Stand: 28.01.2019 18:16 Uhr

Antidepressiva können Suizidgedanken hervorrufen

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Psychopharmaka werden verschrieben, um Depressive von negativen Gefühlen abzukoppeln.

Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 1,5 Milliarden Tagesdosen Antidepressiva geschluckt. In vielen Fällen gelingt es damit, die Stimmung aufzuhellen und eine schwere depressive Phase zu überwinden. Doch die Medikamente können in Ausnahmefällen auch genau das Gegenteil bewirken und den Drang auslösen, sich selbst etwas anzutun - eine seltene, aber verheerende Nebenwirkung. Allein in Deutschland nehmen sich etwa 10.000 Menschen pro Jahr das Leben. Bei manchen entsteht der Suizidwunsch erst während der Behandlung mit Antidepressiva.

Zeichnung eines Menschen auf einem Stuhl.

Antidepressiva können Suizidgedanken hervorrufen

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Antidepressiva werden verschrieben, um schwer depressive Menschen von negativen Gedanken abzukoppeln. In Ausnahmefällen rufen die Medikamente aber Suizidgedanken hervor.

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Weniger Depression - aber mehr Suizidversuche

Die Statistik zeigt, dass Menschen unter der Therapie mit Antidepressiva weniger unter Depressionen leiden - und doch nicht weniger Suizidversuche unternehmen, tendenziell sogar mehr als Unbehandelte. Experten kritisieren, dass Antidepressiva oft vorschnell und unkritisch verschrieben würden, ohne die Nebenwirkungen ausreichend im Auge zu behalten. In einem bundesweiten Forschungsprojekt untersuchen Psychiater seit Jahren plötzliche Suizidversuche und Suizide während einer Therapie mit sogenannten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI). Von 250.000 Menschen, die diese Tabletten einnahmen, wurden 85 suizidal. SSRI helfen schwer Depressiven, im Alltag zu funktionieren. In einigen Fällen wecken sie aber auch den Wunsch, sich das Leben zu nehmen. Wichtig sind deshalb die psychiatrische Begleitung und die Aufklärung ihrer Angehörigen.

Beginn ist kritischste Phase der Therapie

Die kritischste Phase der Therapie ist der Beginn, wenn das Medikament neu ist. Aber auch nach jeder Steigerung oder Reduzierung der Dosis sollten Behandler und Angehörige den Erkrankten im Blick behalten. Denn das Absetzen oder die Reduzierung der Antidepressiva kann zu Entzugserscheinungen führen - und dazu gehören auch Suizidgedanken.

Im Gespräch
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Suizidgedanken nach Antidepressiva-Gabe?

29.01.2019 20:15 Uhr
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Antidepressiva können Suizidgedanken hervorrufen. Was muss bei der Gabe beachtet werden? Interview mit dem Psychiater Prof. Dr. Tom Bschor. Video (03:59 min)

Krankhafte Unruhe ist Warnzeichen

Jugendliche und junge Erwachsene bis 24 Jahre sind besonders gefährdet, unter der SSRI-Therapie sich selbst oder anderen Gewalt anzutun. Das ist in vielen Studien belegt. Aber es trifft auch Ältere. Ein Warnzeichen für suizidales Verhalten nach Antidepressiva-Gabe ist eine krankhafte Unruhe. Die Betroffenen können nicht stillsitzen, was sie sehr quält. Mediziner sprechen bei diesem Phänomen von einer sogenannten Akathisie. Gefährlich ist, wenn neu aufgetretene Suizidwünsche oder Unruhe nicht als Nebenwirkungen der Therapie erkannt werden und in der Annahme, es handle sich um eine Verschlimmerung der Depression, die Dosis der Medikamente noch gesteigert wird.

Stoffwechsel spielt eine Rolle

Ein Risikofaktor für die Suizidalität könnte sein, dass manche Menschen aus genetischen Gründen Antidepressiva schlechter verstoffwechseln. Das führt dazu, dass die Leber den Wirkstoff zu langsam abbaut und dieser sich im Körper anreichert. So kommt es verstärkt zu Nebenwirkungen. Genetische Tests, die die Wirksamkeit und Verträglichkeit von einzelnen Wirkstoffen individuell voraussagen sollen, sind derzeit noch Gegenstand der Forschung. Eine zuverlässige Vorhersage, wer an Nebenwirkungen erkrankt, ist derzeit nicht möglich: Selbst wenn ein Medikament zunächst gut vertragen wurde, kann das beim zweiten Einsatz anders sein.

Begleitung des Patienten ist wichtig

Wichtig ist, dass Betroffene und Angehörige das Risiko kennen und von kundigen Therapeuten betreut werden. Ärzte, die nur ein Rezept ausstellen, ohne den Patienten im Blick zu behalten, handeln fahrlässig.

Hier finden Betroffene Hilfe

Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter den kostenlosen Hotlines (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Bundesweiter Ansprechpartner für Angehörige ist der Verein Agus.

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Experten zum Thema

Prof. Dr. Tom Bschor, Chefarzt
Psychiatrie
Schlosspark-Klinik
Heubnerweg 2
14059 Berlin
(030) 32 64-13 52
www.schlosspark-klinik.de

Prof. Dr. med. em. Bruno Müller-Oerlinghausen
www.bruno-mueller-oerlinghausen.de

Weitere Informationen
Deutsches Bündnis gegen Depression e.V.
www.buendnis-depression.de

Telefonseelsorge
0800-1110111 oder 0800-1110222
www.telefonseelsorge.de

Agus e.V.
www.agus-selbsthilfe.de
Selbsthilfeverein für Trauernde, die einen Angehörigen durch Suizid verloren haben

Buch zum Thema
Tom Bschor: Antidepressiva - Wie man sie richtig anwendet und wer sie nicht nehmen sollte.
224 S.; Südwest (2018); 20,00 Euro

Dieses Thema im Programm:

Visite | 29.01.2019 | 20:15 Uhr

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