Stand: 10.07.2016 21:33 Uhr  - NDR Info  | Archiv

Der normale Shopping-Wahnsinn

von Michael Latz
Obstsalat und Melonenstücke in verschiedenen Plastikverpackungen. © NDR Foto: Claudia Plaß
Kommt nicht in den Einkaufswagen: Obstsalat und Melone im praktischen Portionspack.

Dass es nicht einfach werden würde, war klar - aber dass der Folienfrust schon nach wenigen Metern im Supermarkt einsetzt, überrascht mich dann doch. Schon beim Gemüse stehe ich etwas ratlos vor dem Regal. Salat steht ganz oben auf meinem Einkaufszettel, aber Eisbergsalat, Lollo rosso und Co. sind in Kunststofffolien eingesperrt. "Damit sie länger frisch bleiben. Und der Hygiene wegen", erklärt Marktleiterin Nicole Appel. Das leuchtet zwar ein, hilft aber nicht weiter. Eine Alternative muss her, wenn der Kühlschrank nicht leer bleiben soll. Zum Glück gibt es Tomaten, Pilze und Spitzkohl auch ohne Verpackung.

Wurst-Weitwurf an der Frischetheke

Die nächste Herausforderung auf dem Einkaufszettel: Wurst und Käse. Die fertig abgepackten Pakete aus dem Kühlregal sind tabu. Stattdessen steuere ich die Frischetheke an - und staune. Ich darf meine mitgebrachten Vorratsdosen auf die Theke stellen und eine amüsierte Verkäuferin lässt den Aufschnitt und Käse hineinfallen. Allerdings achtet sie sehr darauf, dass sie die Dose nicht berührt, um die Hygienevorschriften nicht zu verletzen. Bisher kämen kaum Kunden auf die Idee, Vorratsdosen mitzubringen, sagt sie. An sich aber sei das kein Problem. Unter Umständen könnte es nur etwas länger dauern. Drei Folien und einen Plastikbeutel habe ich damit eingespart. Und auch beim Bäcker spare ich mir die Tüte, weil das Baguette direkt im mitgebrachten Stoffbeutel landet.

Immer mehr Verpackungen

Gelbe Müllsäcke hängen an einem Vorgartenzaun. © dpa bildfunk Foto: Jens Kalaene
Trotz Mülltrennung und Recycling gibt es immer mehr Verpackungsmüll.

Natürlich geht es in Supermärkten nicht ohne Verpackungen - schließlich wollen sich die Kunden die Waren selber aus dem Regal nehmen und das Auge kauft auch mit. Aber muss es denn so viel Verpackung sein? Jeder Bundesbürger verursacht mehr als 200 Kilogramm Verpackungsmüll pro Jahr, zwei Drittel davon fallen beim Einkaufen an. Und die Verpackungen werden immer aufwendiger. Das Umweltbundesamt hat ausgerechnet, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Kunststoff heute doppelt so hoch ist wie Anfang der 90er-Jahre. Viele Verpackungen werden zwar recycelt, aber die Hälfte des Kunststoffmülls zum Beispiel wird verbrannt.

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Mann mit Plastiktüten © DUH

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Kleine Auswahl, viele Kompromisse

Im Supermarkt in Ellerbek gibt es nur eine Sorte Pasta ohne Kunststoffpackung: Tagliatelle im Karton. Papier ist zwar Teil des Müllproblems - der Verbrauch ist seit dem Jahr 2000 drastisch angestiegen -, aber immerhin verrotten Kartons problemlos. Statt Spiralnudeln kaufe ich also Tagliatelle. Und statt Vollmilch landet Vanillemilch im Einkaufswagen. Vollmilch aus der Pfandflasche hat Marktleiterin Nicole Appel schon vor einiger Zeit aus dem Programm nehmen müssen, weil sie bei den Kunden nicht ankam. Später auf dem Heimweg kann ich das nachvollziehen, als ich Saft in Glasflaschen in die Wohnung im vierten Stock trage. Getränkekartons wären deutlich leichter und praktischer gewesen. Aber alte Gewohnheiten funktionieren nicht, wenn ich keinen Verpackungsmüll verursachen will.

Fazit: Verpackungsfrei, aber nicht alltagstauglich

Scheibenkäse in Plastik eingeschweißt. © NDR Foto: Claudia Plaß
Tabu beim verpackungslosen Einkauf: Scheibenkäse in Plastik.

Am Ende sind alle Punkte auf meiner Einkaufsliste abgehakt. Trotzdem ist der Supermarkt der falsche Ort, um wirklich verpackungsfrei einzukaufen. Die Suche nach den wenigen Produkten ohne Kunststoffhülle oder in Mehrwegverpackungen macht die Auswahl deutlich kleiner und den Einkauf etwas teurer. Und halbgare Kompromisse wie Spitzkohl statt Salat - die funktionieren auf Dauer im Alltag nicht.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 11.07.2016 | 06:00 Uhr

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Der verpackungsfreie Laden "Unverpackt" in Kiel. © NDR Foto: Plaß/Latz

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