Stand: 25.09.2018 22:27 Uhr  | Archiv

Chat-Protokoll: Darmkrebs-Vorsorge

Gastroenterologe Professor Torsten Kucharzik.
Professor Torsten Kucharzik hat im Visite Chat Fragen zum Thema Darmkrebs beantwortet.

Darmkrebs ist die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache in Deutschland. Auch aus diesem Grund wird die Altersgrenze, ab der die Kassen eine Vorsorge-Darmspiegelung bezahlen, für Männer jetzt von 55 auf 50 Jahre gesenkt. Besonders wichtig ist diese Untersuchung für Menschen, in deren Familie schon Darmkrebs aufgetreten ist. Denn das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, kann vererbt werden. Ein Viertel der Fälle treten in Familien gehäuft auf. Bei Verwandten ersten Grades kann das Risiko einer Darmkrebserkrankung bis zu vier Mal höher sein.

Der Gastroenterologe Professor Torsten Kucharzik vom Klinikum Lüneburg hat im Visite Chat Fragen zum Thema Darmkrebs-Erkennung und -Vorsorge beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen.

Ilona: Gibt es Risikogruppen für erblich bedingten Darmkrebs? Mein Kenntnisstand ist von 2005, damals hatte mein Sohn Blut im Stuhl und es wurde eine Koloskopie gemacht und ich glaube, derzeit keine Anzeichen. Seine Oma (meine Mutti) war 1988 mit 49 Jahren an Darmkrebs verstorben. Es wurde 2005 gesagt, dass in der Enkelgeneration und da insbesondere bei Jungen ein erhöhtes Risiko besteht, auch an Darmkrebs zu erkranken. Es lief auch eine diesbezügliche Studie. Gibt es Erkenntnisse?

Prof. Torsten Kucharzik: Es gibt ein etwa 1,5-fach erhöhtes Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, wenn zweitgradige Verwandte eine Darmkrebs-Diagnose hatten. Man sollte in der Verwandtschaft herausfinden, ob weitere Fälle mit Darmkrebs vorliegen. Falls dies nicht der Fall ist, würde ich im betreffenden Fall eine erste Darmkrebsvorsorge im Alter von 40 Jahren empfehlen.

Hm: Erst im Juni diesen Jahres war ich zur Darmspiegelung, die negativ war. Seit Kurzem habe ich teilweise Beschwerden mit häufigem Stuhlgang und Blähungen, die ganz unterschiedlich und innerhalb kurzer Zeit auftreten - danach habe ich wieder tagelang Ruhe. Frage: Muss ich mich erneut untersuchen lassen?

Kucharzik: In diesem Fall ist es nicht notwendig, eine erneute Darmspiegelung durchzuführen, die Ursachen der Beschwerden können vielfältig sein. Weiterführende Untersuchungen können jedoch durchaus sinnvoll sein.

Benzi: Kann man bei der Darmkrebsvorsorge die Darmspiegelung umgehen? Und wie zuverlässig ist die neue Stuhluntersuchung, die man bei der gynäkologischen Krebsvorsorge machen lassen kann?

Kucharzik: Bei der angesprochenen Stuhluntersuchung handelt es sich vermutlich um den immunologischen Stuhltest (iFOBT). Dieser Test ist schon ziemlich zuverlässig, besser und zuverlässiger ist jedoch die Durchführung einer Darmspiegelung, die nach wie vor die beste Methode in der Darmkrebsvorsorge darstellt.

Susanne: Ab welchem Alter wird die erste Darmspiegelung empfohlen, wenn eine erbliche Belastung vorliegt?

Kucharzik: Üblicherweise zehn Jahre vor dem Erkrankungsalter betroffener erstgradiger Verwandter, spätestens jedoch im Alter von 40 bis 45.

Brigitte: Ich hatte 1989 mit 39 Jahren Darmkrebs. Leider kann ich die Flüssigkeit nicht trinken, weil sie mir sofort wieder hochkommt. Welche Alternativen habe ich noch? Mit Klistier wird der Darm nicht richtig sauber. Welche Möglichkeiten würden Sie mir vorschlagen?

Kucharzik: Es gibt mittlerweile verträglichere Vorbereitungslösungen, die eingesetzt werden können und die ich zunächst ausprobieren würde.

Rolf: Mein Vater hatte mit 64 Jahren Darmkrebs, an dem er verstarb. Bei mir wurden mit 54 Jahren vier Polypen entfernt. In welchem Abstand sind Darmspiegelungen bei familiärer Vorbelastung nötig?

