Stand: 07.10.2019 15:07 Uhr  | Archiv

Blutfettsenker fördern Diabetes: Wer muss aufpassen?

Eine Auswahl an Tabletten. © picture-alliance/ dpa/dpaweb Foto: Heiko Wolfraum
20 Prozent der Betroffenen, die Cholesterinsenker einnehmen, leiden unter Nebenwirkungen.

Weltweit zählen Cholesterinsenker zu den meistverkauften Medikamenten. In Deutschland werden vor allem Medikamente aus der Wirkstoffgruppe der Statine eingesetzt. Sie senken den Cholesterinspiegel im Blut. So wird das Risiko für die Entstehung von Arteriosklerose, koronaren Herzerkrankungen und Schlaganfällen nachweislich reduziert. Denn erhöhte LDL-Cholesterinwerte gelten als wichtigste Risikofaktoren für diese Erkrankungen. Eine häufige Nebenwirkung ist jedoch Diabetes, denn Statine erhöhen den Blutzuckerspiegel.

Statine erhöhen das Diabetes-Risiko

Zu Diabetes kann die Einnahme von Statinen führen, wenn sie die Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse schwächen. Dann kommt weniger Insulin in den Muskelzellen an, der Blutzuckerspiegel steigt und der Körper legt den nicht verbrauchten Zucker als Fettreserve an. Das fördert die Entstehung der Zuckerkrankheit.

Eine aktuelle Studie aus den Niederlanden mit Menschen zwischen 55 und 75 Jahren zeigte, dass diejenigen, die Statine einnahmen, ein um 38 Prozent höheres Diabetes-Risiko hatten.

Das bedeutet: Wenn das Risiko eines Menschen, in den nächsten zehn Jahren an Diabetes zu erkranken, bei fünf Prozent liegt, erhöht es sich durch die Einnahme von Statinen auf etwa 6,5 bis 7 Prozent. Gleichzeitig senken die Medikamente das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Risiko durch Blutfettsenker individuell abwägen

Ob eine Therapie mit Statinen trotz der möglichen Nebenwirkungen sinnvoll ist, hängt vom individuellen Risikoprofil der Erkrankten ab:

  • Gibt es Vorerkrankungen in der Familie, Anzeichen von Arteriosklerose oder weitere Risikofaktoren wie Bluthochdruck?

  • Auch wer bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten hat, braucht zur Vorbeugung meist Statine.

In der Regel ist die Wirksamkeit der Statine wichtiger als das Diabetes-Risiko, das sich durch Sport und gesunde Ernährung begrenzen lässt. Wichtig ist jedoch, den Blutzuckerspiegel regelmäßig kontrollieren zu lassen.

Statine können weitere Nebenwirkungen auslösen

Der Körper kann die Abfallprodukte des Statins nicht abbauen. Normalerweise nehmen sogenannte Träger (Carrier) die Statinabfälle auf und transportieren sie ab. Doch bei einigen Menschen verweigern die Träger bei bestimmten Statinen ihren Dienst. Sie lassen das Abfallprodukt nicht andocken. Dies kann genetisch bedingt sein oder durch andere Medikamente, Grapefruitsaft oder Johanniskraut verursacht werden. Die Abfallprodukte führen dann zu einer Art Vergiftung im Körper, die zu verschiedenen Nebenwirkungen führen kann, zum Beispiel Muskelschmerzen.

Coenzym Q10 gegen Muskelschmerzen

Besonders körperlich aktive Menschen leiden durch die Einnahme der Statine häufiger unter Muskelschmerzen (Statin-Myopathie). Die Statine stören die Energieversorgung der Muskelzellen. Das wichtige Coenzym Q10 wird reduziert. Dadurch erhalten die Muskeln nicht die nötige Energie. Bei Sport und der damit verbundenen Muskelarbeit wird das Enzym dann noch zusätzlich abgebaut.

