Stand: 20.11.2019 20:04 Uhr

Bericht aus China - Kammerkonzerte in Harbin

von Friederike Westerhaus

Die NDR Radiophilharmonie hat ihre Sachen gepackt und ist nach China geflogen. Zusammen mit Chefdirigent Andrew Manze gibt sie insgesamt sieben Konzerte, unter anderem in Lanzhou, Shanghai und Beijing. Im Gepäck hat sie die 5. und die 6. Sinfonie von Ludwig van Beethoven, außerdem Musik von Brahms und Mozart.

Schneebedecktes Landefeld am Flughafen in Harbin © NDR
Wetterumschwung: Am Flughafen in Harbin wird die NDR Radiophilharmonie von einem schneebedeckten Landefeld begrüßt.

Statt T-Shirt-Wetter in Schanghai jetzt 14 Grad minus in Harbin. Die meisten Musiker haben vor dem Konzert einen freien Tag. Eine Vierergruppe allerdings macht sich auf den Weg, um auf Initiative des Konzertveranstalters an unterschiedlichen Orten in der Millionenstadt drei Kammerkonzerte zu geben. In der Eiseskälte fährt der Bus durch die verschneiten Straßen Harbins zum ersten Ziel - einem Seniorenheim.

Musik für die ältere Generation

Christoph Renz, Catherine Myerscough, Carlos Campos Medina und Carsten Jaspert (v. l. n. r.) von der NDR Radiophilharmonie spielen für die Bewohnerinnen und Bewohner eines Seniorenheims in Harbin. © NDR
Christoph Renz, Catherine Myerscough, Carlos Campos Medina und Carsten Jaspert (v. l. n. r.) von der NDR Radiophilharmonie spielen für die Bewohnerinnen und Bewohner eines Seniorenheims in Harbin Musik von Mozart und aus China.

Der Raum ist riesig, es gibt eine richtige Bühne - und in den Stuhlreihen sitzen chinesische Senioren. Manche von ihnen schauen etwas irritiert, andere lächeln, wieder andere sind ganz in sich versunken. Am anderen Ende des Saals spielen einige Männer Brettspiele. Von den Zimmern sieht man nichts, nur den langen Korridor, der offenbar dorthin führt. Flötist Christoph Renz spielt hier mit seinen drei Kollegen Catherine Myerscough, Carlos Campos Medina und Carsten Jaspert ein Flötenquartett von Mozart. "Ich hätte es auch nicht als Altenheim von außen erkannt und selbst wenn ich reingekommen wäre, hätte es genauso gut ein Einkaufszentrum oder irgendwas anderes sein können", erzählt Christoph Renz. "Aber ich glaube, das macht es eben aus, dass unsere vorher gefassten Bilder einfach völlig auf den Kopf gespielt werden. Es war schön, in interessierte Gesichter zu schauen. Die haben sich schon gefreut."

Der Auftritt des Kammerensembles der NDR Radiophilharmonie gehört zu einem längeren Programm, auch mit chinesischer Musik. Es sei etwas spät losgegangen, sagt eine Seniorin, schließlich gebe es gleich schon Mittagessen. Aber die Musik habe sie sehr gemocht. Klassische westliche Musik höre sie sonst nie, nur chinesische. Aber sie finde es gut, das jetzt zu hören.

Das klingende Krankenhaus

Die Kammermusikerinnen und -musiker der NDR Radiophilharmonie posieren im Krankenhaus mit den Krankenschwestern. © NDR
Die Kammermusikerinnen und -musiker der NDR Radiophilharmonie posieren im Krankenhaus mit den Krankenschwestern für die Fotoapparate der chinesischen Presse.

Nach rund 30 Minuten geht es weiter zur nächsten Spielstätte. Die Idee ist, die Musik zu den Menschen zu bringen - als nächstes ins Krankenhaus. Als Garderobe dient ein kleines Arztzimmer, in dem drei Betten zum Ausruhen für die Ärzte stehen. Der kurze Blick hinter die Kulissen ist für Geigerin Catherine Myerscough überraschend: "Zum Beispiel gab es kein Desinfektionsmittel, nur Seife." Im Eingangsbereich des Krankenhauses warten schon die Krankenschwestern - offenbar dorthin bestellt fürs Konzert. Presse ist auch zugegen.

Kammermusikkonzert der NDR Radiophilharmonie im Krankenhaus in Harbin © NDR
Die heilende Kraft der Musik wird beim Kammermusikkonzert der NDR Radiophilharmonie im Krankenhaus in Harbin spürbar.

Während der Musik kommen Besucher und Ärzte vorbei, aber kaum Patienten. Die Medikamentenausgabe ist in Sichtweite, oben von einer Galerie schaut Personal herunter, einige Schwestern zücken Handys und filmen das Konzert. "Ich habe mit der Oberärztin gesprochen und sie meinte, dass sie eine Tochter hat, die gerne Klavier spielt", sagt Catherine. "Und diese kleinen Verbindungen machen viel für uns aus, denn sonst ist es wirklich wie eine Bühne. Die stellen die Leute quasi dahin, wo sie stehen sollen, und klatschen, wenn sie klatschen sollen. Man sieht auch manchmal, dass Leute berührt sind von unserem Spiel. Aber wenn man dann mit den Leuten redet, ist es etwas anderes, auch wenn es nur ein Satz ist über ihre Tochter." Musik sei auch eine Art von Medizin, die den Patienten Erleichterung bringen und zumindest mental helfen könne, sagt Siang Li Po vom Krankenhaus-Management. Deswegen hätte sie gerne häufiger Musiker im Krankenhaus.

Begegnungen mit dem Publikum

Mitglieder der NDR Radiophilharmonie spielen im Bahnhof von Harbin. © NDR
Wo sonst die Menschen in Harbin zu den Gleisen eilen, bleiben sie stehen, um den Klängen der Kammermusik der NDR Radiophilharmonie zu lauschen.

Dritte Station: der Bahnhof von Harbin. Hier herrscht reges Treiben, hunderte Reisender warten auf ihre Züge oder eilen zu den Gleisen. Dazu das Geräusch von Rollkoffern und Ansagen. Auf einer sich drehenden Anzeige sind die Konzertankündigungen der Radiophilharmonie zu sehen. Mehr noch als an den anderen beiden Orten hören hier Menschen zu, die ganz zufällig da sind. Schnell bildet sich eine Traube, zwei Kinder schlüpfen in die erste Reihe, eine junge Chinesin mit knallroten Haaren stellt sich auf die Zehenspitzen, um besser zu sehen. Als Zugabe gibt es das chinesische Lied "Jasmine". Die junge Reisende ist begeistert: "Ich mochte das sehr! Diese wunderbare Musik hier im Bahnhof zu hören, war wirklich schön!"

Drei ungewöhnliche Konzerte - und für die vier Musiker die Chance, ein wenig mehr vom Alltag in Harbin zu erleben. "Wenn wir nur bei einer Person etwas Positives bewirken, dann lohnt sich das", findet Catherine Myerscough. Christoph Renz: "Ich glaube, da haben wir manchen Menschen etwas Neues nahegebracht. Und wir haben Orte gesehen, die wir wahrscheinlich als Touristen oder an unserem freien Tag nicht gesehen hätten."

Übersicht
Beijing National Centre for the Performing Arts © Creative Commons Foto: Francisco Diez

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