Kucharzik: Üblicherweise sollten bei erblicher Belastung Untersuchungen in fünfjährigen Abständen erfolgen, falls keine Polypen vorliegen. Bei Nachweis von Polypen - wie von Ihnen beschrieben - verkürzen sich die Kontrollintervalle üblicherweise auf dreijährige Intervalle.

Theo: Wie sicher ist die "normale" Darmspiegelung in der ambulanten Praxis? Kann aus einem Lipom ein bösartiger Polyp wachsen? Was bedeutet fast immer breiiger Stuhl?

Kucharzik: Die Darmspiegelung in der ambulanten Praxis ist sicher! Aus einem Lipom kann kein bösartiger Polyp wachsen. Und: Breiiger Stuhlgang kann vielfältige Ursachen haben, ein Hinweis auf Darmkrebs ist das primär nicht.

Katze: Erhöhen Hämorrhoiden das Darmkrebsrisiko? Wie lassen sich blutende Hämorrhoiden von Darmkrebs unterscheiden?

Kucharzik: Hämorrhoiden erhöhen das Darmkrebsrisiko nicht. Eine Unterscheidung von blutenden Hämorrhoiden zu Darmkrebs ist nur bei Durchführung einer Darmspiegelung möglich.

Ulrike: Vor drei Jahren wurde bei mir kurz hinter dem Schließmuskel ein Adenom entfernt. Ich wohne in den Niederlanden und hier wird eine weitere Darmspiegelung erst nach fünf Jahren geplant. Soll ich darauf dringen, diese erneute Untersuchung wie in Deutschland auch nach drei Jahren machen zu lassen?

Kucharzik: Wenn das entfernte Adenom kleiner als einen Zentimeter war und keine weiteren Adenome vorlagen, ist eine Kontrolle in fünf Jahren ausreichend.

Sunny: Begünstigen Divertikel Darmkrebs?

Kucharzik: Die Divertikel-Krankheit ist nicht mit einem erhöhten Risiko für Darmkrebs verbunden.

Bernd: Wie wird ein Tumor im Dünndarm diagnostiziert?

Kucharzik: Tumore im Bereich des Dünndarms werden durch die Darmspiegelung in der Regel nicht erfasst. Glücklicherweise treten Dünndarm-Tumore aber auch nur sehr selten auf.

B.S.: Kann man auch eine MRT-Untersuchung vom Darm machen und würde man Polypen dabei erkennen?

Kucharzik: Auch mit einer MRT-Untersuchung kann man im vorbereiteten Darm Darmkrebs beziehungsweise Polypen erkennen. Die Untersuchung ist jedoch längst nicht so gut und aussagekräftig wie eine Darmspiegelung. Außerdem wird der Darm mit Luft gefüllt, sodass die Untersuchung häufig unangenehm ist.

Trudi: Meine Mutter hatte mit circa 75 Jahren einen gutartigen kleinen Tumor im Darm, der entfernt wurde. Meine erste Darmspiegelung vor zwei Jahren war unauffällig. Sollte ich nun in einem kürzeren Zeitraum die nächste Darmspiegelung durchführen lassen oder reicht der normale Zeitraum?

Kucharzik: In diesem Fall reicht der normale Zeitraum bis zur nächsten Darmspiegelung aus, der bei fehlendem Nachweis von Polypen in der ersten Untersuchung üblicherweise zehn Jahre beträgt.

Karin: Kann man während der Darmspiegelung schlafen oder ist man bei vollem Bewusstsein?

Kucharzik: Die Darmspiegelung wird üblicherweise mit einer Kurznarkose durchgeführt, sodass man bei der Untersuchung schläft und keine Beschwerden haben sollte.

Bine: Habe eine CED. Letzte Spiegelung im Mai ergab einen Polypen. Entzündung besteht immer noch. Wie hoch ist die Gefahr von Krebs und wie schnell können bei der Entzündung erneut Polypen wachsen?

Kucharzik: Liegt eine Colitis Ulcerosa vor, besteht ein etwas erhöhtes Darmkrebsrisiko. Sie sollten sich von Ihrem behandelnden Darmspezialisten beraten lassen, wann und in welchen Abständen die nächste Darmspiegelung durchgeführt werden sollte.

Andrew: Ich habe gehört, dass niedrig dosiertes Aspirin die Wahrscheinlichkeit für Darmkrebs um 20 Prozent reduzieren kann. Stimmt das?

Kucharzik: Nein, bedauerlicherweise ist das nicht der Fall. Aspirin kann zur Senkung des Darmkrebsrisikos nicht verwendet werden.

