"Das Orchester ist für mich wie eine zweite Familie"

Carlos Campos Medina, Viola © NDR / Micha Neugebauer Foto: Micha Neugebauer
Der Bratscher Carlos Campos Medina ist seit 2019 Mitglied der NDR Radiophilharmonie.

Angefangen hat er als Akademist der Joseph Joachim Akademie, nun gehört er fest zur NDR Radiophilharmonie: Der Bratscher Carlos Campos Medina hat das Probejahr bestanden und freut sich über seine "neue Heimat" und die Arbeit mit den Orchesterkollegen.

Aufgewachsen ist er auf Gran Canaria in einer musikbegeisterten Familie - eine Großmutter war sogar Sopranistin. Von der anderen Großmutter bekam er schon mit drei Jahren eine Timple geschenkt, ein kanarisches Saiteninstrument, das an die Ukulele erinnert; seine Mutter brachte ihm das Spielen bei. Sein Vater hört leidenschaftlich gern Puccini-Opern, und als Kind wollte Carlos Campos Medina am liebsten immer Pavarotti hören. Mit fünf Jahren begann er seinen Musikunterricht - ein Jahr später auch mit Bratsche - an der Akademie des Orchestra Filarmónica de Gran Canaria, wo er auch schon früh in das Orchesterleben hineinschnuppern konnte. Schließlich hatte er mit 14 Jahren ein entscheidendes Erlebnis: Er spielte in einem Jugendorchester aus Valencia mit, und nach Tschaikowskys 1. Klavierkonzert kamen ihm vor Begeisterung die Tränen. "Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen vor Freude, und da dachte ich, das geht nicht anders, das muss ich immer machen - ich will Orchestermusiker werden!", erinnert sich Carlos Campos Medina.

Die Akademisten Camilla Busemann und Carlos Campos Medina © Carsten P. Schulze Foto: Carsten P. Schulze
Camilla Busemann und Carlos Campos Medina gemeinsam beim Matinee-Konzert der Akademisten der Joseph Joachim Akademie.
Rückenwind von Eltern und Dozenten

Auf seinem Weg zum professionellen Musiker unterstützten ihn seine Eltern, wo sie nur konnten - "es sind die besten Eltern der Welt!", strahlt er glücklich. Einfach war es für ihn nicht, aber er hatte immer wieder Förderer und Fürsprecher, die ihn auf seinem Weg bestärkt haben. Sein Bratschenstudium begonnen hatte er noch auf Gran Canaria, kam in seinem dritten Jahr als Erasmus-Student nach München zu Nils Mönkemeyer und wechselte im Anschluss dann nach Italien. Erst war er in Bologna und nahm weiter Unterricht bei Antonello Farulli in Florenz, von dem er jetzt noch ganz begeistert ist: "Ich bin so dankbar, dass ich ihm begegnet bin, denn er hat wirklich an mich geglaubt und mich vorwärts gebracht." Zum Masterstudium wollte er nach Deutschland, und entschied sich schließlich für Lübeck, nachdem er an drei verschiedenen Hochschulen angenommen worden war. Mit seiner Professorin Barbara Westphal und kammermusikalischen Aktivitäten, beispielsweise mit Heime Müller, hatte er zwei sehr intensive und "wahnsinnig glückliche Jahre".

Workshop mit Andrew Manze © NDR / Helge Krückeberg Foto: Helge Krückeberg
Im Rahmen der Joseph Joachim Akademie nahm Carlos Campos Medina an mehreren Workshops teil - hier mit Chefdirigent Andrew Manze.
Akademie in Hannover als Wendepunkt

Er bewarb sich auf mehrere Akademieplätze - "überall dort, wo es eine direkte Fluglinie nach Gran Canaria gab", lacht er - und landete schließlich in Hannover. Erst noch Praktikant, gewann er auch bald das Probespiel für die Joseph Joachim Akademie. Schon bei seinem ersten Projekt mit Bruckners 3. Sinfonie unter der Leitung von Robert Trevino hatte er ein gutes Gefühl, "es war menschlich und musikalisch toll, da dachte ich, das ist es, was ich will", erzählt der Bratscher. Der Unterricht im Rahmen der Akademie, vor allem bei François Lefèvre und Oliver Kipp, war für ihn "ein Wendepunkt" in seinem Leben und hat ihm als Weiterbildung sehr viel geholfen. "Erst einmal wollte ich die Akademie genießen", so der Bratscher, und begann erst nach einem halben Jahr damit, überall Probespiele zu machen. Auch bei der NDR Radiophilharmonie war eine Stelle frei, und nach mehreren Auswahlrunden konnte er schließlich die Kollegen überzeugen und bekam seine Traumstelle - immerhin hatte er bei allen anderen Bewerbungen und Probespielen inzwischen im Hinterkopf: "Eigentlich will ich am liebsten in Hannover bleiben."

NDR Radiophilharmonie als neue Familie

Er hatte früher Angst, einmal irgendwo zu landen, wo er sich nicht wohl fühlt, weit weg von der Heimat. Schließlich muss es mit den Kollegen im Orchester erst einmal passen. In Hannover fühlte er sich vom ersten Moment an wohl - "hier ist mein Platz", war er sich schon früh hundertprozentig sicher. "Ich freue mich darauf, jetzt auch mehr Verantwortung zu übernehmen, um meine Gruppe und das Orchester musikalisch weiterzubringen", erzählt der Bratscher glücklich. "Das Orchester ist für mich wie eine zweite Familie, da ist es nicht so schlimm, dass ich weit weg von meiner eigenen Familie bin." Inzwischen lernt seine Mutter sogar Deutsch, damit sie ihn bald besuchen kann.

Orchester und Chor