Saison 2009/2010: Skandal, Revolution und himmlische Musik

Die Saison 2009 / 2010

Einzelne Wege führen nach Rom, aber längst nicht alle. Andere enden wahlweise im Untergrund oder im Himmel. Revolutionen werden angezettelt, Schlachten geschlagen, Paläste gestürmt. Es erklingt englische Musik und Musik der Engel. Ein italienisches Skandalstück wechselt mit der christlichen Passionsgeschichte, Hildegard von Bingen mit Elvis Costello. Eine erstaunliche Spielzeit in Wort, Ton und Bild.

Von Schatzgräbern und Archäologen

Hamburger Laeiszhalle © picture-alliance/ dpa/dpaweb
Hamburger Laeiszhalle

Antonio Caldara, Domenico Scarlatti und der geheimnisvolle Signore Detri stehen auf dem Programm des ersten Abo-Konzerts, das Ende September eine Begegnung mit dem kroatischen Countertenor Max Emanuel Cencicverheißt. Schon als Wiener Sängerknabe und musikalisches Wunderkind sorgte er für Furore. Heute zählt er zu den gefeierten Stars der internationalen Opernszene. Ein musikalischer Schatzgräber, der sich den Zwängen der "Klassikmaschinerie" selbstbewusst entzieht.

Ein Archäologe wiederum wollte der junge Christophe Rousset werden, bevor er sich für die Musik entschied, für das Cembalo, seine "Zeitmaschine" in die verlockende Geschichte. Am 20. Oktober, im zweiten der sechs Abo-Konzerte, musiziert der Franzose gemeinsam mit den Solisten seines Ensembles Les Talens Lyriques Auszüge aus François Couperins epochalem Werk "Les Nations", dem unvergänglichen Zeugnis einer vergangenen Ära höfischer Kunst und musikalischer Vornehmheit.

Der Opernkrieg

Wie ein Kulturschock wirkte auf die "bessere" Pariser Gesellschaft das drastische, ungewohnt lebensnahe Intermezzo "La serva padrona" des Italieners Giovanni Battista Pergolesi. Die Aufführung dieser Komödie löste 1752 in der französischen Metropole einen regelrechten Opernkrieg aus: die alte und die neue Zeit im Zwist der Weltanschauungen. Ende November, sozusagen am Vorabend des Pergolesi-Jahres, bringt Jos van Immerseel mit seinem Orchester Anima Eterna dieses unverwüstliche Skandalstück des 18. Jahrhunderts auf die Bühne der Hamburger Laeiszhalle. Es ist in der Inszenierung des jungen Berliner Regisseurs Hinrich Horstkotte ein ebenso hörens- wie sehenswertes Vergnügen.

Bach und Söhne

Johann-Sebastian-Bach-Denkmal © dpa

Die Abo-Konzerte vier und fünf kennen nur einen Namen: Bach. Doch anders als im wirklichen Leben gehen die Söhne dem Vater voraus, wenn im Februar 2010 das Concerto Köln, Christine Schornsheim und Andreas Staier die Gebrüder Johann Christoph Friedrich, Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel und Johann Christian Bach mit ihren eigenwilligen, eleganten, abgründigen und experimentellen Werken vorstellen. Zeitgemäß zu Beginn der Karwoche folgt im März die Johannes-Passion des Leipziger Thomaskantors Johann Sebastian Bach, die Marc Minkowski nicht mit großem Chor, sondern durchweg von Vokalsolisten singen lässt: Klasse statt Masse. Les Musiciens du Louvrewerden an diesem Abend zum ersten Mal in der Reihe NDR Das Alte Werk auftreten.

Ein Wiedersehen und vor allem Wiederhören beschert dagegen das sechste und letzte Abo-Konzert am 29. April 2010. Die italienischen Bläservirtuosen des Ensembles Zefiro, das sich nach Zephyros, dem antiken Gott des Westwinds, nennt, treten in einen konzertanten Dialog mit gastierenden Streichern, um in Zwiesprache und Wechselspiel ein überaus abwechslungsreiches Programm zu kreieren: Purcell, Dornel, Vivaldi, Telemann und Bach. Der Geist weht, wo er will.

