Stand: 20.09.2016 10:40 Uhr  | Archiv

Carsharing im Norden: Fragen und Antworten

von Wiebke Neelsen

Wer früher kein Auto hatte, ging zur Autovermietung. Heute steht zumindest in vielen Großstädten an jeder Ecke ein Fahrzeug der neuen Carsharing-Anbieter. Für viele ist das eigene Auto zum Auslaufmodell geworden - sie leihen es sich, wenn sie es wirklich brauchen. So wird neben dem eigenen Geldbeutel auch die Umwelt entlastet. Wie funktioniert Carsharing? Wir beantworten wesentliche Fragen.

Welche Angebote gibt es?

Auf einem Parkplatz in Hamburg steht ein Smart von car2go. © NDR.de Foto: Marc-Oliver Rehrmann
Neben Smarts bietet car2go auch vermehrt Mercedes-Fahrzeuge an.

Es gibt zwei unterschiedliche Modelle: zum einen sogenannte Free-Floating-Angebote (DriveNow und car2go), die Autos anbieten, welche überall innerhalb des Geschäftsgebietes entliehen und nach der Fahrt abgestellt werden können. Die anderen hier vorgestellten Anbieter (cambio, Greenwheels und Flinkster) sind stationsbasiert: Die Fahrzeuge müssen an derselben Station wieder abgestellt werden, an der die Leihfahrt auch begonnen hat.

Wie finde ich die Autos und wo stelle ich sie wieder ab?

Viele Anbieter haben Apps, welche die aktuell verfügbaren Fahrzeuge und die Entfernungen vom aktuellen Standort zum Auto anzeigen. Bei car2go folgt auch die Buchung und Öffnung des Fahrzeuges ausschließlich über die App.

Die stationsbasierten Anbieter Greenwheels, cambio und Flinkster müssen an der Station wieder abgestellt werden, an der sie auch ausgeliehen wurden. Die Free-Floating-Anbieter DriveNow und car2go können flexibel innerhalb des Geschäftsgebietes abgestellt werden. Dieses umfasst in Hamburg weite Teile der Stadt, etwa bis nach Marienthal, Groß Flottbek, Alsterdorf und bei car2go auch bis in die südlich der Elbe gelegenen Stadtteile.

Wichtig zu wissen: Zwar kann auch über die Grenze des Geschäftsgebietes hinaus gefahren werden, aber abgestellt werden muss das Auto innerhalb dieses Areals. Sonst lässt es sich nicht verriegeln und die Miete läuft weiter.

Wer bietet welche Fahrzeugtypen an?

Die drei größten Anbieter im Norden sind car2go, Drive Now und cambio. Aktuell bietet car2go in Hamburg 770 Smarts. Bundesweit (und im Norden nach und nach) kommen auch Fahrzeuge der Mercedes A- und B-Klasse zum Einsatz - denn Daimler ist an car2go (zusammen mit Europcar) beteiligt.

DriveNow wird von Sixt und BMW betrieben, bietet aktuell knapp 600 BMW-Fahrzeuge und Minis.
Die wohl größte Markenauswahl hat cambio, das aus lokalen Carsharing-Initiativen in Aachen, Bremen und Köln hervorgegangen ist. Es gibt 130 Autos, unter anderem von Citroën, Ford, Mitsubishi, VW und Opel in Hamburg. Cambio arbeitet mit lokalen Anbietern auf Franchise-Basis.

Flinkster ist das Angebot der Deutschen Bahn und hat ebenfalls verschiedene Fahrzeugtypen auf Lager (darunter Mercedes, Opel und Citroen), allerdings nur 30 Fahrzeuge insgesamt.

Bei Greenwheels schließlich hat auch VW Anteile. Das zeigt sich an der Auswahl der Fahrzeuge - knapp 60 VW Up, Caddy und Golf können in Hamburg ausgeliehen werden. Greenwheels ist aus StattAuto hervorgegangen.

Wie sind die Fahrzeuge ausgestattet?

Die meisten Autos verfügen über integrierte Navigationsgeräte. Lediglich die Kleinstwagen von Flinkster haben keine. Das sind Smart, Fiat Panda und Peugeot 107. Wer vorher an manuelle Gangschaltung gewöhnt war, muss nun umschalten: Fast alle Wagen sind mit Automatik ausgestattet.

Was kostet Carsharing?

Geldschein in Tank © fotolia.com Foto:  babimu
Carsharing erfreut sich großer Beliebtheit. Es schont den Geldbeutel und ist meistens günstiger als die Unterhaltung eines eigenen Autos.

Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Die Anbieter haben unterschiedliche Stunden- und Tagessätze, teilweise wird nach Fahrzeugtyp unterschieden. DriveNow und car2go als Free-Floating-Angebote, die auch nur kurz entliehen und woanders abgestellt werden können, haben zudem Minutenpreise. Auch bei cambio wird nach der ersten voll bezahlten Stunde im Viertelstunden-Takt abgerechnet.

