Stand: 26.11.2018 13:47 Uhr  | Archiv

"Weihnachtsmarkt-Muffel" haben es nicht leicht

Glühwein und Bratwurst, Räuchermännchen und Weihnachtspyramiden aus dem Erzgebirge - und im Hintergrund plärrt irgendwo "Last Christmas". Es ist schon eine besondere Atmosphäre, die Zigtausende auf die Weihnachtsmärkte lockt - und die dennoch längst nicht jedem gefällt.

Ein Weihnachtsmarkt. © imago/Future Image Foto: Future Image
Bei den einen schlagen bei diesem Anblick die Herzen höher, bei den anderen stellen sich die Nackenhaare auf.

Wenn Gott die Menschheit strafen wollte, hat er ihr immer wieder Plagen gesandt. Früher - bei den Ägyptern - waren das noch Stechmücken und Hagel. Heute hat er weit wirkungsvollere Methoden: Ob Donald Trump dazugehört oder André Rieu, darüber mögen Theologen streiten. Zu den schlimmsten Geißeln der modernen Zeit aber gehört ohne jeden Zweifel eine periodisch auftretende Plage, die jedes Jahr aufs neue Angst und Schrecken verbreitet: Richtig, wir sprechen vom Weihnachtsmarkt.

Vorwarnungs-Zeit ist lang genug

Niemand kann sagen, man wäre nicht gewarnt gewesen. Wenn Mitte November der Nachbar den Vorgarten mit bunt-blinkendem Plastik-Rentier aufrüstet. Wenn man kurz darauf beim Einkauf im Supermarkt mehr Rauschebärte sieht als in einem Schulungsvideo der Taliban. Wenn schließlich in der Fußgängerzone Handwerker aus billigen Spanplatten kitschige Fachwerk-Imitate zusammentackern. Spätestens dann wissen wir: It's christmas time - Zeit für einen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt.

Labiles Gleichgewicht des Besinnlichkeits-Schreckens

"Jingle Bells" und "Stille Nacht", "Apfel, Nuss und Mandelkern", Weihnachtspyramiden aus dem Erzgebirge und garantiert handgeschnitzte Krippenfiguren, wahrscheinlich aus Vietnam: Wer kennt sie nicht, die alljährliche Räuchermännchen-Romantik und Zimtstern-Seligkeit. "O du fröhliche": Menschenmassen drängen und schubsen zwischen überladenen Ständen, in der Luft treiben Schwaden von billigem Punsch und altem Bratfett. Ein Geruch, der den Besucher daran erinnert, dass nicht nur das menschliche Streben Grenzen hat, sondern auch die Haltbarkeit von Lebensmitteln. Auf der einen Seite plärrt das Kinderkarussell "Last Christmas", auf der anderen am Glühweinstand brüllt der Lautsprecher "O du selige Weihnachtszeit". Von wegen selig. Der Weihnachtsmarkt - ein labiles Gleichgewicht des Besinnlichkeits-Schreckens.

Das Vertrauen in den Euro stärken

Was zieht Menschen dorthin? Was treibt sie dazu, überteuerte Engel-Mobiles zu kaufen und in großen Mengen alkoholische Getränke zu sich zu nehmen, die sie in anderen Jahreszeiten als Sondermüll entsorgen würden? Wer solche drängenden Fragen stellt, steht in der Adventszeit schnell als Außenseiter da, sogar in der eigenen Familie. Als "Weihnachtsmarkt-Muffel" wird man von den Kindern geschmäht und von der Ehefrau hört man den Hinweis, dass Shoppen auf dem Weihnachtsmarkt gerade jetzt unsere Pflicht als wahre Europäer sei: Gerade nach der Brexit-Entscheidung müsse das Vertrauen in den Euro gestärkt werden, vor allem durch ausgiebiges Ausgeben desselben. So viel jedenfalls ist klar: Bei den Preisen dürfte der Euro spätestens Heiligabend zur internationalen Leitwährung werden.

Und wir gestehen ein: Als "Weihnachtsmarkt-Muffel" kämpft man eine längst verlorene Schlacht. Spätestens, wenn die Kinder immer lauter quengeln und drängen, wappnet man sich als Markt-Muffel mit einem vorweggenommenen extra-süßen Glas Glühwein und fügt sich ins Unvermeidliche. Man geht auf den Weihnachtsmarkt - alle Jahre wieder.  

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 26.11.2018 | 18:25 Uhr

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