Stand: 04.05.2015 09:33 Uhr  - Visite  | Archiv

"Schaufensterkrankheit": Amputation verhindern

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Viele Amputationen in Deutschland könnten verhindert werden, wenn die Ursache rechtzeitig erkannt und behandelt werden würde.

Jedes Jahr verlieren 50.000 Menschen in Deutschland ein Körperteil, meist Fuß oder Unterschenkel, aufgrund einer schweren Durchblutungsstörung. Viel zu viele, sagen Experten: In vielen Fällen wäre die Amputation gar nicht nötig, wenn zunächst die anderen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft würden. Doch fast 40 Prozent der Patienten mit einer arteriellen Durchblutungsstörung werden in deutschen Krankenhäusern nicht leitliniengerecht nach dem aktuellen Stand der Medizin behandelt. Oft fahnden die Ärzte nicht nach der Ursache der Durchblutungsstörung und kennen sich zu wenig mit deren Diagnostik und Therapie aus - so raten sie vorschnell zur Amputation, obwohl es Alternativen gäbe.

Bei einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) gelangt aufgrund einer Gefäßverstopfung oder -verengung zu wenig Blut in den Unterschenkel. Wunden heilen schlecht, Zehen sterben ab. Das ist sehr gefährlich, muss aber nicht immer zur Amputation führen. Die häufigsten Ursachen sind Zigarettenrauchen (Raucherbein), die "Zuckerkrankheit" Diabetes mellitus und hoher Blutdruck. Gefäßmediziner (Angiologen) sind darauf spezialisiert, die pAVK gezielt zu erkennen und zu behandeln.

Eine pAVK diagnostizieren

Die Angiografie ist eine Röntgenuntersuchung mit einem Kontrastmittel, das den Ärzten genau zeigt, durch welche Arterie ab welcher Stelle kein Blut mehr fließt. So können sie erkennen, ob es noch eine Alternative zur Amputation gibt, zum Beispiel eine Aufdehnung der Engstelle mit dem Ballonkatheter oder eine Bypass-Operation, um den Verschluss zu überbrücken. Doch bei mehr als jedem dritten pAVK-Patienten wird in der Klinik keine Angiografie gemacht, sondern gleich Fuß oder Bein amputiert, kritisieren Experten. Sie vermuten dahinter auch wirtschaftliche Gründe, denn der aufwendige Versuch, ein Körperteil zu erhalten, wird nach dem aktuellen Vergütungssystem für die Krankenhäuser viel schlechter bezahlt als die schnelle und unkomplizierte Amputation.

Warnzeichen erkennen

Doch eigentlich sollte es gar nicht erst so weit kommen, deshalb sollten Patienten und Ärzte Warnzeichen unbedingt ernst nehmen und rechtzeitig darauf reagieren. Typisch für eine zunehmende Engstelle sind Schmerzen beim Laufen, die nach immer kürzerer Gehstrecke auftreten und nach einer kurzen Pause nachlassen. Viele Betroffene kaschieren dies gern, indem sie scheinbar interessiert die Auslagen der Schaufenster betrachten, bevor sie weitergehen. Deshalb wird die pAVK auch als "Schaufensterkrankheit" bezeichnet. Bei solchen Beschwerden sollten Betroffene unbedingt ihre Beindurchblutung untersuchen lassen - spätestens, wenn Wunden am Fuß schlecht heilen.

Der Arzt ertastet zunächst den Puls am Fuß und prüft die Durchblutung. Einen guten Hinweis auf eine sich entwickelnde oder bereits vorliegende pAVK liefert der sogenannte ABI (Ankle Brachial Index). Dazu wird der Blutdruck am Knöchel und am Oberarm gemessen und der obere (systolische) Wert am Knöchel durch den am Arm geteilt. Bei gesunden Beingefäßen liegt das Ergebnis bei 1,0. Je niedriger der ABI ausfällt, desto stärker sind die Beingefäße verengt. Beträgt der Wert 0,9 oder weniger, liegt bereits eine pAVK vor und weitere Untersuchungen sollten folgen. Mit der einfachen ABI-Messung erkennt der Arzt sogar eine leichte pAVK, die noch keine Beschwerden bereitet.

Verschiedene Behandlungsmöglichkeiten

Bei Auffälligkeiten ist der Angiologe der richtige Ansprechpartner. Er untersucht mit Ultraschall den Blutfluss und fahndet gegebenenfalls mit einer Angiografie nach Engstellen, die aufgedehnt oder überbrückt werden müssen, um die Durchblutung wieder zu sichern. Ist eine "Schaufensterkrankheit" noch nicht weit fortgeschritten, reichen oft Gehtraining und blutverdünnende Medikamente (ASS, Clopidogrel) aus, um gefährliche Folgen zu verhindern. Wird eine Amputation empfohlen, sollten Betroffene unbedingt eine zweite Meinung einholen - vorzugsweise bei einem Gefäßspezialisten.

Interviewpartner

Im Studio:
Prof. Dr. Holger Reinecke
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Angiologie
Leiter der Abteilung für Angiologie
Spezielle internistische Intensivmedizin
Universitätsklinikum Münster
Department für Kardiologie und Angiologie
Albert-Schweitzer-Campus 1
48149 Münster
Tel. (0251) 83 476 25
Internet: klinikum.uni-muenster.de/index.php?id=angiologie_uebersicht

Im Beitrag:

Dr. Jens Huber
Hausarzt
Steinstraße 21
48291 Telgte

Dieses Thema im Programm:

Visite | 05.05.2015 | 20:15 Uhr

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