Stand: 07.04.2016 11:40 Uhr  - NDR Info  | Archiv

"Die Diabetes soll mich nicht beherrschen"

von Elisabeth Weydt, NDR Info

Die Zahl der Diabetiker hat sich seit 1980 weltweit vervierfacht. In Deutschland leben etwa sechs Millionen Menschen mit der sogenannten Zuckerkrankheit. Der Weltgesundheitstag stellt sie deshalb in diesem Jahr in den Mittelpunkt. Diabetes ist schon lange eine Volkskrankheit. An jeder Ecke locken schließlich auch Schokoriegel, eine schnelle Portion Pommes oder ein Softgetränk. Doch ungesunde Ernährung ist nur ein Grund, warum man an Diabetes erkranken kann.

Porträtfoto der Diabetespatientin Bärbel Meyer. © NDR Foto: Elisabeth Weydt
Bärbel Meyer hat schon seit fast 50 Jahren Diabetes und will sich ihr Leben nicht von der Krankheit diktieren lassen

Bärbel Meyer hat Diabetes, seit sie Anfang 20 ist - erst Typ 2, später Typ 1. Das heißt, sie muss sich nun Insulin spritzen. Gerade ist sie neun Tage im stationären Diabetes-Schulungszentrum der Asklepios Klink in Hamburg. Sie will ihre Werte neu einstellen lassen und ihr Wissen über die Krankheit auffrischen. Regelmäßig muss sie ihre Blutzuckerwerte messen. Das Frühstück der agilen 70-Jährigen bestand heute aus 7,5 Kohlehydrat-Einheiten: ein Brötchen, Marmelade und ein Joghurt. Sie rechnet kurz und weiß, wie viel Insulin sie nun spritzen muss, um auf ihren Normalwert zu gelangen.

Kommt der Genuss beim Essen zu kurz?

Wenn Bärbel Mayer vom Essen erzählt, klingt das mehr nach Mathematik als nach Genuss. Der falsche Eindruck? "Ich kann das Essen durchaus genießen. Ich will mich ja nicht von der Diabetes beherrschen lassen. Ich will das managen. Ich kann durchaus mal ein Glas Wein trinken, wobei ich mir überlege: Trink ich das Glas Wein oder esse ich lieber was? Und natürlich esse ich ein Stück Sahnetorte. Ich muss das nur in meinen Tagesablauf einbauen. Und ich weiß, dass ich es nicht jeden Tag kann."

"Ich weiß, wie ich damit umgehen muss"

Kompliziert sei das schon, aber eben auch machbar, sagt sie. Am Anfang musste sie sich daran gewöhnen. Dabei waren vor allem die Kommentare aus dem Umfeld nicht immer leicht zu verdauen, erinnert sich die ehemalige Chefsekretärin: "Wir hatten von der Firma häufiger mal ein Essen und ich wusste ganz genau, wenn ich dann Nachtisch esse, dass bestimmte Leute gucken und sagen: 'Darf die doch gar nicht.' Doch, das darf die!" Eine Zeit lang habe sie sich von den "dummen Nachfragen" verunsichern lassen. "Doch irgendwann habe ich gedacht: Es ist mein Leben und ich weiß, wie ich damit umgehen muss."

Forderung nach einer Zuckersteuer in Deutschland

Christiane Krings, Fachärztin für Innere Medizin. © NDR Foto: Elisabeth Weydt
Christiane Krings, die Leiterin der Diabetesstation der Asklepios Klink in Hamburg, sagt, man soll Diabetes-Patienten nicht pauschal für ihre Krankheit verantwortlich machen.

Christiane Krings, die Leiterin der Diabetesstation, arbeitet schon seit 20 Jahren mit Diabetes-Patienten. Sie schätzt die Volkskrankehit als gravierend ein, vor allem die Typ-2-Diabetes. Das Problem nehme zu, da die Menschen immer älter werden. Auch die Lebensumstände - wie der Bewegungmangel und die zum teil ungesunde Ernährung in der Bevölkerung - seien nicht optimal in Deutschland.

Trotzdem könne man Diabetes-Patienten nicht pauschal für ihre Krankheit verantwortlich machen. Der Grund dafür: Die Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrangung, der Typ 2 wird unter anderem durch eine Insulinresistenz verursacht. "Und diese Insulinresistenz hat natürlich ganz viel zu tun mit Gewicht, Ernährung, Bewegung, also diesem typischen Lifestyle", sagt Krings. "Das hat damit sehr viel zu tun, aber man kann nicht pauschal sagen, du bist selber schuld, dass du Diabetes hast. Sondern es ist auch eine große genetische Komponente dabei."

Trotzdem würde sie die Einführung einer Zuckersteuer in Deutschland begrüßen. Die Industrie würde dann vielleicht gesündere Lebensmittel produzieren und die Menschen gesünder einkaufen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 07.04.2016 | 07:38 Uhr

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