Stand: 26.08.2016 11:36 Uhr  | Archiv

Safer Sexting mit dem Smartphone

von Eric Klitzke

In den Medien tauchen immer mehr Berichte über Fälle von Cyber-Mobbing mit sexuellem Hintergrund auf. Viele davon lassen sich auf einen allzu unbedachten Umgang mit intimen Dateien zurückführen. Am Donnerstag lud die Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen zur Tagung unter der Fragestellung "Sexting - kein Problem?" ein.

"Ein ganz normales Verhalten"

Ein Mädchen liegt auf dem Bett und betrachtet ein Smartphone. © picture alliance / dpa Foto: Frédéric Cirou
Dass Jugendliche mit ihrer Wirkung auf andere Geschlecht experimentieren, ist laut der Landesstelle Jugendschutz kein Grund zur Sorge.

Der Begriff "Sexting" ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus den Begriffen Sex und Texting, also dem bei Jugendlichen so beliebten Austausch von Nachrichten über das Smartphone. Moderne Apps machen es zum Kinderspiel, zusätzlich Fotos und Filme zu versenden. Nicht selten sind diese unter Verliebten mit erotischen oder intimen Inhalten. Ein Bild in verführerischer Pose wird gerne als Liebesbeweis an den Partner gesehen, andere Jugendliche testen mit erotischen Bildern ihren "Marktwert" in sozialen Medien. Für Andrea Buskotte von der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen handelt es sich dabei um ein normales Verhalten, wenn Jugendliche mit ihrer Wirkung auf andere experimentieren. Der Austausch von Bildern unter Partnern sei übrigens kein reines Phänomen unter Jugendlichen: "Wir gehen davon aus, dass Sexting unter Erwachsenen viel häufiger vorkommt als bei Jugendlichen."  Immerhin: laut einer Gymnasialbefragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) haben 6 Prozent der männlichen und 6,3 Prozent der weiblichen Schüler der Klassenstufen 10 bis 12 in den letzten zwölf Monaten Nacktbilder von sich verschickt.

Auf dem Portal www.kennst-du-sexting.de gibt der Frauen-Notruf Münster e.V. Tipps zum Safer Sexting:

Worauf kann ich achten? www.kennst-du-sexting.de

  • Überlege dir zunächst gut, wie vertrauenswürdig dein Chatpartner wirklich ist.
  • Mache Sexting nur, wenn du das wirklich möchtest. Niemand darf dich zu einem Sexting drängen, auch dein Schwarm nicht.
  • Vertraue dir selbst! Verschicke dein Bild nur, wenn du dich gut und sicher dabei fühlst.

Die Dunkelziffer ist riesig

Problematisch wird es, wenn die Daten in die falschen Hände geraten oder eine Partnerschaft zerbricht. Ein Film von der Ex-Freundin ist leicht kopiert oder an Bekannte weiter geleitet und kann in kurzer Zeit die Runde in der ganzen Schule machen. Polizei und Staatsanwaltschaft sprechen von Cybermobbing mit sexuellem Hintergrund. Wie häufig solche Fälle vorkommen, ist vom Landeskriminalamt Niedersachsen statistisch noch nicht auswertbar. Fest steht aber, dass die Dunkelziffer enorm sein muss. Die Folgen eines solchen Mobbings können verheerend sein. In den USA sind mehrere Fälle bekannt, in denen die Opfer als Konsequenz des Mobbings und der sozialen Isolation sich das Leben nahmen.

Selbst schuld!?

Bei der Tagung kritisierten die Experten ein Phänomen, das häufig bei Verbrechen mit sexuellem Hintergrund beobachtet wird. Den Opfern des Cybermobbings wird vorgehalten, dass sie ihre Situation selbstverschuldet hätten oder sie zumindest eine Teilschuld treffe, weil sie Sexting betrieben hätten. Diese Art der Schuldzuweisung, "Blaming the Victim" genannt, halte die Opfer davon ab, sich Erwachsenen anzuvertrauen und das Problem anzugehen. Stattdessen wird gefordert, die sexualbezogene Medienkompetenz zu fördern. Dies lässt sich nach Verena Vogelsang von der Katholischen Hochschule NRW in drei Kategorien bewerkstelligen. Kenntnisse im Bereich Datenschutz, Reflexion der eigenen Selbstdarstellung sowie Achtung der eigenen Gefühle, beispielsweise durch die Beantwortung der Frage "Über welche Kommentare würde ich mich (nicht) freuen?"

Das Internet – ein rechtsfreier Raum?

Eine unbekleidetes Mädchen mit einer Scherpe um den Körper ist auf dem Display eines Smartphones zu sehen. © Pro Juventute
Opfer von Cybermobbing mit sexuellem Hintergrund sind keineswegs wehrlos, auch wenn viele Betroffene so empfinden.

Was tun wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist und intime Fotos oder Filme im Internet auftauchen? In diesem Jahr hat die Katholische Hochschule NRW in Münster online Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren zum Thema Sexting und Cybermobbing mit sexuellem Hintergrund befragt. 38 Prozent der Jugendlichen schätzten sich selbst in so einer Situation als hilf- und machtlos ein, 25 Prozent der Teilnehmer kannten das Recht am eigenen Bild nicht. Ein Fünftel der Befragten betrachtet das Internet mindestens zum Teil als rechtsfreien Ort. Hier ist also noch viel Aufklärungsarbeit nötig. Wichtig ist, den Jugendlichen zu vermitteln, dass sie Opfer einer Straftat geworden sind und sich wehren können. Das beinhaltet neben Strafanzeigen auch den Anspruch auf Unterlassung, unter Umständen sogar auf Schmerzensgeld. Im besten Fall wenden sich Opfer von Cyber-Mobbing an Beratungsstellen, die Betroffene auch beim Löschen der Internetinhalte beraten können.

Nicht safe, aber safer

Eine Frau tippt auf einem Smartphone auf den Snapchat-Button. © picture alliance / dpa Foto: Frédéric Cirou
Die alte Weisheit "Was auf dem Display angezeigt wird, kann auch kopiert werden." gilt auch in Zeiten von Snapchat und Co. noch.

Aber wie sieht es denn nun aus, das Safer Sexting? Sichere Apps gibt es nicht, auch nicht die, die eine Löschung nach einmaligem Ansehen versprechen. Für Snapchat gibt es einige Utilities, die diese Sperre aushebeln können. Im Zweifel gilt die alte Computer-Weisheit: Was auf dem Rechner oder Smartphone angezeigt wird, kann auch kopiert werden. Wer seinem Schatz trotzdem gerne heiße Bilder schicken möchte, sollte sich vorher einige Gedanken machen. Selbst wenn man alle Aspekte beachtet, besteht weiterhin das Risiko, dass die eigenen Bilder Unbefugten in die Hände fallen. Sexting wird also sicherer, aber noch lange nicht sicher. In einem sind sich die Experten aber einig: "Nicht Sexting ist das Problem, sondern das, was andere daraus machen."

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 25.08.2016 | 19:30 Uhr

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