Stand: 29.09.2015 12:31 Uhr  - Visite  | Archiv

Antibiotika - wie Insekten helfen können

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Wertvoll für die Forschung: Larven der Wachsmotte.

Antibiotika gelten als wichtige Medikamente, um Infektionserkrankungen erfolgreich zu bekämpfen. Doch viele Bakterien werden zunehmend resistent und sprechen so gut wie gar nicht mehr auf die gängigen Antibiotika an. Jetzt sollen Insekten wie Käfer, Motten und Larven die Grundlage für verschiedene Wundsalben, Enzyme und Antibiotika liefern, die uns Menschen im Kampf gegen Krankheiten helfen können.

Die erfolgreichste Tiergruppe der Erde

Mit über einer Million Arten sind Insekten die erfolgreichste Tiergruppe auf der Erde. Darum werden am Gießener LOEWE-Zentrum für Insektenbiotechnologie Insekten wie zum Beispiel Rattenschwanzlarven - der Nachwuchs der Mistbiene - analysiert. Sie leben in Jauchegruben voller Krankheitserreger. Folglich müssen diese Tiere ein ausgezeichnetes Immunsystem haben. Das entschlüsseln die Forscher. Dazu injizieren sie den Larven Bakterien oder Pilze und analysieren die Proteine, welche die Larven daraufhin zur Abwehr bilden.

Asiatischer Marienkäfer unter der Lupe

Knapp 20 antimikrobielle Eiweißverbindungen (Peptide), die zum natürlichen Verteidigungsarsenal der Rattenschwanzlarve gehören, konnten die Forscher bisher  identifizieren. In mikrobiologischen Versuchen konnte die Wirksamkeit der gefunden Stoffe eindeutig nachgewiesen werden.

Auch der asiatische Marienkäfer soll in Zukunft Menschenleben retten: Dieser ist äußerst reisefreudig und vermehrt sich auf der ganzen Welt. Dabei trifft er auf immer neue und verschiedene Krankheitserreger und Parasiten. Das Immunsystem der Käfer entwickelt Stoffe, die ihm helfen, sich dagegen zu wehren. Im Laborversuch zeigte sich, dass die Substanzen sehr stark antimikrobiell wirken und verschiedene für den Menschen gefährliche Bakterien erfolgreich bekämpfen.

Wachsmotte: Wirkstoffe gegen neun gefährliche Krankenhauskeime

Ein großes Problem bei der Bekämpfung multiresistenter Keime ist, dass sie bei der Besiedlung von Menschen, zum Beispiel in der Lunge, Gifte abgeben. Diese schwächen zum einen das Immunsystem und setzen zum anderen die Wirkung von Antibiotika außer Kraft. Die Larve der Wachsmotte Galleria besitzt einen Wirkstoff, welcher das Gift der Keime neutralisiert, sodass die menschliche Immunabwehr wieder aktiv werden kann, um den Keim zu bekämpfen. Und: Das Peptid schaltet den Schutz der multiresistenten Keime gegen verschiedene Antibiotika aus. Die Medikamente wirken wieder. Bei Laborversuchen stellte sich heraus, dass der in der Wachsmotte gefundene Wirkstoff neun gefährliche Krankenhauskeime bekämpfen kann. 

Maden der Wachsmotte werden bei entzündeten Wunden eingesetzt

Die Wundmanden sind schon lange im Dienst der Medizin: Sie werden eingesetzt,  um entzündete Wunden zu heilen – dort, wo Salben oder Medikamente versagen.  Aus dem Speichel der Wundmaden haben die Forscher antimikrobielle Peptide isoliert und die Hälfte davon bereits im Labor hergestellt. Die Wissenschaftler hoffen, zeitnah entsprechende Medikamente herstellen zu können.

 

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Interviewpartner

Prof. Dr. Andreas Vilcinskas
Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie (IME)
Projektgruppe Bio-Ressourcen
Koordinator LOEWE-Zentrum für Insektenbiotechnologie (ZIB)
Winchester Straße 2
35394 Gießen
Internet: www.insekten-biotechnologie.de

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Visite | 29.09.2015 | 20:15 Uhr