Stand: 24.01.2017 11:36 Uhr  - NDR Info  | Archiv

Frontalhirn-Demenz verändert Sozialverhalten

Wenn ein Mensch sich völlig verändert, sich plötzlich aggressiv, apathisch, kaltherzig oder enthemmt verhält, kann dahinter eine Krankheit stecken - die sogenannte Frontalhirn-Demenz. Dabei handelt es sich um eine seltene Form der Demenz und die häufigste Demenzform bei Menschen unter 65 Jahren.

Schematische Darstellung eines Kopfes, in dem sich ein Labyrinth und ein Fragezeichen befindet. © iStockphoto.com Foto: Baris Simsek
Noch wissen Forscher und Ärzte wenig über die Hintergründe der Frontalhirn-Demenz.

Anders als bei Alzheimer funktionieren das Gedächtnis und die Orientierung der Betroffenen über lange Zeit noch einwandfrei. Ihr Sozialverhalten aber verändert sich stark, denn im Frontalhirn sitzt das Zentrum für Sprache und für unsere sozialen Fähigkeiten. "Allgemein hat man eine Kombination aus einer gewissen emotionalen Abstumpfung und einer Verhaltensenthemmung. Patienten mit Frontalhirn-Demenz können Impulse nicht mehr unterdrücken. Sie gehen zum Beispiel in den Supermarkt, sehen in der Auslage einen knackigen Apfel und beißen hinein", erklärt der Psychiater Klaus Fließbach vom Universitätsklinikum Bonn.

Schwierige Diagnose

In über 50 Prozent der Fälle wird bei Betroffenen zunächst eine psychiatrische Krankheit diagnostiziert, auch weil die Patienten meist jünger sind. "Häufig wird es als Depression verkannt, als Bipolare Störung, als Schizophrenie oder auch als Eheproblematik - viele landen dann in der Paartherapie. In der Regel dauert es drei bis vier Jahre, bevor die Diagnose kommt. Das ist eine sehr belastende Zeit", sagt Anja Schneider, Demenzforscherin am Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn.

Forschung steht noch ganz am Anfang

Noch gibt es bei Frontalhirn-Demenz, die auch Frontotemporale Demenz (FTD) genannt wird, weder eine spezielle Behandlung noch eine vorbeugende Therapie. Die Forscher wissen noch nicht genug über die Erkrankung, um Therapien entwickeln zu können. Ähnlich wie bei der Alzheimer-Demenz verklumpen wahrscheinlich bestimmte Eiweiße im Gehirn. An der Universitätsklinik Bonn und an acht weiteren Standorten beginnt gerade eine große Studie zur Erforschung. Ziel ist es, möglichst viele Informationen von Patienten zu sammeln, um die Erkrankung besser zu verstehen. "Welche Mutationen liegen da zugrunde? Gibt es Marker, die vorhersagen, wie die Erkrankung verläuft? Gibt es Mutationen, die davor schützen, dass der Verlauf schnell ist? Das würden wir uns anschauen", erläutert Studienleiterin Anja Schneider.

Vererbung als Ursache

Was die Forscher wissen: Bei 10 bis 20 Prozent der Patienten ist die Krankheit erblich bedingt und geht auf eine Veränderung des Erbguts zurück. Einige Genmutationen sind bisher bekannt. Sie führen mit fast 100-prozentiger Sicherheit in die Frontalhirn-Demenz. Eine Blutanalyse kann zeigen, ob jemand das betreffende Gen in sich trägt. "Normalerweise raten wir aber von einer rein präventiven Testung ab", so Psychiater Klaus Fließbach. "Denn wenn man noch keine Beschwerden hat, glauben wir nicht, dass es hilfreich ist zu wissen, dass man die Krankheit hat, solange es keine effektive Behandlung gibt."

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NDR Info | Radio-Visite | 25.01.2017 | 09:20 Uhr

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