Stand: 05.02.2019 22:30 Uhr

Chat-Protokoll: Polyneuropathie

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Dr. Janne Gierthmühlen hat im Visite Chat Fragen zum Thema Polyneuropathie beantwortet.

Bei einer Polyneuropathie (PNP) sind die Nerven geschädigt. Die Folge sind Empfindungsstörungen, ein Brennen in den Füßen und Beinen, seltener in Armen oder Fingern. Manche Menschen spüren ein Kribbeln, Taubheits- oder Kältegefühl. Manchmal ist ein unsicherer Gang das erste Symptom. Oft entsteht die Nervenstörung durch eine langjährige Zuckerkrankheit oder bei einem Vitaminmangel. Doch auch Krebspatienten leiden darunter als Folge der Chemotherapie. Etwa fünf Millionen Menschen sind in Deutschland betroffen. Ein Problem, das lange unterschätzt wurde.

Die Neurologin Dr. Janne Gierthmühlen hat im Visite Chat Fragen zum Thema Polyneuropathie beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen.

Joshi: Bei mir wurde 2014 eine Small-Fiber-PNP sowohl in beiden Füßen (Strumpfbereich) als auch in beiden Knie- und Oberschenkel-Oberseitenbereichen festgestellt (Zählung von gesunden Nerven im Vergleich zu einem nicht betroffenen Haut-Referenzbereich). Eine Diabetes Typ 2 wurde erst im Verlauf der PNP festgestellt (HbA1c seit fünf Jahren konstant). Ich war von 1980 bis1993 Alkohol-Missbräuchler und -Abhängiger (also seit 25 Jahren kein Alkohol mehr). Eine Dämpfung der Schmerzen (wie schwere körperliche Traumata) nur mit Anti-Epileptika, zusätzlich Antidepressiva zur Schmerzlinderung (50 mg Amineurin zur Nacht), andere Schmerztherapien schlagen nicht an. Welche Ursachen könnten für eine derartige Small-Fiber-PNP in Frage kommen? Habe mich kurz vor dem akuten, plötzlichen (also nicht schleichenden) Eintritt der Beschwerden in den betroffenen Bereichen mehrfach außerordentlich mechanisch-körperlich überlastet - könnten hier Ursachen liegen?

Dr. Janne Gierthmühlen: Ursachen sind zum Beispiel Alkoholmissbrauch und Diabetes mellitus. Die Schädigung der Nerven kann bereits vor klinisch sichtbarem Diabetes mellitus auftreten. Eine mechanisch-körperliche Überlastung ist keine Ursache für eine Polyneuropathie.

Anne: Kann eine nicht bemerkte, aber bei einer späteren Blutuntersuchung verifizierte Borreliose Ursache für eine Polyneuropathie gewesen sein?

Gierthmühlen: Ja, kann es. Eine Borreliose-Infektion verläuft anfangs oft unbemerkt und zeigt sich dann zum Beispiel durch eine Polyneuropathie.

Wezi: Bei mir ist vor einem guten halben Jahr PNP diagnostiziert worden. Auslöser war mein seit circa einem Jahr bemerktes Gefühl, wie auf Watte zu gehen. Als mögliche Ursache wurde mein Alkoholkonsum (zwei Gläser Wein täglich abends beim Essen) angenommen. Erstens: Ich war jetzt über sechs Monate absolut abstinent. Trotzdem haben sich in dieser Zeit die Symptome, wenn auch schwach, verstärkt. Ist das bei der angenommenen Ursache möglich? Müsste man nach anderen Ursachen suchen? Und ist absoluter Alkoholverzicht weiter notwendig, oder kann ich auch mal ein Glas Wein oder Sekt mittrinken? Zweitens: Ist es richtig, dass der Vitamin B12-Wert besser über 1000 pg/mL sein sollte? Drittens: Wie kann man feststellen, ob auch das autonome Nervensystem betroffen ist?

Gierthmühlen: Aufgrund der Verschlechterung trotz Alkoholabstinenz sollten weitere Ursachen für die Polyneuropathie ausgeschlossen werden. Alkohol kann die Nerven schädigen, dennoch spricht nichts gegen einen gelegentlichen, verantwortungsvollen Alkoholkonsum. Um festzustellen, ob das autonome Nervensystem betroffen ist, müssen autonome Beschwerden - zum Beispiel kurze Bewusstlosigkeiten, schneller Herzschlag in Ruhe, Störung des Schwitzens - abgefragt und mit den entsprechenden Methoden untersucht werden.