Alle außer Flinkster bieten auch monatliche Pauschalen an. Dafür gibt es bei car2go und DriveNow Inklusivminuten, bei Greenwheels Frei-Kilometer. Bei cambio ist die monatliche Pauschale von mindestens drei Euro Pflicht - außer für junge Leute unter 33 Jahren und HVV-Abo-Kunden.

Bei DriveNow muss zusätzlich pro Fahrt ein Euro Versicherungsbeitrag gezahlt werden.
Folgende Grafiken zeigen die jeweils kleinsten Fahrzeugklassen (je nach Anbieter sind das Klein- oder Kleinstwagen) und die niedrigsten Tarife im Vergleich.

Die Preise für Carsharing

 

Die beiden Free-Floating-Anbieter DriveNow und car2go bieten minutengenaue Abrechnung - je nach Fahrzeugtyp. DriveNow hat außerdem das Sparangebot "Drive'n'Save" - das kann aber nur spontan in der App gefunden und gebucht werden.

Kosten einer Beispielstrecke

Wie hoch die Kosten konkret sind, lässt sich beispielhaft an der Strecke Hamburg-Landungsbrücken - Tierpark Hagenbeck berechnen. Das sind 7,7 Kilometer, die laut Routenplaner in etwa 21 Minuten zu schaffen sind. Es wurde die jeweils günstigste Fahrzeugklasse zugrunde gelegt.

Weitere Informationen
Ein Smart von car2go steht in einem Wohngebiet © NDR.de

Carsharing: Rechnet sich das Geschäftsmodell?

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Es wurden nur die beiden Free-Floating-Anbieter car2go und DriveNow berücksichtigt, weil die stationsbasierten Fahrzeuge erst von einer Station (etwa in Altona) zu den Landungsbrücken und anschließend vom Tierpark Hagenbeck wieder zu dieser Station zurückgebracht werden müssten. Für kürzere und einmalige Strecken (etwa in den Tierpark) ist das viel Zeitaufwand.

Bei DriveNow muss zusätzlich pro Fahrt ein Euro Versicherungsbeitrag gezahlt werden.

Am günstigsten ist das Sparprodukt von DriveNow - Drive'n'Save für 5,20 Euro. Das Angebot ist aber nur gelegentlich verfügbar und daher spontan über die App einseh- und buchbar. Hier muss man also Glück haben, dass gerade ein eigentlich teurerer Mini oder BMW für wenig Geld in der Nähe steht.

Der reguläre Preis für DriveNow liegt bei recht hohen 7,51 Euro für die Strecke von 21 Minuten. Das ist dicht gefolgt von car2go mit 6,09 Euro.

Preislich gibt es zwischen car2go und DriveNow also nur geringe Unterschiede. Allerdings bietet car2go in Hamburg bisher nur Smarts, wohingegen bei DriveNow in Minis und BMW der Fahrkomfort höher ist. Wer Glück hat, fährt mit solch einem Auto zum Vorteilspreis bei Drive'n'Save durch die Stadt und spart zwei bis drei Euro gegenüber den regulären Preisen.

Wie kann ich mich anmelden?

Die Anmeldung erfolgt in einer der Geschäftsstellen des jeweiligen Anbieters. In allen Fällen müssen Führerschein und Personalausweis vor der ersten Fahrt vorgelegt werden. Bei DriveNow geht das alles auch online über Webcam.

Greenwheels und cambio überprüfen zudem die SCHUFA-Bonität. Fällt dieses Rating zu gering aus, ist bei Greenwheels eine Kaution in Höhe von 200 Euro fällig. Bei diesem Anbieter können zwischen Registrierung und erster Fahrt nach eigenen Angaben bis zu sieben Werktage vergehen.

Was kostet die Anmeldung?

Greenwheels hat keine Anmeldegebühr. Bei den anderen sind es einmalig 19 Euro (car2go), 29 Euro (DriveNow) 30 Euro (cambio) und 50 Euro (Flinkster).
Rabatt gibt es für HVV-Abo-Kunden bei cambio (halbe Anmeldegebühr) und DriveNow (gar keine Anmeldegebühr). BahnCard-Inhaber sparen sich die Flinkster-Anmeldegebühr.

Greenwheels bietet eine Fahrgutschrift in Höhe von 25 Euro für sämtliche ÖPNV-Abonnenten (nicht nur auf den HVV beschränkt). DriveNow bietet ebenfalls 30 Freiminuten für HVV-Abo-Kunden.

Geht Carsharing nur in Hamburg?

DriveNow bietet Fahrzeuge von Mini und BMW.
Seit 2013 ist DriveNow in Hamburg auf dem Markt - und auf der Straße.

Nein, auch die Einwohner anderer Städte im Norden wurden nicht vergessen. Greenwheels ist in Wedel, Pinneberg, Norderstedt, Rostock und Braunschweig mit jeweils weniger als zehn, in Hannover mit mehr als 60 Fahrzeugen verfügbar.

