Stand: 10.01.2017 10:01 Uhr

Bandscheibenvorfall: Wann und wie operieren?

Rückenschmerzen sind ein weitverbreitetes Leiden. Wenn die Schmerzen ins Bein ausstrahlen, ist meist eine lädierte Bandscheibe die Ursache. Eine Operation ist in den meisten Fällen weder nötig noch sinnvoll. Experten kritisieren seit Jahren, dass zu viele Bandscheibenvorfälle operiert werden, ohne vorher konservative Therapien anzuwenden.

So entsteht ein Bandscheibenvorfall

Wann eine Operation sinnvoll ist

Nach einem Bandscheibenvorfall wird eine Operation in diesen Fällen empfohlen:

  • Wenn die lädierte Bandscheibe so stark auf die Nerven drückt, dass es zu Taubheitsgefühlen und Lähmungen im Becken und in den Beinen kommt, sodass dauerhafte Nervenschäden drohen.
  • Wenn sich sehr starke und lang andauernde Schmerzen durch konservative Therapien wie Medikamente, Physiotherapie und manuelle Therapie nicht bessern.

Dann kann eine Operation der Bandscheibe Schmerzen lindern und gefährliche Komplikationen verhindern. Die Operationsverfahren sind heutzutage viel schonender als früher. Treten nach einem Bandscheibenvorfall keine Lähmungen im Bein auf, ist eine Operation in der Regel nicht nötig.

Aufbau und Funktion der Bandscheiben

Die Bandscheiben liegen wie Stoßdämpfer zwischen den Wirbelkörpern der Wirbelsäule. Sie verbinden die Wirbel flexibel miteinander und sorgen für Beweglichkeit in alle Richtungen. Jede Bandscheibe besteht aus einem Faserring aus Bindegewebe und einem wasserreichen Gallertkern im Inneren des Rings, dem eigentlichen Stoßdämpfer.

Wie Gelkissen verteilen die Bandscheiben den auf der Wirbelsäule lastenden Druck gleichmäßig auf die Wirbelkörper und sorgen so für die enorme Belastbarkeit des menschlichen Rückgrats. Im Laufe des Tages schrumpft jeder Mensch durch die Belastung im Stehen und Gehen um bis zu drei Zentimeter. Im Schlaf dehnen sich die Bandscheiben dann wieder aus.

So kommt es zum Bandscheibenvorfall

Bei Entlastung nehmen die Bandscheiben wie ein Schwamm Nährflüssigkeit auf und geben sie bei Belastung wieder ab. Einige Faktoren können den Nährstoffaustausch stören und dazu führen, dass die Bandscheiben an Elastizität verlieren:

  • Bewegungsmangel
  • Übergewicht
  • schweres Heben
  • einseitige Belastung, zum Beispiel bei langem Sitzen
  • abnehmender Flüssigkeitsgehalt des Gewebes durch natürliche Alterung
  • Rauchen

Wird der Faserring spröde und speichert der Gallertkern weniger Wasser, werden Bandscheiben flacher und puffern Erschütterungen nicht mehr so gut ab. Vor allem bei immer wiederkehrender Fehlhaltung kann der Faserring einreißen und der Gallertkern wölbt sich nach außen vor - es kommt zur Bandscheibenprotrusion. Durchbricht der Gallertkern den Faserring, handelt es sich um einen Bandscheibenvorfall. Häufig geschieht das im Bereich der Lendenwirbelsäule.

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Bandscheibenvorfall: Wann und wie operieren?

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Beim Bandscheibenvorfall wird oft zu früh operiert. Doch in nur in wenigen Fällen ist eine Operation sinnvoll. Welche Therapien empfehlen Ärzte heute?

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Symptome: Taubheit, Kribbeln, Lähmungen

Welche Beschwerden ein Bandscheibenvorfall auslöst, hängt davon ab, an welcher Stelle er auftritt, ob Nerven oder Nervenwurzeln beteiligt sind und ob es zu einer Entzündung kommt. Bei einem schweren Verlauf kann es zum Ausfall von Nervenfunktionen kommen. Dieser macht sich zum Beispiel in Form von Taubheitsgefühlen, Kribbeln und Lähmungserscheinungen bemerkbar.

Erkrankung bleibt oft unbemerkt

Bei rund 90 Prozent der Bandscheibenvorfälle verschwinden die Beschwerden spontan innerhalb von sechs bis zwölf Wochen. Viele Erkrankte bemerken den Bandscheibenvorfall nicht einmal. In einer Studie an beschwerdefreien Menschen zwischen 24 und 42 Jahren aus unterschiedlichen Berufen fanden Forscher bei 60 Prozent der Untersuchten einen Bandscheibenvorfall, der keinerlei Probleme auslöste. Nur in wenigen Fällen entwickelt sich aus akuten Beschwerden ein chronisches Rückenleiden.