Paul: Muss der Wärmetest immer durchgeführt werden?

Gierthmühlen: Nein, wenn sich bereits in der Nervenmessung eine Schädigung zeigt und damit eine Polyneuropathie diagnostiziert wird, muss der Wärmetest nicht durchgeführt werden. Wenn allerdings die Nervenmessungen unauffällig sind, aber sich klinisch typische Zeichen einer Polyneuropathie zeigen, sollte eine Untersuchung der dünnen Nervenfasern erfolgen - zum Beispiel mittels Wärmetestung, da die dünnen Fasern auch isoliert geschädigt werden können (sogenannte Small-Fiber-Neuropathie).

Verflixtnochmal: Mein Arzt hat mir das Medikament "Targin" verschrieben, mit dem ich soweit zufrieden bin. Kann Targin abhängig machen?

Gierthmühlen: Targin gehört zur Gruppe der Opioide, die zu einer körperlichen Abhängigkeit führen.

Bernhard: Ich leide an einer Small-Fiber-Neuropathie, es gibt keine feststellbaren Ursachen - und leider auch nur eine symptomatische Therapie zur Schmerzlinderung mit Pregabalin, das ich dummerweise nicht vertrage. Wie kann ich verhindern, dass sich die Symptome weiter in den Füßen und bisher sehr dezent auch in den Händen ausbreiten und verstärken?

Gierthmühlen: Pregabalin ist nicht das einzige Medikament zur Therapie einer Small-Fiber-Neuropathie. Neben Pregabalin kommen auch bestimmte Antidepressiva und gegebenenfalls Pflastertherapien in Frage. Als letzte Wahl auch Opioide. Ohne Ursache kann eine Polyneuropathie nur symptomatisch behandelt werden. Da Toxine - wie zum Beispiel Alkohol, ein erhöhter Blutzucker und Rauchen - Nerven zusätzlich schädigen können, sollten diese Dinge vermieden werden. Physiotherapie oder ein regelmäßiges Ansprechen der Nervenfasern können zusätzlich helfen.

Pelops: Wie sinnvoll ist das Medikament Gabapentin bei einem 89-jährigen Patienten, der Diabetes, einen Hinterwandinfarkt plus Bypass-Operation sowie ein Bauchaneurysma hat, vor zwei Jahren eine transitorische ischämische Attacke (TIA) hatte, zeitweise an Depressionen leidet und nun zusätzlich an Polyneuropathie erkrankt ist? Gibt es Alternativen? Metformin wird morgens und abends genommen, der Hba1c-Wert liegt unter sechs.

Gierthmühlen: Gabapentin ist in diesem Fall - mit diesen Vorerkrankungen - ein gutes Medikament, da es geringe Nebenwirkungen und keine Medikamenteninteraktionen zeigt.

Paulchen: Kann eine Polyneuropathie auch durch Insektengift (Pferdebremsen) ausgelöst werden?

Gierthmühlen: Polyneuropathien können durch verschiedene Gifte ausgelöst werden, aber von Pferdebremsen ist mir nichts bekannt.

Andrea: Bei mir wurde 2017 eine Small-Fiber-Polyneuropathie festgestellt, mit Lähmungserscheinungen in den Fingern und Krämpfen in den Zehen und Beinen. Meine Kinder würden gerne wissen, ob die Krankheit vererbbar ist. Ich habe keine Diabetes und auch Zecken, Alkohol und so weiter sind ausgeschlossen.

Gierthmühlen: Es gibt bestimmte Polyneuropathie-Formen, die erblich bedingt, also vererbbar sind. Diese Polyneuropathien sind jedoch eher selten und treten häufig schon in früheren Jahren auf.

Ulrich: Führt eine Beseitigung der Risikofaktoren zum Stillstand oder eventuell (ganz oder teilweise) zur Besserung der Erkrankung?

