Fuß mit einem geschwollenem Zeh © Colourbox Foto:  Astrid Gast

Gicht erkennen und behandeln

Stand: 06.09.2022 18:00 Uhr

Gicht war früher die "Krankheit der Könige", heute ist sie eine Volkskrankheit. Übergewicht, Alkohol, Fruktose und auch Stress fördern den Ausbruch. Die richtige Ernährung beugt Gichtanfällen vor.

Ein plötzlicher Schmerz im Gelenk, scharf wie Tausend Nadelstiche - so äußert sich ein Gichtanfall. Häufig fängt es in den Zehen an. Schon die kleinste Berührung, zum Beispiel durch eine Daunendecke, wird für Betroffene zur Tortur.

In Deutschland haben rund eine Million Menschen die Diagnose Gicht (Arthritis urica). Die allermeisten Gichtpatienten sind männlich. Bei Männern tritt der erste Anfall oft um das 40. Lebensjahr herum auf. Frauen trifft es nur selten und nach der Menopause - das weibliche Geschlechtshormon Östrogen schützt vor dieser chronischen Stoffwechselstörung.

Symptome der Gicht: Oft akuter Gelenkschmerz

Der erste Anfall kommt für viele wie aus heiterem Himmel: Meist beginnt die Erkrankung nachts, häufig mit heftigen Schmerzattacken im Großzehen-Grundgelenk, manchmal ist das Knie- oder Sprunggelenk, Daumengrundgelenk oder der Mittelfuß betroffenen. Der Gichtschmerz fühlt sich an, als ob kleine Scherbenbrösel im Gelenk knirschen. Rötung, Schwellung und teils auch Fieber kommen hinzu.

Sichtbare Anzeichen können vorab oder im weiteren Verlauf Veränderungen an den Gelenken sein. Auch in der Haut kommt es manchmal zu Kristallansammlungen, die als weißliche Knoten sichtbar werden.

Gicht ist eine chronische Stoffwechselstörung

Eine schmerzhafte Gicht kann sich manifestieren, wenn die Harnsäure-Konzentration im Blut dauerhaft erhöht ist. Mediziner sprechen bei diesem Laborbefund von Hyperurikämie. Schätzungen zufolge ist in den Industriestaaten mindestens jeder vierte Mann von erhöhten Harnsäurewerten betroffen, Tendenz weiter steigend.

Eine Hyperurikämie muss nicht zur Gicht führen. Sie gilt aber als ein Kennzeichen einer (drohenden) Stoffwechselentgleisung und ist ein Warnzeichen. Meist treten erhöhte Harnsäurewerte zusammen mit Adipositas, Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder Fettstoffwechselstörungen auf. Studien haben zudem den Zusammenhang von erhöhter Harnsäurekonzentration und Herz-Kreislauf-Krankheiten belegt.

Ursache für Gichtschmerz: Harnsäure-Kristalle in den Gelenken

Schematische Darstellung: Harsäurekristalle im Gelenk. © NDR
Harsäurekristalle reizen das Gelenk.

Harnsäure entsteht im Körper beim Abbau von sogenannten Purinen. Purine sind Bestandteile menschlicher Zellen, werden aber auch über die Nahrung aufgenommen. Sie kommen in den Zellkernen vor. Kurz gesagt befinden sich Purine im Eiweißanteil der Nahrung, denn Zellen liefern zugleich Proteine.

Normalerweise entfernt unser Körper überschüssige Harnsäure über die Nieren und den Darm. Produziert der Körper aber zu viel Harnsäure oder scheidet er zu wenig aus, dann erhöht sich die Konzentration im Blut. Die Harnsäure bildet dann Kristalle. Mit der Zeit können sie sich in den Gelenken ablagern und dort Entzündungen verursachen.

Veranlagung und Lebensstil verursachen Gicht

Die genetische Veranlagung zur primären Gicht wird vererbt, Gicht tritt also familiär gehäuft auf. Eine internationale Studie aus dem Jahr 2019 zeigt, dass 183 Genorte Einfluss auf den Harnsäurespiegel und damit auf die Gicht haben. Menschen mit einer besonders starken genetischen Veranlagung für Gicht haben vermutlich ein deutlich höheres Risiko für einen Gichtanfall.