In kleineren Studien machen Mediziner seit Jahren die Erfahrung, dass die zusätzliche Einnahme des Coenzyms Q10 gegen die Muskelschmerzen helfen kann, ohne dass ein Wechsel des Statins nötig wird. Die Substanz Q10 ist als Nahrungsmittelergänzung rezeptfrei erhältlich. Eine große wissenschaftliche Studie, die die Wirksamkeit von Q10 belegt, gibt es aber bisher nicht. Die Einnahme sollte immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen.

Da der Q10-Spiegel mit zunehmendem Alter ohnehin reduziert ist und alle Statine den Q10-Gehalt im Muskel zusätzlich reduzieren, wird bei jeglicher Statin-Einnahme - auch ohne Muskelschmerzen - die Einnahme des Coenzyms Q10 empfohlen. Es verkürzt auch die Regenerationszeit nach Muskelbelastungen (Sport), die für Menschen mit Fettstoffwechselstörungen unverzichtbar sind.

Wichtig ist auch, die Wirkung von Statinen durch ausreichend Vitamin D zu unterstützen. Vitamin D ist bei vielen in Monaten mit wenig Sonne reduziert und sollte insbesondere bei nachgewiesenem Mangel substituiert werden.

Statine: Fragen und Antworten

Was ist noch wichtig bei der Einnahme von Statinen?
Johanniskraut und Grapefruitsaft verdrängen Statine an den Ausscheidungs-Carriern. Statine werden dann nicht mehr ausgeschiedenen und deren Spiegel steigen kritisch an. Deshalb: Niemals Johanniskraut beziehungsweise Grapefruit zusammen mit Statinen (oder vielen anderen wirksamen Medikamenten) einnehmen.

Wann sind Statine im Alter sinnvoll?
Wenn man bis 80 nachweislich keine Gefäßarteriosklerose entwickelt hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dann noch eine zu entwickeln, sehr klein. Bei diesen Patienten besteht eher keine Notwendigkeit, noch mit einer prophylaktischen Statintherapie zu beginnen. Bei entsprechend vorbelasteten Patienten besteht hingegen eindeutig die dringende Notwendigkeit, die Statintherapie auch im höheren Alter fortzusetzen. Bei der Statingabe aus prophylaktischen Überlegungen (genetisches Risiko, Familienanamnese, nachgewiesene Veränderungen an den Hals- oder Beingefäßen, schlechte Cholesterinverteilung: HDL < 45 und LDL >150) ist aber Statintherapie nicht gleich Statintherapie: Aufgrund der Pharmakokinetik erreicht man mit einer niedrigen Statindosis in der Regel mindestens 70 Prozent des möglichen Effekts, das heißt mit hohen Dosen erreicht man nur weitere 30 Prozent Effekt, aber mit dem Nachteil, entsprechend mehr Nebenwirkungen bei höherer Substratdosis zu haben.

Kann man bei einer Statin-Unverträglichkeit PCSK9-Hemmer einnehmen?
Gegenwärtiger Stand: PCSK9-Hemmer nur bei Nicht-Erreichen der Zielvorgaben trotz Maximaltherapie mit Statinen und Ezetimibe.

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Experten zum Thema

Dr. Matthias Riedl, Internist, Diabetologe, Ernährungsmediziner             
medicum Hamburg MVZ GmbH
Beim Strohhause 2
20097 Hamburg
(040) 80 79 79-0
www.medicum-hamburg.de

Dr. Stephan Brune
Kardiologie Stade
Harsefelder Straße 6
21680 Stade
www.kardiologiestade.de

Prof. Dr. Jens Aberle, Ärztlicher Leiter
Ambulanzzentrum des UKE GmbH, Fachbereich Endokrinologie, Diabetologie, Adipositas und Lipide
Martinistraße 52
20246 Hamburg
(040) 74 10-500 85
www.uke.de

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Visite | 08.10.2019 | 20:15 Uhr

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