Gierthmühlen: Findet man eine Ursache der Polyneuropathie und behandelt diese, bestehen Chancen, dass sich Symptome bessern. Allerdings ist dies abhängig von der bereits erfolgten Schädigung und weiteren individuellen Faktoren, wie zum Beispiel Rauchen, Alkoholkonsum, gleichzeitig bestehender Diabetes etc.

Tochter: Mein Vater, 99 Jahre alt, hat seit vielen Jahren Polyneuropatie unklaren Ursprungs. Gegen diese Schmerzen bekommt er Pregabalin 150 mg - früh und abends. Bei 200 mg hat er starkes unkontrolliertes Zucken und Schmeißen der Beine. Ist das zu hoch dosiert oder schon das Restless-Legs-Syndrom (RLS)? In dem Alter wird man sicher nicht mehr viel machen?

Gierthmühlen: Ein unkontrolliertes Zucken und Schmeißen der Beine ist keine typische Nebenwirkung des Pregabalins. Ob ein Restless-Legs-Syndrom vorliegt, muss durch einen Neurologen geklärt werden. Die Therapie ist unabhängig vom Alter.

Brita66: Ich habe seit fast 20 Jahren Polyneuropatie. Ich kann seitdem keine Schuhe mehr tragen, weil meine Füße "Platzangst" haben. Sie schmerzen so sehr, dass ich jedes Paar Schuhe nach ein paar Sekunden wieder ausziehen muss. Was kann ich tun?

Gierthmühlen: Das ist ein häufiges Problem von Patienten mit Polyneuropathie. Hier könnten beispielsweise lokale Pflastertherapien (Lidocain, Capsaicin) versucht werden. Auch eine ergotherapeutische Desensibilisierung kann versucht werden.

Beatrice: Kann bei einer nach Brustkrebs und Chemotherapie entstandenen Polyneurophatie Hoffnung bestehen, dass sich das Leiden wieder ergibt? Oder heißt es: Einmal Polyneurophatie, immer Polyneurophatie?

Gierthmühlen: Leider ist es häufig so, dass ein einmal eingetretener Nervenschaden durch eine Chemotherapie fortbesteht. Es besteht aber die Möglichkeit, die Symptome zu lindern (zum Beispiel, die Schmerzen zu reduzieren).

Evelyne: Kann mir eine Ergotherapie statt einer Physiotherapie helfen?

Gierthmühlen: Ergotherapie kann zum Beispiel in der Desensibilierungsbehandlung zur Reduktion von Schmerzen sinnvoll sein. Ergotherapie hat aber einen anderen Ansatz als Physiotherapie und sollte daher nicht an deren Stelle stehen, kann aber ergänzend eingesetzt werden.

Sanni: Ich leide seit März 2018 an Gefühlsstörungen in den Beinen. Es wurde dann ein doppelter Bandscheibenvorfall festgestellt. Trotz Spritzentherapie und weiterer vielfältiger Therapien stellte sich kein Erfolg ein. Dann kam ich in eine Schmerzklinik. Mein Laufen wurde immer schlechter. In der Schmerzklinik wurde ich dann auf Palexia und Lyrica eingestellt. Es half mir nur eine kurze Zeit. Dann kam ich zur Reha und kam schlechter nach Hause als vorher. Im Dezember kam die Diagnose Wirbelgleiten. Daran habe ich mich am 11. Januar 2019 im Wirbelsäulenzentrum in Osnabrück operieren lassen. Wirbelversteifung. Es geht mir im Moment noch nicht gut, es sind nach wie vor Gefühlsstörungen da. Ich weiß nicht, ob die Operation mir geholfen hat. Mein Orthopäde war sich nicht sicher, ob das Wirbelgleiten der Grund für meine Gefühlsstörungen ist. Könnte sonst auch Polyneuropathie der Grund für die Gefühlsstörungen sein?

Gierthmühlen: Das ist anhand des Textes schwierig zu beurteilen. Dazu müsste man wissen, wo die Gefühlsstörungen vorliegen, wann sie auftreten und so weiter. Gegebenenfalls empfiehlt sich eine neurologische Abklärung.

Roland: Auch bei mir hat der Neurologe PNP diagnostiziert. Alle genannten Ursachen wurden abgeklärt, aber es gab keinen Hinweis auf eine dieser Ursachen. Im Moment nehme ich ein hoch dosiertes Vitamin B12-Präparat (300 mg). Das liegt hundertfach über dem empfohlenen Wert. Ist es sinnvoll, dieses Präparat zu nehmen? Bisher zeigt es keine Wirkung.

