Stand: 25.03.2019 23:57 Uhr

Chat: Bandscheibenvorfall, Kalkschulter, Bewegungs-Coaching

Bild vergrößern
Dr. med. Helge Riepenhof ist Sportmediziner und Orthopäde am BG Klinikum Hamburg.

Bewegung als Medizin: Wie kann ich selbst vorbeugen oder meine Erkrankung lindern? Was kann ich etwa bei Rückenschmerzen durch einen Bandscheibenvorfall oder bei einer schmerzhaften Kalkschulter tun? Welche Ansätze gibt es, um gesunde Bewegung in den Büroalltag zu bringen und Schmerzen vorzubeugen? Um diese Themen ging es am Montag, den 25. März 2019, um 21 Uhr bei den Bewegungs-Docs.

Nach der Sendung hat Sportmediziner Helge Riepenhof Ihre Fragen im Chat beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen.

Benny aus der Pfalz: Ich bin Fußballer (Amateurbereich) und gehe dreimal die Woche ins Fitnessstudio zum Krafttraining. Ich habe extreme Schmerzen in meiner linken Leiste. Ich bin Rechtshänder. Gibt es einige gezielte Aufwärmmöglichkeiten, um die Schmerzen zu minimieren?

Dr. Helge Riepenhof: Leistenschmerzen treten bei Fußballern leider häufig auf. Die Ursache kann dabei einmal die Leiste selbst sein, aber auch die Symphyse, also der Bereich zwischen den vorderen Beckenknochen. Sollte es die Symphyse sein, hilft häufig nach einer gewissen Pause intensives Rumpfkrafttraining, wie heute in der Sendung gezeigt.

Reni: Was kann ich gegen Ischias-Schmerzen tun, die ich seit der Schwangerschaft habe?

Riepenhof: Häufig ist die Ursache auch ein Piriformis-Problem, wie heute in der Sendung gezeigt. Dehnübungen helfen häufig gut. Wichtig dabei: Nicht nach zweimal aufgeben, mehrere Tage durchhalten erhöht die Chancen auf Erfolg ungemein.

Michi1987: Bei mir ist eine Hüftdysplasie diagnostiziert worden. Daher wollte ich fragen, was ich an Sport noch machen darf. Zum Beispiel Zumba oder Inlineskaten?

Riepenhof: Die Hüftdysplasie an sich lässt sich durch Training leider nicht beeinflussen. Patienten profitieren aber immer sehr von Sportarten, die die Bewegung der Hüfte fördern und dabei eher gleichmäßig sind und keine "Start-Stopp-Sportarten", wie Fußball. Radfahren und Schwimmen sind perfekt, auch Inlineskaten ist sicher eine gute Sportart.

KJaus: Warum wurde in der gesamten Sendung nicht einmal auf einen eventuellen Nährstoffmangel beziehungsweise eine fehlerhafte Kalkverteilung im Körper hingewiesen? Stichworte: Vitamin D3, Magnesium, Vitamin K2? Bei den meisten Problemen des Bewegungsapparates halte ich diesen Punkt für essenziell.

Riepenhof: Da stimme ich Ihnen absolut zu! Alle Erkrankungen sind multifaktoriell und Vitamine oder Spurenelemente spielen ganz wesentliche Rollen. Dennoch haben wir uns entschieden, den Schwerpunkt "Bewegungstherapie" zu thematisieren. Insbesondere bei unseren Kollegen, den Ernährungs-Docs, stehen andere Themen im Vordergrund.

Sebastian: Ich bin 25 Jahre alt und habe durch meine Büroarbeit Probleme im Schulter-Nacken-Bereich. Hierdurch habe ich des Öfteren das Gefühl, dass meine rechte Schulter mich nach vorne zieht und ich so im Oberkörper eine Schiefstellung habe, die sich sehr unangenehm anfühlt. Können Sie mir Tipps geben, wie ich diesem Problem entgegenwirken kann?

Riepenhof: Büroarbeit endet leider sehr häufig in Ihrer Problematik. Ganz wichtig ist, dass Sie während der Arbeit immer wieder die Position wechseln und Ausgleichsübungen machen. Sie sollten mindestens einmal pro Stunde aufstehen und ihren Rücken und Nacken dehnen, auch kurze Spaziergänge helfen ungemein. Und auch wenn es ungewohnt ist, mal ein paar Tage die Tastatur umstellen oder die Maus auf die andere Seite legen, lindert auch schon häufig die schlimmsten Beschwerden. Abwechslung wirkt immer am besten gegen einseitige Überlastungen.

Doris: Ich bin 63 Jahre alt, nicht übergewichtig und laufe täglich sechs- bis zehntausend Schritte. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, mein Rücken bräche in der Mitte durch. Danach lagert sich der Piriformis auf den Ischiasnerv. Was kann ich tun?

