Stand: 15.07.2016 08:47 Uhr  | Archiv

Verpackungsfreies Eldorado: "Unverpackt" in Kiel

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Auch Süßigkeiten schaufeln sich die Kunden aus großen Behältern.

Ein Laden, in dem es keine eingeschweißten Lebensmittel gibt, in dem Salat ohne Folienverpackung verkauft wird und Einwegflaschen unbekannt sind - das ist "Unverpackt" in Kiel. Hier stehen Nudeln, Reis oder Zucker in großen Behältern im Regal. Öle oder Spirituosen wiederum lagern in kleinen Tanks mit Zapfhahn. Und frische Produkte wie Käse werden im Pfandglas verkauft.

Die Idee dazu hatte Marie Delaperièrre. Anregt von Vorbildern aus den USA hatte sie vor gut zwei Jahren als Erste in Deutschland den Mut, komplett auf Wegwerf-Verpackungen zu verzichten. "Das Schlüsselerlebnis war eben nach jedem Einkauf für unsere fünfköpfige Familie der entstandene Berg an Verpackungsmüll", erklärt sie.

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Das Wiegen der Vorratsdosen an der Kasse: Marie Delaperièrre mit NDR Reporter Michael Latz.

Kunden, die bei ihr einkaufen, nehmen dagegen keinen Müll mit nach Hause. Stattdessen bringen sie Vorratsdosen oder Einmachgläser mit. Gleich am Eingang stellen sie diese auf eine Waage, um das Leergewicht zu messen. Erst dann wird Zucker oder Tee in die Gläser geschaufelt - wie früher im Tante-Emma-Laden. Nudeln, Müsli oder Schokoladenlinsen rieseln aus großen, durchsichtigen Silos in die Dosen. Wichtige Informationen zu Inhaltsstoffen oder Herkunftsländern stehen direkt an den Silos und Behältern. Eine grüne Infokarte steht für Bio-Qualität, eine braune für ein herkömmliches Produkt.

Neuer Reiniger in alten Flaschen

Mit Supermärkten lassen sich verpackungsfreie Geschäfte kaum vergleichen. Das Sortiment ist kleiner und erinnert eher an Bioläden. Statt drei oder vier Varianten desselben Produkts gibt's meist nur eine. Auch fertige Produkte wie Pizza oder Schokoriegel gibt es nicht. Stattdessen dauert der Einkauf etwas länger -  wegen des Wiegens an der Kasse und weil man nicht blind ins Regal greifen kann.

Die Kunden sind Studenten, junge Mütter oder Nachbarn. Sie kaufen im "Unverpackt" aus Überzeugung ein: "Ich komme, weil es sinnvoll ist, etwas für die Umwelt zu tun", erklärt Caroline Durdies. "Ich habe die Gefäße zu Hause - warum also nicht damit hergehen, anstatt ständig neuen Müll zu produzieren?" Weiter hinten im Laden pumpt Christian Maas gerade Badreiniger aus einem großen Kanister in eine Sprühflasche. Sie ist aus Kunststoff und das Etikett ist kaum noch zu lesen. Er benutzt die Flasche schon eine ganze Weile lang: "Ich mache es hauptsächlich, weil ich es unsinnig finde, nur für den Weg nach Hause oder zum Auto Plastiktüten oder sonstige Verpackungen zu benutzen."

Modell für große Supermärkte?

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Badreiniger oder Waschmittel zapfen die Kunden aus großen Kanistern. Ein Vorbild für den Handel?

So wie diese Kunden im "Unverpackt"-Laden denken offenbar inzwischen viele Verbraucher über Verpackungsmüll. Die Wirtschaftsberatungsgesellschaft pwc hat Anfang des Jahres eine repräsentative Umfrage dazu gemacht. Und dabei konnten sich vier von fünf Verbrauchern vorstellen, ihre Lebensmittel auch verpackungsfrei einzukaufen. Gut möglich also, dass der Handel darauf reagiert und es Silos mit Nudeln oder Reis bald in größeren Supermärkten geben wird - zumindest als Nischen-Angebot. Große, verpackungsfreie Supermärkte sind dagegen unwahrscheinlich. Denn nur 15 Prozent waren in derselben Umfrage zum Beispiel bereit, flüssige Lebensmittel wie Saft selber abzufüllen. Außerdem verkaufen sich viele Produkte nach wie vor auch über die Verpackung.

Dennoch hat Marie Delaperièrres Beispiel Schule gemacht. Fast 40 verpackungsfreie Lebensmittelgeschäfte in Deutschland, Österreich und der Schweiz listet inzwischen zum Beispiel der Zero-Waste-Blog "Wasteland Rebel" auf.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 15.07.2016 | 06:38 Uhr

Alltag ohne Verpackungsmüll - Ein Selbstversuch

Ist es möglich, im Alltag ohne Verpackungsmüll auszukommen? Die NDR Reporter Claudia Plaß und Michael Latz haben es eine Woche lang versucht. Hier ihr Erfahrungsbericht. mehr

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