalstationen für die Patienten besonders deutlich geworden. Die Kassenpatientin hat zwar die gleiche Prothese wie der Privatpatient erhalten, dieser hat allerdings mehrere Zusatzleistungen und mehr Zuwendung erfahren. Dafür hat seine Kasse auch mehr Geld an Ärzte und Krankenhäuser bezahlt.

Bestimmt allein das Geld, was mit Patienten geschieht? Ist das gerecht? Deutschland ist mittlerweile das einzige Land in Europa, das noch ein duales Krankenversicherungs-System hat. Der Gesundheitswissenschaftler Glaeske meint, dass es sinnvoll sei eine gemeinsame Basis zu haben, in die alle, auch die finanziell gut gestellten Patienten, einzahlten: "Für die soziale Befriedung ist es ganz wichtig, eine gemeinsame soziale und solidarische Krankenversicherung zu etablieren."

Unterm Strich hat sich die medizinische Behandlung unserer beiden Patienten kaum unterschieden. Beide haben jetzt die gleiche Prothese und die gleiche Physiotherapie in der Rehabilitation. Aber der Privatpatient hat mehr Aufmerksamkeit und Zeit bei der Behandlung bekommen. Das Geld bestimmt die Zuwendung. Denn die Behandlung des Privatpatienten hat insgesamt ein Drittel mehr gekostet. Ärzte und Klinik haben dabei gut verdient. Ein gemeinsamer Wettbewerbsmarkt im Gesundheitssystem ist längst überfällig. Denn das duale System verleitet zu ungerechter und überflüssiger Behandlung.

 

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45 Min | 30.10.2017 | 22:00 Uhr

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