Stand: 15.06.2020 10:10 Uhr

Epilepsie: Wie das Gewitter im Gehirn entsteht

Grafik einer Nervenzellen © Fotolia Foto: psdesign1
Bei einem epileptischen Anfall bricht das Zusammenspiel der Nerven im Gehirn zusammen.

Mit einer Epilepsie zu leben, ist für die Betroffenen und ihre Angehörigen sehr schwer. Denn noch immer ist dieses Anfallsleiden stigmatisiert. Es erregt Anstoß, wenn Menschen Anfälle haben, von denen sie hinterher selbst nichts wissen. Dabei ist diese Erkrankung relativ häufig: Etwa fünf bis zehn Prozent aller Menschen erleiden einmal im Leben einen epileptischen Anfall und mehr als 500.000 Menschen in Deutschland sind dauerhaft Epileptiker.

Ursachen und Symptome von Epilepsie

Epilepsie kann durch unterschiedliche Ursachen ausgelöst werden und verschiedene Formen annehmen:

  • Ein epileptischer Anfall entsteht, wenn das komplexe Zusammenspiel der Nervenzellen im Gehirn zusammenbricht. Das geschieht, wenn diese sich parallel und unkontrolliert elektrisch entladen - wie bei einem Gewitter in den Wolken.

  • Dauert die Bewusstseinsstörung nur wenige Sekunden, sprechen Ärzte von Absencen. Ein sogenannter Grand-mal-Anfall dehnt sich dagegen auf den ganzen Körper aus - es kommt zu Bewusstlosigkeit, rhythmischen Muskelzuckungen und Gedächtnisverlust.

  • Als Ursachen kommen unter anderem Hirnschädigungen durch einen Schlaganfall, Stoffwechselstörungen, hormonelle Schwankungen, Drogen- oder Alkoholmissbrauch, Verletzungen oder Tumore in Frage.

  • Eine Schläfenlappen-Epilepsie, auch Temporallappen-Epilepsie genannt, entsteht aufgrund einer Störung der Hirnreifung in der Embryonalphase. Die missgebildeten Nervenzellen im Schläfenlappen führen zu epileptischen Reaktionen mit Anfällen in Form von unerträglichem Druck im Gehirn und Wahnvorstellungen.

Epilepsie kann auch im Alter erstmals auftreten

Das Tückische für Betroffene ist, dass sie nie genau wissen, wann der nächste Anfall auftritt. Es gibt Menschen, bei denen die Erkrankung lange Zeit nicht erkannt wird. Viele rechnen nicht damit, dass epileptische Anfälle auch im Alter erstmals auftreten können. Dazu kommt: Häufig sind die Symptome wie Schwindel, Kribbeln in den Händen oder Unwohlsein auf den ersten Blick nicht typisch für Epilepsie.

Ist die erste Hirnstrom-Messung (EEG) unauffällig, kann ein Langzeit-EEG Aufschluss darüber geben, ob epileptische Anfälle auftreten. Die richtige Diagnose ist wichtig, weil man die Anfälle einerseits behandeln kann. Andererseits ist es wichtig, herauszufinden, ob dahinter eine andere Erkrankung steckt, die behandelt werden muss. Häufig führen Schädigungen von Nervenzellen zu dem Störfeuer, das einen Anfall auslösen kann.

So wird eine Epilepsie behandelt

Behandelt wird eine Epilepsie in der Regel mit Medikamenten, die die Krampfneigung herabsetzen. Daneben gibt es weitere Möglichkeiten wie bestimmte Diäten oder eine gezielte Nervenstimulation. Einige Patienten können durch einen chirurgischen Eingriff geheilt werden. Dabei entfernen Neurochirurgen die für die Krampfanfälle verantwortlichen Gehirnareale.

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Experten zum Thema

Experten im Beitrag
Dr. Christian Doobe, Hausarzt
Lüneburger Straße 14b
21394 Kirchgellersen

Prof. Dr. Kerstin Müller-Vahl, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie
Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover
www.mhh.de

Prof. Dr. Christian G. Bien, Chefarzt
Epilepsiezentrum
Krankenhaus Mara
Maraweg 21
33617 Bielefeld
www.mara.de

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Visite | 16.06.2020 | 20:15 Uhr

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