Konzertinstallation und himmlische Hierarchie

Die neue Spielzeit wird programmatisch, musikhistorisch und aufführungspraktisch durch eine Vielzahl äußerst ungewöhnlicher und experimentierfreudiger Sonderkonzerte bereichert. Bereits im August war auf Kampnagel eine "Konzertinstallation" zu erleben. Sie vereinte unter dem Leitgedanken "Wendezeiten 1789/1989" Kompositionen, Literatur, Zeitzeugenberichte und unveröffentlichte Filmdokumente aus Deutschland, konzentriert auf die Jahre der Französischen Revolution und der Wende in der implodierenden DDR. In Kooperation mit dem Bucerius Kunst Forum finden drei exquisite Konzerte mit buchstäblich unerhörter Musik statt.

Eine geschnitzte Engelsfigur aus Holz © picture-alliance/ dpa

Für die Ausstellung "Zwischen Himmel und Hölle. Kunst des Mittelalters von der Gotik bis Baldung Grien" entwarf Pedro Memelsdorff, der künstlerische Leiter und wissenschaftliche Spiritus Rector des Ensembles Mala Punica, ein Programm mit dem Titel "O felix Italia - Polyphonie aus der Zeit des Großen Schisma 1380 bis 1420". Und die Sängerinnen von Tapestry werden in Hamburg mittelalterliche Tonkunst etwa der Benediktinerin Hildegard von Bingen mit dem Werk einer zeitgenössischen Komponistin konfrontieren: mit "The Nine Orders of the Angels" der Amerikanerin Patricia Van Ness. Dieser für Tapestry bestimmte Zyklus durchmisst die "himmlische Hierarchie", die neun Stufen von den Schutzengeln himmelwärts bis zum Erzengel Michael.

Ausgesprochen irdisch und diesseitig geht es hingegen zu, wenn The Rare Fruits Council mit barocken Genre-Szenen, Tanz in der Dorfschenke, Tierstimmen und Kriegsgeschrei einen lebensprallen Beitrag zu der Ausstellung "Täuschend echt - Die Kunst des Trompe-l'œil" leistet.

Junge und alte Jubilare

NDR Das Alte Werk gratuliert den Jubilaren des auslaufenden und des kommenden Jahres. Fretworkspielt auf zum 350. Geburtstag des Orpheus Britannicus Henry Purcell und spannt den Bogen bis in die Gegenwart: bis zu Tan Dun, Michael Nyman und Elvis Costello. Der NDR Chor singt das frühe "Dixit Dominus"des vor 250 Jahren gestorbenen Georg Friedrich Händel und die "Missa Romana" des vor 300 Jahren geborenen Giovanni Battista Pergolesi. Es ist eine imaginäre Reise nach Italien, in das Gelobte Land der Musik. Zum bevorstehenden 75. Geburtstag des zeitlosen estnischen Meisters Arvo Pärt hat dessen langjähriger künstlerischer Weggefährte Paul Hillier für sein Theatre of Voices ein die Jahrhunderte überwölbendes Konzertprojekt erdacht. Er geht zurück zu den Ursprüngen, den Quellen der Musik.

"Barock Lounge"

Das Elbipolis Barockorchester aus Hamburg und DJs aus Berlin laden wieder zur "Barock Lounge" auf Kampnagel. Mit "Elbipolis goes Underground - englische Grounds und Variationen" beginnt am 11. November 2009 die zweite Saison dieser spielerisch ungezwungenen, neugierig unkonventionellen Konzerte in kreativer Lounge-Atmosphäre. Für die Musikenthusiasten von morgen bietet der NDR obendrein die beliebten Familienkonzerte und rückt dabei mit NDR Brass, dem NDR Sinfonieorchester, der NDR Bigband und der Reihe NDR Das Alte Werk auch die eigene Familie ins rechte Licht. Hänsel und Gretel, die Bären Paddington und Erwin sowie die im Meer des Wissens versinkende Mara sorgen für beste Unterhaltung und musikalische Aha-Erlebnisse.

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Orchester und Chor