Stand: 02.04.2016 00:00 Uhr  | Archiv

Angst vor dem Alltag - Das Leben einer Autistin

Es gibt Menschen, für die kann ein für andere ganz normaler Tag zum Horrortrip werden. Geräusche, zufällige Berührungen, Vogelzwitschern lösen dann regelrechte Panik aus. Damit zu leben erfordert viel Selbstdisziplin und einige Tricks. Zum Welt-Autismus-Tag stellt NDR Info eine junge Autistin aus Hamburg vor.

Eine Frau steht vor einem Haus und schaut in die Kamera. © NDR Foto: Bettina Less
Die 27 Jahre alte Katharina hat bereits viele Therapien und Klinikaufenthalte hinter sich.

Im Schneidersitz auf ihrem Bett wirkt die 27-jährige Katharina eigentlich ganz entspannt. Aber als sie beschreibt, welche Probleme sie im Alltag hat, bebt ihre Unterlippe: "Ich spüre so eine Art Aura um die Menschen herum, und wenn die mir zu nahe kommen, dann wird es für mich sehr, sehr unangenehm." Am schlimmsten sind für Katharina zufällige und überraschende Berührungen. "Mir läuft dann so eine Art Schauer über den Körper, wie beim Schüttelfrost. Das sind meine Nerven, die dann überreizen."

Die Diagnose kam im vergangenen Jahr

Katharina hat zahllose Therapien und Klinikaufenthalte hinter sich. Ihr wurden in dieser Zeit verschiedene Persönlichkeitsstörungen attestiert, Borderline, Narzissmus, eine dissoziative Störung. Alles falsch, weiß sie seit der Diagnose im vergangenen Jahr. Tatsächlich hat Katharina eine Autismus-Spektrum-Störung. Und das ist keine psychische Erkrankung, sondern eine Entwicklungsstörung des Gehirns. "Es ist nicht so, dass ich gerne Autist bin. Aber zumindest weiß ich, dass die Therapien gar nichts hätten bringen können."

Rituale bestimmen ihr Leben

Für Katharina ist die Tatsache, dass Autismus unheilbar ist, eine große Erleichterung. Vor der Diagnose hörte sie oft den Vorwurf, sie würde sich einfach nicht genug anstrengen, um ihre vermeintlichen Zwänge in den Griff zu bekommen. "Aber jetzt weiß ich, dass ich eben anders bin, und das brauche ich auch nicht wegzutherapieren."

Rituale bestimmen ihr Leben, und alles was ihr hilft, ist auch in Ordnung. So lässt Katharina beispielsweise den ganzen Tag den Fernseher laufen, um fremde Geräusche wie Vogelzwitschern auszublenden. Wenn es schlimm wird, schließt sie zusätzlich die Augen.

Panikattacken im Supermarkt

Manchmal bezwingt sie ihre Angst und geht einkaufen. Dann hört sie mit großen Kopfhörern ein Hörbuch und hat exakt vorbereitet, welche Wege sie im Supermarkt gehen will. "Und wenn diese Wege unterbrochen werden, durch irgendwelche Aufsteller, oder sogar umgebaut wurde, dann bringt mich das total durcheinander." An schlechten Tagen, berichtet Katharina, wird sie verbal aggressiv: "Dann meckere ich andere Leute an, die nur zufällig im Weg stehen oder zufällig gerade zu laut reden - weil mir einfach alles zu viel wird."

Das "Anmeckern", wie sie es nennt, bereitet ihr am meisten Probleme. Weil es ihr danach so leid tut und ihr klar ist, dass die Leute ja nichts dafür können.

Große Angst vor dem Interview mit NDR Info

Auch das Interview mit NDR Info bereitet ihr große Schwierigkeiten. Sie erzählt, bereits Tage vorher sei es ihr deswegen sehr schlecht gegangen. Trotzdem wollte sie es unbedingt machen, um die Autismus-Spektrum-Störung bekannter zu machen. "Wenn nur ein einziger Mensch zuhört und sagt, diese Symptome kenne ich, mir geht es genauso, und der sich dann auch testen lässt - dann hat sich die ganze Angst gelohnt."

Katharinas größter Traum: Ein Autismus-Assistenzhund

Weitere Informationen zu Assistenzhunden

Katharina wird unterstützt und beraten vom Verein Lichtblicke e.V. - Verein zur Förderung des Assistenzhundewesens. Der Verein ist eine Selbsthilfeorganisation und Interessenvertretung für Blindenführ- und Assistenzhunde und deren Halter. Hier sind auch zweckgebundene Spenden möglich -> www.verein-lichtblicke.de

Katharina weiß, dass sie nie ein normales Leben führen wird. Aber es gäbe Möglichkeiten, ihren Alltag zu erleichtern, daran glaubt sie fest. Deswegen träumt sie davon, dass ihr eines Tages ein speziell ausgebildeter Autismus-Assistenzhund zur Seite steht. "So ein Assistenzhund kann lernen, Menschen auf Abstand zu halten. Wenn mir Menschen zu nahe kommen, dann könnte er blocken, also seinen Körper zwischen mich und die anderen Menschen stellen", sagt die 27-Jährige

Katharina hofft vor allem, dass der Hund sie in Extremsituationen beschützen könnte und Panikattacken von ihr verhindern würde. "Der Hund wäre dann darauf trainiert, sich auf mich drauf zu legen, sodass ich eben auch eine Begrenzung habe, und mich dadurch auch wieder erden kann und mich entspannen kann." Diese sogenannte Deep Pressure Therapy kommt auch bei anderen Beeinträchtigungen zum Einsatz.

Kassen lehnen Kostenübernahme ab

Wie viele Autisten hat Katharina erstaunliche Merkfähigkeiten und kennt sich mit Assistenzhunden bestens aus. Das Problem ist allerdings: So ein speziell trainierter Hund kostet 8.500 Euro - und die Krankenkassen bezahlen das - anders als die Anschaffung eines Blindenhundes - nicht. Katharina lebt von Grundsicherung und wird sich den Assistenzhund selbst nie leisten können. Aber sie gibt die Hoffnung nicht auf: "Ich wünsche mir einfach, dass ich irgendwann sagen kann: Ich freue mich auf den Tag und mir geht es gut." Sie würde gerne wieder etwas unternehmen, eine Fahrt mit einer Hafenfähre machen oder ins Museum gehen. Oder auch einfach mal ganz entspannt in den Supermarkt gehen. "Das wäre für mich schon ein Traum."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 02.04.2016 | 07:38 Uhr

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