Stand: 21.08.2018 11:22 Uhr  | Archiv

Gelenkersatz-OP: Welche Narkose sinnvoll ist

Ein Patient wird in Narkose versetzt. © colourbox Foto: Kzenon
Beim Einsatz eines künstlichen Gelenks ist die Wahl der richtigen Narkose wichtig.

Vor dem Einsatz eines künstlichen Gelenks, zum Beispiel an der Hüfte oder am Knie, haben viele Betroffene Angst vor der Narkose. Vor allem ältere Menschen sorgen sich, dass ihr Gehirn durch eine Vollnarkose Schaden nehmen und ihre Persönlichkeit verändern könnte. Die betäubenden Medikamente greifen in den Gehirnstoffwechsel ein und davon erholen sich Menschen mit zunehmendem Alter immer schwerer. Beim Gelenkersatz an Hüfte oder Knie kann in einigen Fällen eine Teilnarkose die bessere Alternative sein. Auch dabei sind die Schmerzen ausgeschaltet.

Vollnarkose: Gefahr eines Delirs

Eine Vollnarkose galt lange Zeit als Standard beim Einsetzen eines künstlichen Gelenks. Denn vom Hämmern, Fräsen, Klopfen, Ziehen und Zerren während der OP möchten die meisten nichts mitbekommen. Bei der sogenannten Allgemeinanästhesie wird der ganze Körper betäubt und der Betroffene künstlich beatmet. Nur das Herz schlägt alleine weiter. In diesem Zustand bekommt der Patient nichts von dem mit, was mit ihm und um ihn herum geschieht.

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Professor Wolfgang Eichler im Studio-Gespräch.

Chat-Protokoll: Narkose bei Gelenkersatz

Welche Alternativen gibt es zur Vollnarkose? Und für wen sind sie geeignet? Der Anästhesist und Intensivmediziner Wolfgang Eichler hat Fragen dazu im Visite Chat beantwortet. mehr

Doch die Medikamente, die Anästhesisten bei einer Vollnarkose verabreichen, belasten den ganzen Körper und können den Heilungsverlauf nach der Operation verzögern. Vor allem ältere Patienten sind nach einer Vollnarkose oft verwirrt, leiden an einem sogenannten postoperativen Delir. Es kann schnell verschwinden, aber auch lange anhalten und die Betroffenen so stark einschränken, dass sie nicht mehr alleine zurechtkommen und pflegebedürftig werden. Deshalb gewinnen schonendere Alternativen zur Vollnarkose an Bedeutung.

Regionalanästhesie: Schonende Alternative

Bei einer Regionalanästhesie wird nur die Region des Körpers betäubt, die operiert wird. Das reicht in vielen Fällen auch für Betroffene, die ein neues Gelenk bekommen. Weil ihr Körper nicht so stark mit Medikamenten belastet wird, kommen sie in der Regel viel schneller wieder auf die Beine. Eine Regionalanästhesie schaltet Schmerzen komplett aus.

Damit Betroffene nicht allzu viel von Geräuschen im OP mitbekommen, sorgen Anästhesisten für Ablenkung, zum Beispiel durch eine Videobrille mit spannenden Filmen, Kopfhörer mit lauter Musik oder durch ein persönliches Gespräch. Kommt der Operierte nicht mit der Situation zurecht, kann der Anästhesist mit einem Beruhigungsmittel helfen oder doch eine Vollnarkose einleiten.

Spinalanästhesie: Betäubung vom Bauchnabel abwärts

Eine Form der Regionalanästhesie ist die Spinalanästhesie. Dabei wird der Körper vom Bauchnabel abwärts komplett betäubt. Der Betroffene bekommt ein Schlafmittel, muss aber nicht beatmet werden. Im Sitzen ertastet der Anästhesist die richtige Einstichstelle zwischen den Lendenwirbeln und spritzt dann mit einer feinen Nadel ein Betäubungsmittel ins Nervenwasser. Nach wenigen Minuten kann der Betroffene dann vom Bauchnabel abwärts nichts mehr spüren, sein Schmerzempfinden ist ausgeschaltet und die Muskulatur entspannt.

OP bei Älteren: Regionalanästhesie oder Vollnarkose?

Je älter und gebrechlicher ein Betroffener ist, desto größer ist die Gefahr eines postoperativen Delirs nach einer Vollnarkose. Bei geplanten Operationen lassen sich vorher Maßnahmen ergreifen, um das Risiko zu verringern, etwa
Übungen für die körperliche und geistige Fitness. Bei der Auswahl des Narkoseverfahrens raten Experten in diesem Fall zur Regionalanästhesie. Denn je tiefer die Narkose ist, desto häufiger kommt es zu einem Delir.

Nach Möglichkeit sollte bei Älteren während der Operation auch auf ein beruhigendes Schlafmittel verzichtet werden. Der Anästhesist spricht während des Eingriffs mit dem Betroffenen, damit dieser weiß, wo er ist und was mit ihm geschieht. Besonders unangenehme Geräusche lassen sich durch Musik aus einem Kopfhörer überdecken.

Eine Vollnarkose ist die beste Lösung für ältere oder gebrechliche Betroffene mit anatomischen Besonderheiten oder besonderer Blutungsneigung.

Anästhesieverfahren bei Gelenk-OP im Vergleich
VollnarkoseSpinalanästhesieRegionalanästhesie
Vorteile
  • Betroffene bekommen nichts mit
  • alle Muskeln entspannt
  • Ärzte haben alles unter Kontrolle
  • Routineverfahren
  • keine künstliche Beatmung
  • alle Muskeln der unteren Körperhälfte entspannt
  • frühe Mobilisierung
  • nur das OP-Gebiet wird betäubt
  • keine künstliche Beatmung
  • geringste Belastung
  • frühe Mobilisierung
Nachteile
  • künstliche Beatmung
  • belastend für Betroffene
  • verzögerte Mobilisierung nach OP
  • postoperatives Delir möglich
  • Betroffene bekommen alles mit
  • Übelkeit oder Kopfschmerzen an den Tagen nach der OP möglich
  • seltene Komplikationen: Bluterguss an der Einstichstelle drückt auf Nerven und Rückenmark
  • Betroffene bekommen alles mit
  • Muskulatur nur im OP-Bereich entspannt: Reaktionen und Bewegungen der Betroffenen können die Operation stören
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Ein transparenter menschlicher Kopf mit farbig gekennzeichneten Gehirnarealen und Wellenlinien. © fotolia.com Foto: psdesign1

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Experten zum Thema

Prof. Dr. Wolfgang Eichler, Chefarzt
Anästhesie und Intensivmedizin
Schön Klinik Neustadt
Am Kiebitzberg 10, 23730 Neustadt in Holstein
(04561) 54-45 61 00
www.schoen-kliniken.de

Univ.-Prof. Dr. Rainer Kiefmann, Leitender Oberarzt
Leitung des Bereichs Gerontoanästhesiologie
Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie
Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52, 20246 Hamburg
www.uke.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 21.08.2018 | 20:15 Uhr

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