Stand: 15.03.2018 14:34 Uhr  | Archiv

Acrylamid: Sind EU-Grenzwerte ein Problem?

von Ines Burckhardt, NDR Info

Es steckt in Pommes, Chips oder Brot, in allen stärkehaltigen, hoch erhitzten Lebensmitteln: Acrylamid. Weil diese Substanz möglicherweise krebserregend ist, tritt in wenigen Wochen eine neue EU-Verordnung in Kraft. Welche Folgen hat das für Imbissbuden-Besitzer, Chips-Hersteller und Bäcker?

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Der Bäcker André Jürgens kann die Aufregung in der Acrylamid-Debatte nicht nachvollziehen.

André Jürgens steht in einer großen Halle der Hamburger Schanzenbäckerei und rollt Teig zu kleinen Kugeln. Der bärtige Produktionsleiter ist auch nach 20 Jahren noch vergnügt bei der Arbeit. Aber wenn die Sprache auf die neue EU-Verordnung zu Acrylamid kommt, verdreht er die Augen: "Ich frage mich, was an Brot krebserregend ist? Das ist ein Grundnahrungsmittel. Die Menschen ernähren sich seit Jahrhunderten von Brot."

Produktionsänderungen haben Folgen

Acrylamid entsteht, wenn stärkehaltige Lebensmittel heiß gebacken oder frittiert werden - und es gilt als potenziell krebserregend. Die Debatte um Acrylamid läuft schon seit mehr als zehn Jahren. Bäcker Jürgens hat die Herstellung einiger Produkte in dieser Zeit bereits verändert: "Wir haben früher bei 220 Grad Fettgebäck hergestellt. Wir haben uns dann auch daran gehalten und gesagt: Gut, wir bringen die Fritteusen eben auf 170 Grad. Dann liegt das Gebäck aber wiederum länger in der Fritteuse, damit es gar wird, nimmt mehr Frittierfett auf und wird auch ungesünder, weil es einen höheren Fettgehalt hat."

Verbraucherzentrale: Gefahren nicht unterschätzen

Nun soll auch bei Brot die Ofentemperatur laut EU-Verordnung so gesenkt werden, dass "das Enderzeugnis eine hellere Farbe aufweist". Ob es eine Maximal-Temperatur geben soll, ist noch unklar: Viele Details werden erst in den kommenden Monaten erarbeitet.

Einige Bäckereien haben bereits reagiert und backen auch Brot und Brötchen weniger heiß. Bei "Dat Backhus" haben sich laut der Bäckerei-Kette bereits Kunden beschwert, weil die Kruste nicht mehr so knusprig sei wie früher.

Anneke von Reeken von der Verbraucherzentrale Niedersachsen warnt davor, die Gefahren des Stoffes Acrylamid zu unterschätzen: "Im Tierversuch ist er eindeutig krebserregend. Das bedeutet, dass man hier auch keine Dosis sagen kann, die sicher ist für den Menschen." Der Stoff Acrylamid sei in jedem Fall potenziell gefährlich, so von Reeken.

Auch Imbisse und Pommes-Hersteller reagieren

Wegen solcher Warnungen hat die Pommes-Industrie schon vor Jahren reagiert. McDonalds frittiert zum Beispiel seit Langem nach eigenen Angaben nur noch bei 168 Grad. Auch einige Imbissbuden-Betreiber, mit denen NDR Info gesprochen hat, haben die Temperatur auf 170 Grad reduziert. Große Hersteller wie McCain, die Pommes vorfrittieren und als Tiefkühlware etwa an Imbisse liefern, haben sogar die Kartoffelsorten angepasst. "Wir haben Technologen im Unternehmen, die ganz genau wissen, zu welcher Jahreszeit, zu welcher Lagerzeit welche Stärke gerade in der Kartoffel ist", sagt Carsten Brinck von McCain. "Dementsprechend können wir auch unsere Produktion anpassen."

Test: Acrylamid-Gehalt bereits oft unter zukünftigem Richtwert

Proben des niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz zwischen 2012 und 2016 haben ergeben: Bei mehr als 90 Prozent der getesteten Pommes aus Imbissen lag der Acrylamid-Gehalt unter dem zukünftigen EU-Richtwert. Auch große Hersteller von Gebäck, Kaffee oder Chips sagen auf Anfrage von NDR Info: Ihre eigenen Proben zeigten, dass die neuen Richtwerte der EU schon jetzt problemlos eingehalten werden. In Zukunft wird sich zeigen, ob das stimmt: Dann stehen nämlich die Behörden vor der Tür und kontrollieren.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 15.03.2018 | 07:08 Uhr

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