Gierthmühlen: Bisher gibt es keinen Hinweis, dass die Einnahme eines Vitamin B12-Präparates bei nicht vorliegendem Vitamin B12-Mangel sinnvoll ist.

Star1109: Ich habe vor zwei Wochen einige Tage kniend und mit abgeknickten Füßen Bodenverlegearbeiten verrichtet. Danach konnte ich eine Woche sehr schlecht laufen und noch heute ist der Spann oberflächlich taub und die Beine kribbeln. Was ist passiert und was kann ich tun, damit das wieder besser wird?

Gierthmühlen: Beim Fliesenlegen kommt es mitunter zu Irritationen peripherer Nerven, die unterschiedlich lange anhalten können. Physiotherapie ist sinnvoll.

Doreen50: Was kann man als Diabetiker und trockener Alkoholiker zu Hause selbst tun?

Gierthmühlen: Die Nerven regelmäßig sensorisch und motorisch stimulieren - zum Beispiel mit dem Igelball, Training auf verschiedenen Untergründen, Ein-Bein-Stand und so weiter.

Maria: Habe einen B12-Mangel durch eine perniziöse Anämie und chronische Gastritis Typ A. B12-Mangel war so ausgeprägt, dass ich unter einer Polyneuropathie leide. Substituiert wird der Mangel durch B12-Spritzen. Gibt es noch Alternativen?

Gierthmühlen: Wenn ein Vitamin B12-Mangel besteht, muss dieser auch substituiert werden. Alternativen gibt es hier leider keine.

Guenter: Besteht ein Zusammenhang zwischen PNP und Restless Legs?

Gierthmühlen: Ja, es besteht ein Zusammenhang. Das Restless-Legs-Syndrom kann sekundär durch eine Polyneuropathie bedingt sein.

Franziska: Die in Ihrer Sendung beschriebenen Missempfindungen habe ich nicht, jedoch habe ich Manschettengefühle in beiden Füßen. Im Schwimmbad, als hätte ich an beiden Füßen Socken an. Ich leide auch unter kalten Zehen. Keine Taubheitsgefühle und keine Gang-Unsicherheit. Fühle kalt und warm, auch spitz und stumpf. Gibt es auch hier Hilfe?

Gierthmühlen: Die Symptome könnten auf eine Polyneuropathie der dünnen Fasern hindeuten. Hier wäre eine gezielte Untersuchung dieser Fasern sinnvoll.

Sokrantzero: Seit Jahren stehen auf den Arztrechnungen, die mir gestellt werden, die Diagnosen "lumbale Spinalkanalstenose" und "sensomotorische PNP". Dazu kommt der Befund einer beidseitigen Atrophie der Musculus gluteus maximus (mm.glut.max). Kann diese eine Folge sein? Vor zwei Jahren überfiel mich ein Rezidiv von Herpes Zoster auf der Stirn und der Augenhornhaut mit irregulären Astigmatismus im Gefolge. Kann die Virusinfektion Ursache der PNP sein?

Gierthmühlen: Die Atrophie der mm.glut.max kann durchaus die Folge einer lumbalen Spinalkanalstenose und sensomotorischen PNP sein. Der Zoster an der Stirn ist als Ursache der PNP unwahrscheinlich.

Otto: Gibt es es auch flüssige Medikamente gegen PNP?

Gierthmühlen: Viele der bei der Polyneuropathie eingesetzten Medikamente sind auch in flüssiger Form erhältlich.

Marlies: Seit einigen Jahren leide ich unter Schlafstörungen wegen unruhiger Beine. Seit etwa 2000 habe ich die Diagnose Diabetes 2, eingestellt mit Metformin, Xelevia, angepasster Ernährung, Krafttraining (Studio, einmal pro Woche) und Nordic Walking, im Sommer Schwimmen im eigenen Pool. Mein Vater hatte Parkinson. Neuropathie oder RLS?

Gierthmühlen: Das Restless-Legs-Syndrom kann auch sekundär durch eine Polyneuropathie bedingt sein.

Dieses Thema im Programm:

Visite | 05.02.2019 | 20:15 Uhr

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