Stand: 10.09.2008 15:17 Uhr Archiv

Fellinis Traumschloss

Von Henning Klüver

Blendend weiß erhebt sich der vierstöckige Bau, der von einem prächtigen Garten umgeben ist, über der Strandpromenade. Rund herum sind moderne Hotels und Häuser entstanden, von denen manche den 100jährigen Bau überragen. Aber keines von ihnen wirkt so anziehend, so träumerisch und zugleich so bedeutend wie das Grand Hotel von Rimini mit seinen 117 Zimmern und Suiten, das der südamerikanische Architekt Paolo Somazzi entworfen hat.

"Der Architekt, der sich an anderen Luxushotels der romagnolischen Adria orientieren wollte, hat dafür Außen wie Innen eine  merkwürdige Stilmischung gewählt, Jugendstil mit Barock versetzt. Und damit hat er einen ganz eigenen Akzent gefunden." Leopoldo Veronese, einer der beiden Direktoren des Grand Hotels, führt durch die Anlage, während Gäste sich im Pool erfrischen. Derweil ist drinnen, im Lesesaal, eine kleine Ausstellung über die Geschichte des Hauses zu sehen, das 1908 eingeweiht wurde.

Fellini bestand auf Bettentrennung

"Das sind hier die historischen Fotos. Auf dem einen kann man noch die beiden Kuppeln erkennen, die in den 20er Jahren bei einem Brand zerstört worden waren und nicht wieder ersetzt wurden." An der Rezeption nimmt die 23jährigen Natascha die Anrufe entgegen. Sie arbeitet noch nicht lange hier, ist aber vom Ambiente begeistert. "Vor allem die Atmosphäre ist wundervoll. Und dann spürt man den Geist von Fellini. In allen Ecken stößt man auf seine Spuren."

Der große italienische Filmregisseur Federico Fellini, der aus Rimini stammte, hat hier im Hotel gewohnt, so oft er nur konnte. Immer im dritten Stock, Junior-Suite Nr. 315.  Leopoldo Veronese lässt sich den Schlüssel geben. Im engen Fahrstuhl, der in den 50er Jahren eingebaut worden war, treffen wir auf einen Gast, eine ältere Dame, die ihren Hund auf Zimmer bringen möchte. Das gute Tier sei schon alt, sagt sie, und außerdem herzkrank.

Dann betreten wir die kleine Suite, die mit einer zweiten verbunden war. In der Nachbarsuite, erzählt der Direktor, übernachtete die Schauspielerin Giulietta Masina, die Frau Fellinis. Der Maestro bestand auf Zimmertrennung, weil Giulietta rauchte und er den Zigarettenqualm absolut nicht ausstehen konnte.

Außerhalb der Zeit

Im Restaurant darf inzwischen wie in allen italienischen Restaurants nicht geraucht werden. Fellini hätte das gefreut. Zu einem Risotto mit Safran wird ein romagnolischer Wein gereicht. Brigitte Molino, die Kellnerin, spricht Deutsch – denn sie kommt aus Westfalen. Sie arbeitet seit einigen Jahren hier und ist dabei den verschiedensten Persönlichkeiten begegnet. "Ja die Leute kommen schon seit 30, 40 Jahren hierher. Und wir haben heute noch sehr viele Schauspieler, die hier herkommen und auch einen Film noch drehen. Oder Andreotti oder Berlusconi und andere hohe Leute waren bei uns, die ich auch bedient habe."

In den einhundert Jahren seines Bestehens hat sich einiges im Grand Hotel geändert. Am meisten aber die Kundschaft - sagt Leopoldo Veronese. Blieb man früher Wochen, so sind es heute oft nur Tage. "Es gibt kaum noch einen Kunden, der so ein Hotel zu leben weiß. Nur so kann man die Atmosphäre wirklich spüren. Sicher haben wir auch Internet, wer hier aber alle modernen Errungenschaften des Hotelgewerbes sucht, ist am falschen Platz."

So wirkt das Grand Hotel von Rimini ein bisschen außerhalb der Zeit und trotz allem Luxus sympathisch veraltet – wie die leicht angestoßene Bonbonniere eines wertvollen Services.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 21.09.2008 | 13:00 Uhr

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