Stand: 11.07.2016 18:45 Uhr  | Archiv

"Schlaueste Verpackung ist die, die nicht da ist"

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Max Thinius vom Bundesverband E-Commerce und Versandhandel meint, dass sich beim Thema Versandverpackung in Zukunft noch viel tun wird.

Jeder Deutsche produziert im Jahr mehr als 200 Kilo Plastik- und Verpackungsmüll. Ein großer Teil davon geht auf das Konto des Online-Versandhandels. Max Thinius ist zuständig für den Bereich Nachhaltigkeit beim Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland. Dem Verband gehören rund 500 Katalog- und Onlinehändler an - darunter auch der Branchenriese Amazon.

Herr Thinius, einige Händler setzen im Lebensmittel-Bereich mittlerweile Mehrweg-Boxen ein. Was sind die Vorteile?

Max Thinius: Die Vorteile von Mehrwegboxen sind natürlich, dass sie überhaupt keine Verpackungen mehr haben. Das sollte eigentlich das Ziel sein. Es gibt ja wahnsinnig viele tolle Materialien heute, die man verwenden kann, aber am Ende ist natürlich das umweltfreundlichste Material das, was erst gar nicht vorhanden ist. Außerdem haben wir natürlich bei einer Mehrwegverpackung den Vorteil, dass beim Verpacken weniger Arbeitsaufwand anfällt. Und beim Ausliefern hat der Kunde hinterher nichts, was er entsorgen muss.

Dafür muss ich aber zu Hause sein und den Paketboten empfangen - ein logistischer Aufwand - und damit kommen wir zu den Herausforderungen.

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Niemand zu Hause? Das soll künftig seltener vorkommen.

Thinius: Sie haben heute bei den Mehrweglösungen in der Regel Zeitfenster, die Sie sehr genau eingrenzen können. Da können Sie dann sagen, um die Uhrzeit bin ich mit Sicherheit zu Hause, da möchte ich das Paket auch wirklich erhalten. Natürlich ist das ein gewisser logistischer Aufwand, aber vergleichen Sie das mal mit dem Aufwand, wenn Sie sonnabends in einem Verbrauchermarkt einkaufen gehen.

Intelligente Liefersysteme im Online-Versandhandel - wie sieht da die Zukunft aus?

Thinius: Die Zukunft wird mit Sicherheit so aussehen, dass es noch mehr um Zeitfenster geht. Google hat einen Test gemacht. Da können Sie Ihre Kalender in bestimmten Bereichen geschützt öffnen, und man sieht anhand der Geo-Daten, wann Sie zu Hause sind. Ich schicke Ihnen eine Benachrichtigung, möchten Sie Ihr Paket bekommen, oder sollen wir noch warten.

Verpackungen sind teuer - und es kostet Zeit, Produkte einzupacken. Welche Ideen gibt es für "schlaue" Verpackungen?

Thinius: Die schlaueste Verpackung ist die, die gar nicht da ist. Ansonsten gibt es natürlich viele verschiedene Varianten, aus Papier, aus Kunststoff, aus Stoff, die haben alle ihre Vor- und Nachteile - und es ist auch oft die Frage, was ist denn jetzt eigentlich besser, Papier oder Plastik? Das kann man so pauschal nicht beantworten. Es kommt sehr genau auf die Herstellungsmethode an, das Gut, was versendet wird, und auch die Kombination aus Logistik und Wegstrecke. Am Ende des Tages macht es keinen großen Unterschied, ob Sie Papier oder Plastik als Schutzverpackung verwenden

Es gibt Bestrebungen, die Verpackungen dem Produkt anzupassen, und aus Schutzhülle und Versandverpackung eins zu machen. Wie genau sieht das aus?

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Versandriese Amazon setzt auf passgenaue Verpackungen.

Thinius: Stellen Sie sich vor, Sie kaufen einen Computer. Da kann man den Karton jetzt gleich so falten, dass man möglichst den Computer sicher verpackt, aber diese Verpackung auch gleich mit einem Aufkleber versehen wird, sodass sie als Versandverpackung benutzt werden kann. Der müsste dann nicht noch mal eingepackt werden. Es gibt inzwischen übrigens auch Druckereien, die im Durchlauf Kartons bedrucken und so dem Produkt anpassen, dass möglichst wenig Verschnitt entsteht. Denn das größte Problem beim klassischen Versand ist, dass Sie vorgenormte Kartons haben, die hinterher mit Füllmaterial ausgestopft werden. Amazon ist da ziemlich weit vorne, wenn es um die Karton-Verpackung geht.

Unter den zahlreichen Umweltsiegeln gibt es mittlerweile auch eines für umweltfreundlichen Versand. Was sagt das aus?

Thinius: Versandsiegel gibt es sogar mehrere. Das einzige, das wir wirklich kennen und das oft verwendet wird, ist das Go-Green-Siegel. Das wird von der Deutschen Post oft verwendet. Da wird im Zweifelsfall das, was an CO2 anfällt, ausgeglichen.

Welche Möglichkeiten habe ich derzeit  als Verbraucher dafür zu sorgen, dass meine Kleidung, Bücher, etc. umweltfreundlich zu mir geschickt werden?

Thinius: Sie haben bei vielen Versandhändlern inzwischen die Möglichkeit, eine umweltfreundliche Versandmethode zu wählen. Wenn es das nicht gibt, können Sie aber auch dem Händler eine Mail oder auf Facebook schreiben. Je mehr Menschen das tun, desto mehr hat der Händler dann auch die Notwendigkeit, sich mit dem Thema umweltfreundlicher Versand, umweltfreundliche Verpackung, auseinander zu setzen. Es gibt ein System, wo man Kartons mehrfach verwenden kann. Oder wo man dem Händler sagen kann, ich nehme gerne einen bereits verwendeten Karton. Ansonsten können Sie auch im Rahmen der Bestelloption anklicken: Bitte mit Go Green oder bitte umweltfreundlich versenden.

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