Happymind: Aufgrund von schubweiser Schleimauflagerung um den Stuhl wurde der Calprotectin-Wert bestimmt, welcher bei 156 liegt. Meine Hausärztin geht von einem tumorösen Geschehen aus, weshalb ich zur Koloskopie soll. Ich bin 30 Jahre alt und habe seitdem wahnsinnige Angst, die Ungewissheit bis zum Termin ist zermürbend. Familiär sind keine Krebserkrankungen bekannt. Wie stehen Sie zu dem Calprotectin-Wert als Tumormarker?

Kucharzik: Calprotectin ist kein Tumormarker, sondern ein Entzündungsmarker, der in Ihrem Fall auch nur leicht erhöht ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass in dem von Ihnen beschriebenen Fall Darmkrebs vorliegt, ist sehr gering. Trotzdem kann es sinnvoll sein, die Darmspiegelung durchzuführen, um mögliche Entzündungen im Darm zu erkennen und besser behandeln zu können.

Ks: Meine Cousine ist kürzlich im Alter von 67 an Darmkrebs verstorben. Ansonsten hatte niemand in der Familie Darmkrebs. Besteht auch hierbei ein erhöhtes Risiko?

Kucharzik: Das Risiko, ebenfalls an Darmkrebs zu erkranken, ist allenfalls leicht erhöht (Faktor 1,5). Eine Darmkrebsvorsorge ab 50 ist in diesem Falle ausreichend.

Lale: Ich habe seit zehn Jahren Colitis ulcerosa, quasi chronisch aktiv. Steigt mein Dickdarmkrebsrisiko dadurch?

Kucharzik: Das Risiko, bei einer seit zehn Jahren bestehenden Colitis ulcerosa an Darmkrebs zu erkranken, ist leicht erhöht. Darmspiegelungen sollten nach Rücksprache mit Ihrem behandelnden Gastroenterologen regelmäßig durchgeführt werden.

Ecitreab: Bei meiner Darmspiegelung wurde ein "prominenter Lymphfolikel" festgestellt, entnommen, untersucht und gesagt: nichts Bösartiges. Was ist das denn? In unserer Familie hatte niemand Darmkrebs.

Kucharzik: Ein prominenter Lymphfolikel ist ein völlig harmloser Befund, bei dem Sie sich keine Sorgen bezüglich der Entstehung von Darmkrebs machen müssen.

Claudia: Kann bei schwieriger vorangegangener Koloskopie auch eine virtuelle Spiegelung mit einer Kamerakapsel vorgenommen werden?

Kucharzik: Die Untersuchung mit der Videokapsel stellt sicherlich die schlechtere Alternative im Vergleich zur Darmspiegelung dar, ist aber immer noch besser als gar keine Darmkrebsvorsorge. Nachteil ist auch, dass im Falle ds Nachweises von Polypen trotzdem eine Darmspiegelung erfolgen muss.

Pitus: Wie gefährlich kann die vorbereitende Darmreinigung bei Nierenschädigung sein? Ich habe vor einigen Jahren eine Darmspiegelung nicht wahrgenommen, nachdem ich den Beipackzettel gelesen hatte.

Kucharzik: Sie sollten dies mit dem behandelnden Gastroenterologen vorher besprechen. In der Regel werden die Vorbereitungslösungen zur Darmspiegelung vom Körper nicht aufgenommen und führen daher auch nicht zur Belastung der Niere.

Johchn: Ich bin 83, männlich. Mutter Darmkrebs, Schwester Darmkrebs. Bisher bei mir zwei Mal Untersuchung ohne besonderen Befund. Seit vier Jahren sagt der Vorsorgearzt mir: zu alt für eine weitere Untersuchung. Ist diese Auskunft richtig?

Kucharzik: Offensichtlich sind Sie bei unauffälligen Befunden in der Darmspiegelung von dem erblichen Darmkrebsrisiko verschont. Weitere Darmspiegelungen erscheinen daher nicht notwendig.

Ilse-Lore: Ich nehme Betablocker. Was muss ich beim Abführen vor der Darmspiegelung beachten?

Kucharzik: Kann bei der Vorbereitung der Darmspiegelung problemlos weiter genommen werden.

Manfred: Meine Mutter hatte im Alter von 63 Jahren Darmkrebs, der operativ entfernt wurde. In welchem Zeitabstand sollte ich als Risikopatient zur Darmspiegelung gehen?

Kucharzik: Darmkrebsvorsorge sollte in diesem Fall spätestens mit 50 Jahren erfolgen. Falls keine Polypen nachgewiesen werden, reicht in der Regel ein Kontrollintervall von zehn Jahren aus. Bei Nachweis von Polypen (Adenomen) verkürzt sich das Vorsorgeintervall in Abhängigkeit von der Zahl und der Größe der Polypen auf drei- bis fünfjährige Intervalle.

Dieses Thema im Programm:

Visite | 25.09.2018 | 20:15 Uhr

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