Stand: 26.04.2019 11:00 Uhr

Alan Gilbert im Interview

Alan Gilbert war bereits von 2004 bis 2015 Erster Gastdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Zur Saison 2019/2020 übernimmt er nun den Posten des Chefdirigenten.

Alan Gilbert tritt zu der Saison 2019/20 sein Amt als Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters an. Im Interview mit Yaltah Worlitzsch erzählt er vor Amtsantritt von seiner Beziehung zum Orchester, wie wichtig ihm der musikalische Nachwuchs ist und worauf er sich während seiner Zeit hier in Hamburg am meisten freut.

Sie kennen das NDR Elbphilharmonie Orchester bereits aus der Vergangenheit. Sie waren von 2004 bis 2015 Erster Gastdirigent und haben im vergangenen Herbst das Orchester auch auf der großen Asien-Tour geleitet. Wie stark sind Sie in all der Zeit schon zusammengerückt?

Alan Gilbert: Das Musizieren mit dem Orchester bereitet mir unglaublich große Freude. Mit jedem gemeinsamen Projekt wachsen wir ein Stück mehr zusammen. Ich spüre, wie das gegenseitige Vertrauen wächst und unsere bisherige Beziehung eine neue Ebene erreicht. Dass ich die Tour im vergangenen Herbst bereits ein Jahr vor meinem offiziellen Start mit dem Orchester machen konnte, war ein großer Glücksfall. Die intensive Probenarbeit im Vorfeld und die gemeinsamen Erfolgserlebnisse während der Tour schweißen extrem zusammen. Ich freue mich nun umso mehr auf meine Zeit als Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters.

Chefdirigent Alan Gilbert im Speed-Dating mit zehn Musikern des NDR Elbphilharmonie Orchesters. © NDR

Speed Dating mit Alan Gilbert

Ein Dirigent, zehn Musiker, zehn Fragen - und nur eine Minute Zeit für die Antwort: Der neue Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters Alan Gilbert stellt sich den Fragen der Musiker.

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Wie sehen Sie die Beziehung zwischen Orchester und Dirigent?

Gilbert: Sie ist essenziell. Es ist die gute Chemie, auf der das gemeinsame Musikmachen beruht. Dabei ist die Beziehung zwischen einem Chefdirigenten und seinem Orchester eine ganz besondere, weil sie auf eine lange Zeit angelegt ist. Als Gastdirigent kommt man nur für einzelne Wochen zu einem Orchester und kann über die kurze Zeit nur schwer etwas entwickeln. Als Chefdirigent verbringt man sehr viel mehr Zeit mit seinem Orchester und hat mehr Kontinuität in der Arbeit. Man kann etwas aufbauen, dort weitermachen, wo man beim letzten Mal aufgehört hat, ohne dass zu viel Zeit dazwischenliegt. Obwohl das Orchester und ich uns schon über so viele Jahre kennen, beginnen wir jetzt ein neues Kapitel in unserer Beziehung.

Als was für einen Dirigenten-"Typ" würden Sie sich beschreiben?

Gilbert: Mich selbst zu beschreiben werde ich glücklicherweise nicht oft gefragt. Ich weiß nicht, ob es so etwas wie einen Dirigier-"Typus" wirklich gibt. Ich versuche in erster Linie, der Musik zu dienen. Ich bin stets um einen, nennen wir es, "aufrichtigen" Umgang mit der Musik bemüht. Sie soll für sich sprechen und sich in einer natürlichen,"unerzwungenen" Weise entfalten können. Das bedeutet nicht, dass ich als Dirigent passiv bin, im Gegenteil: Das zu erreichen verlangt sogar besonders viel Einsatz und Hingabe. Mein Ziel ist es, dass die Musik am Ende "unausweichlich" klingt, sich letztlich ein "so und nicht anders"-Gefühl einstellt und die Musik aus sich heraus klingt, als hätte kein Mensch jemals Hand angelegt.

Weitere Informationen

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Um dorthin zu kommen, muss man allerdings intensiv proben, als Dirigent mitunter viel intervenieren und dem Orchester einiges abverlangen. Dabei diktiere ich aber nicht alles von oben herab, sondern verfolge vielmehr einen kammermusikalischen Ansatz: Ich arbeite mit dem, was mir die Musiker anbieten. Ich versuche, ihre musikalischen Linien aufzunehmen und diese weiterzuentwickeln. Dirigieren ist eine schwer fassbare Kunst. Es geht am Ende darum, einen natürlichen Fluss zu erzeugen, ihm zu folgen und ihn gleichzeitig zu steuern.

Meinen Dirigier-Studenten erkläre ich es immer so: Sie müssen versuchen, einen Fluss hervorzubringen, der zwingend genug ist, um ihm dann selbst zu folgen. Man erzeugt den Fluss und folgt ihm zur selben Zeit. Es ist nicht leicht zu beschreiben. Aber das ist – wenn Sie so wollen – mein Geheimrezept.

Sie starten im September nicht nur mit einem Antrittskonzert, sondern gleich mit einem ganzen Festival, das unter dem Motto "Klingt nach Gilbert" steht. Wie klingt Gilbert?

Gilbert: Der Dirigent Alan Gilbert allein klingt so erst einmal gar nicht [lacht]. Er klingt natürlich durch das Orchester. Und hier wird es darum gehen, einen gemeinsamen Orchesterklang zu entwickeln. Im Rahmen des Eröffnungsfestivals werden wir im September insgesamt acht Konzerte mit sechs unterschiedlichen, sehr vielfältigen Programmen spielen. Dabei haben wir so großartige Solisten wie Kelley O'Connor, Yuja Wang und Carolin Widmann eingeladen.

Wir wollen aber auch ganz gezielt Solisten aus unseren eigenen Reihen präsentieren. Wir haben fantastische Musiker im Orchester, das wollen wir nutzen. Ganz besonders freue ich mich auf das Kammerkonzert. Hier werde ich selber Bratsche spielen – das heißt: Dann klinge ich also auch mal "direkt". Dies macht mir nicht nur großen Spaß, sondern ist auch eine tolle Möglichkeit, besonders nah an das Orchester und die Musiker heranzurücken.

Das Festival

Festival: #KLINGTnachGILBERT

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