"Hörschlüssel" für Brittens "War Requiem"

Dorothee Barth © Dorothee Barth
Dorothee Barth lehrt seit 2014 als Professorin für Musikdidaktik an der Universität Osnabrück.

Dorothee Barth ist Professorin für Musikpädagogik und Musikdidaktik an der Universität Osnabrück. Gemeinsam mit Studierenden hat sie Unterrichtsmaterial für das Vermittlungsprojekt zu Brittens "War Requiem" der NDR Radiophilharmonie erarbeitet. Welche Ziele und Ideen dahinter stehen, erzählt sie im Interview.

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Schüler im Kleinen Sendesaal © NDR Radiophilharmonie Foto: Amrei Flechsig

Unterrichtsmaterial zum "War Requiem"

Hier finden Sie unterschiedliche Unterrichtsmaterialien rund um Brittens "War Requiem" zum Download. mehr

Welche Ziele hatten Sie vor Augen, als Sie das Unterrichtsmaterial mit den Studierenden erarbeiteten?

Das Material ist in einem Seminar zum projektorientierten Musikunterricht entstanden. Die Mitarbeit am Vermittlungsprojekt des NDR zum "War Requiem" war insofern eine wunderbare Gelegenheit auszuprobieren, was bisher theoretisch-konzeptionell erarbeitet wurde. Dabei ergab sich eine doppelte Projektorientierung: Indem verschiedene Studierendenteams unterschiedliche Projekte in der Praxis initiierten, wurde das Seminar selbst projektorientiert. Außerdem konnten wir den begrenzten Raum der Universität verlassen und uns auf Ereignisse im "wirklichen Leben" beziehen.

Sie sprechen von einem "Hörschlüssel", um sich das komplexe und ungewohnte Werk "aufzuschließen" - können Sie das etwas erläutern?

Musikunterricht hat das Ziel, Schüler*innen für Musik zu interessieren und zu begeistern - auch für Musik, die ihnen zunächst fremd, ungewohnt, sperrig, eben verschlossen ist. Nach meiner Erfahrung kann es eine Hilfe sein, wenn man ihnen Orientierungen anbietet für die hörende Begegnung mit der Musik, die die "Aussage über die Welt", die in der Musik steckt mit subjektiven Erfahrungsmöglichkeiten der Schüler*innen verbindet. Bei so einem ernsten, politischen und erschütterndem Werk wie dem "War Requiem" schien uns die sachlich-nüchterne Verbindung von zeitgeschichtlichen und musikanalytischen Aspekten als Hörschlüssel am besten geeignet.

Können Sie in wenigen Worten Ihr Konzept des Unterrichtsmaterials erläutern? Wie nähern sich Schüler und Lehrer dem Werk?

Wir haben uns bei der Konzeptionierung der Unterrichtsmaterialien von dem Anspruch leiten lassen, dass  die "Gegenstände" des Musikunterrichtes exemplarisch für relevante übergeordnete gesellschaftliche Probleme sowie bedeutsam für die Gegenwart und Zukunft der Schüler*innen sein sollen. Weitere leitende didaktische Prinzipien sind, dass im Musikunterricht immer ästhetische Erfahrungen ermöglicht werden sollen (in diesem Falle das intensive Hören der Musik), dass die Schüler*innen wissen, was sie lernen sollen und dass sie eine Brücke in ihre Alltagswelt schlagen können sollen. Das Material ist weiter so konzipiert, dass sich auch Schüler*innen ohne vertiefte Notenkenntnisse oder Vorerfahrungen mit klassischer Musik darauf einlassen können. Da die Mitglieder der einzelnen Gruppen unterschiedliche Fähigkeiten und Kompetenzen haben, müssen sie sich untereinander gut organisieren. Alle drei Anforderungsstufen (Wiedergabe - Anwendung - eigenständige Bewertungen und Deutungen) sind berücksichtigt und um den Lehrkräften viel Arbeit zu ersparen, gibt es sogar "Lösungsblätter" zu Aufgaben, wo es sich anbietet.

Wie kann Kunst bzw. Musik gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und was lässt sich von den Schülern daraus lernen?

Das "War Requiem" ist für die Position, dass Künstler*innen gesellschaftliche Verantwortung tragen und sich diesbezüglich auch künstlerisch äußern, ein eindrucksvolles Beispiel. Und gerade weil Schüler*innen unter politischer Musik häufig eine Musik meinen, die gemeinschaftsstiftend sein und zum Mitmachen anregen will, wird hier bewusst, dass sich die politische Aussage nicht beim ersten oder zweiten Hören erschließt, sondern dass es dazu es einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Werk und jedem einzelnen Takt bedarf.

Was ist für Sie persönlich das Besondere an Brittens "War Requiem", worauf freuen Sie sich im Konzert?

Ich habe das "War Requiem" noch nie live gehört und freue mich sehr auf die Aufführung. Ich habe natürlich Sorge, dass ich die ganze Zeit ängstlich darauf lausche, ob sich die Schüler*innen auch gut benehmen und ob es raschelt, wispert oder piept. Auch wenn ich seit fünf Jahren keinen Musikunterricht mehr gebe, wird man dieses Lehrerohr wohl nie los. Da ich selbst außerdem sicher am meisten gelernt habe (ich habe die Themen aller Gruppen mit durchdacht und konzipiert), bin ich nun aber vor allem gespannt darauf, ob meine eigenen Hörschlüssel funktionieren.

 

Orchester und Chor