Riepenhof: Die Ursache für Rückenbeschwerden liegt fast immer auch an einer geschwächten Bauchmuskulatur. Gerade die tiefen Bauchmuskeln spielen eine wesentliche Rolle. Sie sind offensichtlich sehr aktiv und damit haben Sie die beste Basis, Ihre Beschwerden loszuwerden. Wichtig ist allerdings, dass Sie auch Ihren Bauch intensiv trainieren. Das sollte die Beschwerden lindern, da auch der Rücken dann "gefühlt kräftiger" ist.

Hope: Ich habe eine Entzündung und Kalk in der rechten Schulter. Kann beides allein durch gezielte Übungen wieder verschwinden? Und was ist zuerst dagewesen, die Entzündung oder der Kalk?

Riepenhof: Die Entzündung wird in der Schulter häufig durch die in der Sendung beschriebene Enge unterhalten. Da die Sehne und auch der Kalk praktisch bei jeder Armbewegung unter den Knochen des Schulterdaches reiben, kann sich die Entzündung nicht beruhigen. Nur durch "Platzschaffen" kann die Entzündung verschwinden. Daher ist das Wichtigste, den Oberarmkopf wieder "runter"zukriegen und das geht gut mit den Übungen, die wir auf unserer Website zeigen.

Nicole: Ich bin 44 und habe solche Schmerzen vom Rücken bis in die Beine. MRT und neurologische Untersuchung blieben ohne Befund. Rehasport ohne Erfolg. Knicke beim Gehen ein und kann nicht mehr so lange gehen. Im Laufe des Tages werden die Schmerzen stärker und auch in der Ruhe. Habe auch Schmerzen in der Leiste, meistens rechts.

Riepenhof: Wenn bildgebende Untersuchungen wie das MRT ohne Befund sind, dann liegt sehr häufig ein funktionelles Problem vor. Sie beschreiben durch das Wegknicken beim Gehen eines der häufigsten Probleme, nämlich die Schwäche der Rumpfmuskulatur. In der Mediathek finden Sie die Folge mit unserem Tanzlehrer, er hatte ein ähnliches Problem und auch Ihnen würde ich nach einer Untersuchung wahrscheinlich vergleichbare Übungen, insbesondere das Training der "Po-Muskulatur" empfehlen. Durch eine gebesserte Bewegungsqualität verschwinden dann nämlich die "Überlastungen" von gewissen Körperregionen, die fast immer die Ursache für Schmerzen sind.

Conny: Nach einer Versteifungsoperation (LKW 4/5) im Jahr 2016 habe ich immer noch große Probleme im Gesäß. Meine neue Physiotherapeutin sprach auch vom Piriformis-Syndrom. Darf ich mit meiner OP die Übungen machen? Ich mache Nordic Walking, soweit ich kann, und Wassergymnastik.

Riepenhof: Da die Operation schon sehr lange her ist, gehe ich davon aus, dass die Versteifung inzwischen fest ist. Daher sind die gezeigten Übungen sogar ganz besonders wichtig, denn leider führen Versteifungsoperationen manchmal auch dazu, dass die angrenzenden Gelenke oder Bandscheiben schneller verschleißen und Beschwerden verursachen. Um diesem Problem vorzubeugen, ist zum Erhalt der Beweglichkeit auch intensives Dehnen eine gute Maßnahme.

R.K.: Habe seit mehr als einem Jahr eine Kalkschulter, Impingement (Einklemmung), verschiedene entzündete Schleimbeutel und eine entzündete Bizeps-Sehne. Durch Kortison-Spritzen oder Ibuprofen über zwei Wochen geht es mir deutlich besser, das hält aber nur zwei bis drei Wochen an, dann tritt die Entzündung wieder auf. Auslöser unbekannt. Krankengymnastik brachte auch nichts. Was kann ich tun, damit die Entzündungen für immer verschwinden?

Riepenhof: Letztlich wird durch die Kortison-Spritzen ja leider nur das Symptom behandelt, nämlich der akute Schmerz aufgrund der Entzündung. Die Ursache verschwindet dadurch nicht und daher ist es nicht überraschend, dass die Beschwerden nach einer gewissen Zeit (häufig zwischen vier und acht Wochen) wiederkehren. Entscheidend ist, die Ursache zu bekämpfen - und das ist gerade bei schwer körperlich arbeitenden Menschen oder Menschen, die viel über Kopf arbeiten, der im Verhältnis zu starke große Brust- und Schultermuskel. Auch wenn es banal klingt, Übungen wie die gezeigte Übung mit dem Kissen oder Theraband können helfen, diese Enge, also die Ursache zu beseitigen. Lediglich wenn die Befunde zu ausgeprägt sind oder das Training nicht konsequent umgesetzt werden kann, bleibt leider nur die Operation als Ausweg.

Cindy: Ich habe eine instabile Lendenwirbelsäule (vierter und fünfter Wirbel sowie S1). Befinde mich seit drei Wochen in der Reha und mache viele Übungen für Muskelaufbau und Dehnübungen. Der Piriformis hat sich etwas beruhigt. Nur die Schmerzen in Lendenwirbelsäule werden mehr und somit wird das Sitzen unerträglich. Was kann ich tun? Übe ich zu viel? Der Reha-Arzt meinte, ich muss mit dem Schmerz leben. Ich bin 44 und arbeite in der Altenpflege.