Schematische Darstellung: Harnsäurekristall © NDR
Ist zu viel Harnsäure im Körper, kann sie nicht mehr gelöst werden. Die Folge: Es bilden sich Kristalle.

Ob es zum Gichtanfall kommt, wird von Lebensstil-Faktoren beeinflusst. Wohlstandsbedingt ist Gicht heute eine Volkskrankheit. Früher hieß sie "die Krankheit der Könige", denn Übergewicht und eine opulente Ernährungsweise fördern den Ausbruch. Zu den klassischen Auslösern eines Gichtanfalls gehören viel Fleisch mit Bratenkruste oder ein Zechgelage mit viel Bier.

Aber auch wer übermäßig Fruchtzucker konsumiert (enthalten zum Beispiel in Säften, Eis, Fertigprodukten), erhöht sein Risiko für einen Gichtanfall - wenige Minuten nach dem Konsum steigt der Harnsäure-Spiegel im Blut. Schon der regelmäßige Konsum von einem Fruktose-gesüßten Softdrink am Tag verdoppelt das Risiko.

In neuerer Zeit gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Gichtrisiko infolge anhaltend übermäßiger Einnahme von Protein-Präparaten. Daneben können Belastungssituationen, Krankheiten oder Medikamente (Diuretika, NSAR, Zytostatika) Gichtanfälle begünstigen.

Formen der Gicht

Mediziner unterscheiden zwei Formen der Gicht:

  • Primäre Gicht: Durch einen erblichen Stoffwechseldefekt scheidet die Niere weniger Harnsäure aus, als nötig wäre - dies ist bei 95 Prozent der Betroffenen der Fall. Ganz selten ist dagegen ein Enzymdefekt verantwortlich dafür, dass der Körper zu viel Harnsäure produziert.
  • Sekundäre Gicht: Krankheiten oder andere Störungen sind für den erhöhten Harnsäurespiegel verantwortlich. Die sekundäre Gicht entsteht zum Beispiel als Folge von Leukämie oder anderen Blutkrankheiten, bei denen viele Zellen abgebaut werden - manchmal auch bei Nierenerkrankungen oder bei der Einnahme von bestimmten Medikamenten.

Möglichkeiten der Diagnosestellung

Einen erhöhten Harnsäurespiegel erkennt der Arzt durch eine Blutuntersuchung: Die Obergrenze für Harnsäure im Blut ist 6,5 mg/dl. Nach einem Gichtanfall sind die Harnsäurewerte im Blut aber oft sogar normal. Zur Diagnosesicherung sollte akute Gicht von der rheumatoiden Arthritis abgegrenzt werden. Eine Hyperurikämie mit Gelenkbeschwerden bedarf immer einer fachärztlichen Abklärung.

Ein sicherer, aber stark eingreifender Weg ist dabei die Gelenkpunktion durch einen erfahrenen Rheumatologen oder Orthopäden, bei der Gelenkflüssigkeit entnommen wird. Werden darin Harnsäurekristalle gefunden, liegt Gicht vor.

Eine andere Möglichkeit ist ein Test mit dem Wirkstoff Colchicin (aus der Giftpflanze Herbstzeitlose): Dieses Medikament hindert die weißen Blutkörperchen daran, Harnsäure zu transportieren. So lässt sich ein akuter Gichtanfall beenden. Einen rheumatischen Schub dagegen würde Colchicin nicht positiv beeinflussen. Colchicin gilt in Deutschland als nicht zur Dauereinnahme geeignet, Nebenwirkungen wie Durchfall sind häufig.

Gicht muss behandelt werden, sonst drohen Komplikationen

Auch nur leicht erhöhte Harnsäurewerte müssen konsequent behandelt werden, sonst drohen erhebliche Folgekomplikationen. Unbehandelt kann Gicht zu knotigen Deformierungen (sogenannte Tophi) an den Gelenken führen, die dadurch ihre Beweglichkeit verlieren. Ein erhöhter Harnsäurespiegel fördert zudem Arterienverkalkung und erhöht damit das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Auch die Nieren können Schaden nehmen. Es gibt Medikamente, die die Harnsäure im Blut senken. Zudem sollten Betroffene ihre Ernährung auf den Prüfstand stellen.