Winsen, Uelzen und Bremerhaven werden von cambio mit jeweils zwei bis vier Fahrzeugen abgedeckt, in Flensburg gibt es zwölf. In Lüneburg und Oldenburg hat cambio jeweils knapp 40 Autos stehen.
Flinkster bedient mehr als 20 norddeutsche Städte mit zumeist einem oder zwei Fahrzeugen: von Husum bis Hildesheim und Stralsund bis Vechta. Die meisten gibt es in Braunschweig (12 Flinkster-Autos).

Muss ich tanken?

Bei DriveNow und car2go muss nicht getankt werden. Einfach einsteigen, fahren und später wieder irgendwo im Geschäftsgebiet abstellen. Allerdings bietet car2go dem Nutzer zehn Freiminuten, wenn er das Auto bei einem Tankfüllstand von unter einem Viertel wieder vollständig auftankt.

Alle anderen Anbieter lassen es sich aber etwas kosten, wenn die Tankfüllung bei Rückgabe des Fahrzeugs nicht mindestens zu einem Viertel gefüllt ist - zwischen fünf Euro (cambio und Flinkster) und 25 Euro (Greenwheels).

Wie sieht es mit dem Versicherungsschutz aus?

Der große Vorteil von Carsharing: Um Kfz-Steuern und Wartung der Fahrzeuge muss sich der Nutzer nicht kümmern, das übernimmt der Anbieter. Alle Anbieter haben außerdem eine Vollkasko-und Haftpflicht-Versicherung für den Fahrer. Sollten Beifahrer verletzt werden, springt dafür die Haftpflicht-Versicherung des Fahrers ein.

Wie hoch ist die Selbstbeteiligung im Schadensfall?

Durch Zusammenstoß mit dem Elch verbeultes Auto. © Uwe Winkler Foto: Uwe Winkler
Je nach Anbieter liegt die Selbstbeteiligung des Fahrers im Schadensfall zwischen 350 und 1.500 Euro. (Themenbild)

Alle Anbieter setzen Selbstbeteiligungen im Schadensfall an. Diese liegen zwischen 350 Euro bei DriveNow (dafür wird pro Fahrt ein Euro fällig) und 1.500 Euro bei Flinkster - bei anderen Anbietern, so auch bei car2go, beträgt sie 1.000 Euro.

Bei Greenwheels kann die Selbstbeteiligung für sechs Euro im Monat auf 200 Euro im Schadensfall reduziert werden. Bei cambio gibt es eine Versicherung für 50 Euro im Jahr, welche die Selbstbeteiligung ebenfalls auf 200 Euro senkt.

Wie sieht es aus mit Schäden am Fahrzeug?

Schäden an den Fahrzeugen werden von den Anbietern behoben. Dafür müssen solche aber erst einmal bekannt sein - und gemeldet werden. Daher sollte der Nutzer vor Antritt der Fahrt das Auto auf Schäden untersuchen und diese gegebenenfalls sofort melden - etwa per App oder Telefon-Hotline.

DriveNow erinnert zum Beispiel daran und führt sämtliche bekannten Schäden auf, bevor überhaupt der Motor angeschaltet werden kann. Diese müssen zur Kenntnis genommen werden. Es folgt die Frage nach weiteren Schäden, die über die bereits aufgeführten hinausgehen.

Der Hintergrund: Wenn der nächste Nutzer den Schaden erst meldet, fällt der Verdacht automatisch auf den Fahrer davor. Deswegen sollte immer sichergestellt werden, dass etwaige Schäden als schon vorhanden dokumentiert sind. Dieser Vorgang ist mit dem Einzug in einer Mietwohnung vergleichbar. Damit die marode Wand nicht dem neuen Mieter angelastet wird, muss sie im Übergabeprotokoll bereits notiert werden.

Muss ich Bußgelder selbst zahlen?

Wenn der Nutzer eine Ordnungswidrigkeit begeht und also zum Beispiel zu schnell unterwegs ist und geblitzt wird, muss zum einen selbstverständlich das Bußgeld bezahlt werden - so, als wenn man mit dem eigenen Auto unterwegs wäre. Zusätzlich erheben alle Anbieter Gebühren für die Bearbeitung von solchen Verkehrsverstößen: Flinkster und cambio setzen dafür fünf Euro an, car2go und Greenwheels zehn Euro pro Strafmandat. Bei DriveNow kostet es 18 Euro.

Zusätzlich erheben cambio, Greenwheels und Flinkster Strafgebühren für die verspätete Rückgabe eines Leih-Fahrzeugs. Bei diesen stationsbasierten Anbietern wurde die Mietdauer vorher vereinbart, das Fahrzeug kann nicht irgendwann nach Belieben zurückgestellt werden wie bei den Free-Floatern. Je nach Ausmaß der Verspätung kostet diese bei Flinkster zwischen 12,50 und 25 Euro, bei cambio und Greenwheels pauschal 25 Euro.

Dieses Thema im Programm:

Markt | 19.09.2016 | 20:15 Uhr

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