Stand: 19.10.2017 20:00 Uhr  | Archiv

Eine App, die Leben retten kann

von Fabian Weißhaupt
Eine Frau ist verschwommen durch eine Eingangstür beim UKSH zu sehen © dpa-Bildfunk Foto: Markus Scholz
Die Notärzte am UKSH in Kiel wissen: Bei einem Herzstillstand kommt es auf jede Minute an.

Es ist ein ganz normaler Arbeitstag in der Notaufnahme am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel. Gerade wird ein 50 Jahre alter Patient eingeliefert, die Diagnose: Herz-Kreislauf-Stillstand. Der Mann hat Elektroden am Oberkörper, wird eilig über den Flur geschoben. Ein typischer Fall, sagt Notarzt Jan-Thorsten Gräsner. Dieses Szenario gehört zu einem der häufigsten Gründe für einen Notarzt-Einsatz. "Das Bild, dass sich uns üblicherweise bietet, ist: Da liegt ein Mensch am Boden, der keinen Kreislauf mehr hat und nicht mehr atmet", sagt Gräsner. "In fast zwei Dritteln der Fälle stehen die Angehörigen nur herum und tun nichts."

Die App heißt "Meine Stadt rettet"

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Die Lebensretter App, auf einem Smartphone in Benutzung. © Meien Stadt rettet

"Werde Ersthelfer und rette Leben!"

Im Internet gibt es alle Informationen, was es mit der Lebensretter-App auf sich hat - und wie man selbst bei "Meine Stadt rettet" mitmachen kann. extern

100.000 Menschen sind jedes Jahr von einem Herz-Kreislauf-Stillstand betroffen. Und dann zählt jede Minute. Daher hat das Universitätsklinikum zusammen mit den Leitstellen in Schleswig-Holstein, der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie und vielen weiteren Unterstützern eine App entwickelt. "Meine Stadt rettet" heißt die App - und sie alarmiert registrierte Ersthelfer, wenn sie in der Nähe eines Notfalls sind. Bis der Rettungswagen eintrifft, können die Ersthelfer wertvolle Minuten überbrücken und mitunter sogar Leben retten.

Schneller als der Notarzt

In der Regel dauert es neun Minuten, bis ein Rettungswagen eintrifft. "Das kann reichen", sagt Gräsner. "Wir wissen es aber manchmal in der Anfangsphase nicht. Wir wissen nur eines ganz sicher: Je länger es dauert, bis der Notarzt eintrifft, desto schlechter geht es den Patienten. Und umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir erfolgreich wiederbeleben können.

Schon Hunderte Ersthelfer registriert

Christian Elsner vom UKSH in Lübeck war an der Entwicklung der App beteiligt. Anlass war ein schwedischer Zeitungsartikel vor mehr als zwei Jahren, in dem es darum ging, wie schwierig die Umsetzung einer solchen App genau ist. Grund genug für den Mediziner aus Schleswig-Holstein sich mit dem Programmierern an die Arbeit zu machen. Bislang ist die App nur in Schleswig-Holstein verbreitet. Nach einem Monat sind schon mehr als 700 Nutzer registriert.

Ein Erste-Hilfe-Kurs reicht

Tipps für den Notfall
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Die einzige Chance, einem Menschen nach plötzlichem Herzstillstand zu retten, ist die Reanimation. Nur wenige Regeln sind wichtig - Leben retten ist nicht schwer. mehr

Um sich bei "Meine Stadt rettet" anzumelden, braucht es neben einem modernen Smartphone auch Grundkenntnisse bei der Versorgung von Patienten, sagt Elsner. Ein Erste-Hilfe-Seminar, wie man es heutzutage während der Führerschein-Ausbildung macht, genügt. "Die App kann man sehr einfach bekommen", erklärt Elsner. "Einfach den Begriff 'Meine Stadt rettet' im Google Play Store oder im Apple Store eingeben, sich registrieren, dann ein Zertifikat über einen Erste-Hilfe-Kurs hochladen - und schon wird man freigeschaltet und ist dabei."

Erste Erfolge

Bislang konnten durch die kostenlose "Meine Stadt rettet"-App 17 Patienten in Lübeck und Kiel schneller behandelt werden. Dabei ging es um sehr verschiedenartige Fälle, nicht nur Herzprobleme. Es gab auch den Fall eines Diabetikers in Lübeck, der so weit unterzuckert war, dass er in der Lübecker Innenstadt bewusstlos zusammenbrach.

Für ganz Deutschland gedacht

Alle Ersthelfer sind in dem System speziell versichert, auch das war den Entwicklern ein wichtiger Punkt. Das nächste Ziel für Christian Elsner ist nun, ein möglichst engmaschiges Netz an professionellen Ersthelfern aufzubauen. "Wir wollen mit der App natürlich möglichst schnell in ganz Deutschland aktiv sein", meint Elsner. "Schon heute ist es möglich, dass 60 Prozent aller Leitstellen die App für sich in der Region aktivieren."

Weitere Informationen
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