Gicht vorbeugen und behandeln durch Ernährungsumstellung

Sowohl zur Vorbeugung als auch zur Dauerbehandlung einer Gicht hat sich eine Ernährungsumstellung bewährt: Früher empfahl man Betroffenen die sogenannte purinarme Diät: kein Fleisch und kein Bier. Allein bestimmte Lebensmittel zu meiden hilft aber oftmals nicht und ist wenig praktikabel. Die richtige Ernährungsweise, um Gicht vorzubeugen, greift weiter. Wichtiger Faktor ist dabei das Anstreben von Normalgewicht. Denn Übergewicht verdoppelt das Gicht-Risiko, stark Fettleibige leiden dreimal so häufig an Gicht wie Normalgewichtige.

Bei Crash-Diäten drohen Gichtanfälle

Vorsicht: Bei Gicht muss das Abnehmen langsam erfolgen - bei allzu rapidem Gewichtsverlust drohen erneute Anfälle. Fasten oder Crash-Diäten empfehlen sich für Gicht-Betroffene nicht. Denn dadurch kommt es zu einem Fett- und Muskelverlust. Die Folge: Besonders viele körpereigene Purine müssen abgebaut werden - dadurch steigt die Harnsäurekonzentration an.

Bewegung unterstützt die Gewichtsreduktion und stärkt die muskulären Strukturen um die Gelenke.

Wann Gicht mit Medikamenten behandelt werden muss

Nach einem akuten Gichtanfall ist das Ziel der Behandlung, die Schmerzen möglichst rasch zu lindern und die Entzündung zu beenden - zum Beispiel mit sogenannten nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen und Diclofenac. Nach Abklingen der Beschwerden kann eine medikamentöse Dauertherapie das Fortschreiten der Gicht und weitere Gichtanfälle verhindern. Die Dauertherapie sollte frühestens zwei Wochen nach einem akuten Gichtanfall beginnen. Medikamente sind unverzichtbar, wenn sich trotz einer konsequent gesunden Ernährungsweise erneut ein Gichtanfall einstellt. Empfohlen wir die Dauertherapie auch, wenn
die Harnsäurekonzentration über 9 mg/dl liegt
begleitend zur Gicht Nierensteine (Harnsäuresteine) vorliegen
die Gicht zu weiteren Veränderungen im Körper führt.

Wirkstoffe Allopurinol oder Febuxostat können helfen

Sogenannte Urikosurika fördern die Harnsäureausscheidung, sie können die Neubildung von Gichtknoten verhindern und zum Teil sogar vorhandene abbauen. Urikostatika hemmen den Aufbau von Harnsäure im Körper.

Ein häufig eingesetztes Mittel ist Allopurinol. In den ersten Monaten nach Beginn der Therapie können vermehrt Gichtanfälle auftreten. Denn wenn der Harnsäurespiegel sinkt, werden Harnsäureablagerungen aus dem Gewebe freigesetzt.

Bei eingeschränkter Nierenfunktion sollte anstelle von Allopurinol der Wirkstoff Febuxostat verschreiben werden. Es kommt auch zum Einsatz, wenn Allopurinol den Harnsäurespiegel nur unzureichend senkt. Betroffene, die zusätzlich zur Gicht unter einer schweren Herz-Kreislauf-Erkrankung wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder einer instabilen Angina pectoris leiden, sollten wenn möglich kein Febuxostat einnehmen. Sie sollten vorrangig mit Allopurinol behandelt werden.

Expertinnen und Experten zum Thema:

Prof. Dr. med. Anna Köttgen, Universitätsklinikum Freiburg

Direktorin
Institut für Genetische Epidemiologie
Universitätsklinikum Freiburg
www.uniklinik-freiburg.de

 

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Dieses Thema im Programm:

Die Ernährungs-Docs | 26.09.2022 | 21:00 Uhr

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