Diagnose: CT und MRT erst nach sechs Wochen

Beim Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall reicht meist eine sorgfältige körperliche Untersuchung aus, um die Diagnose zu stellen. Erst wenn die Beschwerden länger als sechs bis zwölf Wochen andauern, ist eine bildgebende Diagnostik mit Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) sinnvoll. Zu frühe Bilddiagnostik birgt die Gefahr, dass Ärzte aus den Bildern falsche Schlüsse ziehen. Oft zeigen sie Veränderungen im Bereich der Bandscheiben, die gar nicht für die Beschwerden verantwortlich sind, und geben Anlass zu unnötigen Operationen.

Verdacht auf Piriformissyndrom

Bei Gefühlsstörungen, Lähmungserscheinungen sowie Beschwerden an Blase oder Mastdarm ist unverzüglich eine Untersuchung per CT oder MRT erforderlich. In diesen Fällen muss der Arzt klären, ob tatsächlich ein Bandscheibenvorfall für die Symptome verantwortlich ist oder aber eine Verhärtung des Piriformis-Muskels zwischen Kreuzbein und Oberschenkel.

Kombi-Therapie für die Bandscheibe

Die Behandlung von Bandscheibenbeschwerden hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt: Während lange Zeit eine frühe Operation oder aber Ruhe und Schonung empfohlen wurden, setzen moderne Behandlungsmethoden auf eine Kombination aus klassischen Schmerzmedikamenten, Krankengymnastik, Wärmeanwendungen, Massage, Entspannungsverfahren, Muskeltraining und psychologische Unterstützungen.

Periradikuläre Therapie: Spritzen an den Nerv

Ein weiterer Behandlungsansatz ist die Periradikuläre Therapie (PRT): Dabei spritzt der Arzt unter Röntgenkontrolle eine Mischung aus Schmerzmittel und Kortison direkt an die eingeengte Nervenwurzel. Das führt zu einem Abklingen der Entzündung und der Schwellung. So lässt sich in vielen Fällen eine Operation vermeiden.

Bandscheibe endoskopisch operieren

Führt die konservative Therapie nicht zum Erfolg, bleibt nur noch die Operation. Meist wird der aus der Bandscheibe ausgetretene Gallertkern in einem halbstündigen Eingriff endoskopisch entfernt. Gelingt die Operation, sind die Beschwerden danach meist schlagartig verschwunden.

Künstliche Bandscheibe einsetzen

Unter bestimmten Voraussetzungen kann eine defekte durch eine künstliche Bandscheibe ersetzt werden. Diese Bandscheibenprothesen sind allerdings nur in wenigen Fällen sinnvoll, vor allem bei jüngeren Betroffenen mit einem isolierten Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule. Voraussetzungen für eine Bandscheibenprothese sind stabile Wirbelknochen und intakte Wirbelgelenke. Die einer natürlichen Bandscheibe nachempfundene Prothese soll den Abstand zwischen den Wirbeln sowie deren normale Beweglichkeit erhalten und so die Schmerzen lindern.

Risiken einer Bandscheiben-OP

Nicht immer bringt eine Operation den gewünschten Erfolg. Im schlimmsten Fall leiden die Patienten nach dem Eingriff sogar unter noch größeren Schmerzen als zuvor, da operationsbedingte Nerven- und Gewebeschädigungen sowie Narben und Verwachsungen zusätzliche Beschwerden verursachen können.

Der Weg zur besten Therapie

Experten raten deshalb, vor der endgültigen Entscheidung für einen operativen Eingriff unbedingt die Meinung eines zweiten Spezialisten einzuholen. Im besten Fall entscheiden Patient, Arzt, Physiotherapeut und Psychologe gemeinsam, ob eine Operation nötig ist.

Rückfall nach Operation verhindern

Um nach einer Operation einem erneuten Bandscheibenvorfall vorzubeugen, sollten Betroffene auf drei Dinge achten:

  • Rückenmuskulatur trainieren: Starke Muskeln entlasten die Bandscheiben und senken so das Risiko für weitere Bandscheibenschäden.
  • Nicht rauchen: Nikotin beeinträchtigt die Durchblutung der Bandscheiben.
  • Übergewicht abbauen: Jedes unnötige Kilo belastet die Bandscheiben.

Interviewpartner:

Interviewpartner im Studio:
Prof. Dr. Volker Tronnier, Direktor
Klinik für Neurochirurgie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Ratzeburger Allee 160, Haus 40, 23538 Lübeck
Tel. (0451) 500-43 201, Fax (0451) 500-43 204
Internet: www.neurochirurgie.uni-luebeck.de

Interviewpartner im Beitrag:
Prof. Dr. Luca Papavero, Chefarzt
Klinik für Spinale Chirurgie
Schön Klinik Hamburg Eilbek
Dehnhaide 120, 22081 Hamburg
Tel. (040) 20 92-70 01, Fax (040) 20 92-70 02
Internet: www.schoen-kliniken.de

Weitere Informationen:
Deutsche Schmerzliga e. V.
Postfach 74 01 23, 60570 Frankfurt
Internet: www.schmerzliga.de
Aktion Gesunder Rücken (AGR) e.V.
Stader Straße 6, 27432 Bremervörde
Internet: www.agr-ev.de

Patientenleitlinie Rücken- und Kreuzschmerzen
Internet: www.patientenleitlinien.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 10.01.2017 | 20:15 Uhr

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