Riepenhof: Es ist schwer zu sagen, ob Sie zu viel üben. Allerdings sehen wir es bei sehr motivierten Patienten oder auch im Profisport gar nicht selten. Wichtig ist, die Dosis immer dem anzupassen, was man in der aktuellen Phase vertragen kann. Auch ist es wichtig, regelmäßig Pausen zu machen. Ein kleiner Tipp: Versuchen Sie doch einen Trainingsrhythmus zu entwickeln, in dem Sie zum Beispiel montags und dienstags unterschiedliche Muskelgruppen trainieren, mittwochs einen aktiven Regenerationstag einbauen, ehe Sie mit mehr Energie wieder donnerstags und freitags die Muskelgruppen von Montag und Dienstag trainieren und sich dann mit einem aktiven Erholungsprogramm ins Wochenende verabschieden. Diese "Periodisierung" bewahrt viele Patienten vor einer Überlastung, da sich der Körper immer auch an Belastungen gewöhnen muss. Also, Mut zum intensiven Training und auch Mut zur Pause!

Peter: Kann ich nach einer Lendenwirbelsäulenversteifung (1 bis 5) eine Vibrationsplatte zum Muskelaufbau verwenden?

Riepenhof: Ich empfehle meinen Patienten immer auf Vibrationsplatten nach Versteifungsoperationen oder auch bei Kunstgelenken zu verzichten. Obwohl ich großer Fan dieser Platten bin, empfehle ich sie nach solchen Eingriffen nur in absoluten Ausnahmefällen.

Bine27: Ich, weiblich, bin seit 20 Jahren Trainerin für Rückenfitness und habe trotzdem seit zwei Jahren Schmerzen im unteren Rücken. Bin dort sehr fest, unflexibel. Mache schon täglich Yoga, habe meinen Bauch gestärkt (Disbalance) und besuche den Osteopathen. Es hat sich vieles verbessert, aber nicht ganz. Komme zum Beispiel morgens nach dem Aufstehen oder nach längerem Stehen nicht an meine Füße, es ist wie eine Blockade im Rücken. Haben Sie noch einen Tipp?

Riepenhof: Fest und unflexibel, gerade bei sportlich sehr aktiven Menschen, deutet für mich immer auf Triggerpunkte in Muskeln hin. Ohne Sie zu untersuchen, ist es sicher unmöglich, eine Lösung zu beschreiben, doch zwei Faktoren sollten Sie immer bedenken: Erstens, Ihr Muskel benötigt, um die Lasten zu leisten, reichlich Flüssigkeit. Haben Sie also immer genug getrunken? Und zweitens: Ist Ihr Muskel erschöpft? Daher vielleicht mal auf eine intensive Einheit verzichten und dafür lieber alles nutzen, was diese Festigkeit reduzieren könnte, wie zum Beispiel Ausrollen oder Wärme Applizieren.

Frauke: Weshalb sollte der Dachdecker mit dem Schulterproblem nicht auch die Außendrehung üben? Und wie kann man Bauhandwerker motivieren, mitzumachen und dranzubleiben?

Riepenhof: Die Außendrehung sollte er auch trainieren, wir konnten es nur nicht zeigen. Grundsätzlich zeigen wir unseren Patienten sehr viele Übungen und letztlich schaffen es dann nur ein paar wenige ins Fernsehen. Ich hoffe dennoch, dass diese kleine Auswahl die Zuschauer mit Beschwerden motivieren kann, diese Übungen in den Alltag zu integrieren und dadurch insbesondere in frühen Stadien ihre Beschwerden loszuwerden oder zumindest zu lindern. Die Motivation kommt, glaube ich, immer durch die Besserung. Ich mache mit meinen Patienten immer einen Deal und vereinbare eine Zeit, die sie die Übungen auf jeden Fall durchziehen. Und dann schaue ich, was für "low hanging fruits" es in dieser Zeit zu greifen gibt, damit ich den Patienten für mich gewinne und überzeuge dranzubleiben.

Dieses Thema im Programm:

Die Bewegungs-Docs | 25.03.2019 | 21:00 Uhr

Kalkschulter: Wann behandeln - und wie?

Die Kalkschulter ist äußerst unangenehm. Die Beschwerden beginnen meist plötzlich und ohne vorausgegangene Belastung. Behandelt wird zunächst konservativ, also ohne Operation. mehr

Sitzen macht krank

Rückenschmerzen, Bluthochdruck und Diabetes können entstehen, wenn wir zu viel sitzen. Bewegung ist also wichtig - besonders effektiv sind Alltagsbewegungen wie Treppen laufen. mehr

Was hilft bei Ischias- und Rückenschmerzen?

Rückenschmerzen, die ins Bein ausstrahlen, können verschiedene Ursachen haben. Nicht immer ist die Bandscheibe schuld - oft drückt der Piriformis-Muskel auf den Ischiasnerv. mehr

Mehr Ratgeber

06:24
NDR Info
43:36
NDR Fernsehen
08:07
Mein Nachmittag