Stand: 15.08.2019 13:45 Uhr

Zurück im Alltag

von Natascha Freundel

Wahrscheinlich hat der Arbeitsalltag auch Sie wieder voll im Griff nach der Sommerpause. Sollten Sie zu den Menschen gehören, die erst unter Hochdruck Hochgefühle entwickeln. Unsere Kolumnistin Natascha Freundel aber wundert sich darüber, dass ihr der eng getaktete Alltag immer fragwürdiger vorkommt…

Natascha Freundel hat über den Luxus "Zeit" nachgedacht.

Wie war das wunderbar, morgens einfach liegen zu bleiben! Wann war das noch? Ach ja, zwei Wochen her. Welch ein Luxus, in den Tag hinein zu schlafen, zum Frühstück zu schlurfen, mittags aufzubrechen, zu irgendeiner Entdeckung dieser eigenwilligen Welt, und abends auf dem Balkon all die herrlichen Dinge auszukosten, die unsere mach-dich-fit-für-die-Zukunft-Zeit auf den Index gesetzt hat. Klar, das konnte nicht ewig so weitergehen, Urlaub ist Urlaub, und Alltag ist Alltag.

Alltagsstress

Der läuft bei uns nach zwei Wochen fast wieder reibungslos. Da schraubt man die müden Knochen aus dem Kinderbett, in das man nachts flüchtet, wenn die Überfall-Umarmungen der Kinder zu intensiv werden. Da sucht der Blick, zwischen Bad, Küche, Kleiderschrank, alle paar Minuten die Uhr. Taktaktak, macht sie. Taktaktak, werden die Kleinen aus dem großen Bett getrommelt. Ja, auch ihr müsst lernen, was wir Großen nur im Urlaub verdrängen: dass das Leben nur meistert, wer die enge Taktung der Zeitordnung verinnerlicht. Die lässt auch die sanftesten Eltern kommandieren: Zieh dich jetzt an! Träum nicht! Ab frühstücken! Los, Zähne putzen! Wo ist deine Jacke?!

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Und während man alle Gedanken über die Absurdität dieses Taktaktak in die hinterste Hirnecke abkommandiert, springen die Themen des Tages Salto im Kopf. Was mich betrifft, sind das Sendungen, die organisiert, Interviews, die vorbereitet, Bücher, die gelesen, Kolumnen, die geschrieben werden wollen. Die bitte auch als Podcast funktionieren und möglichst viel geklickt werden sollen. In der U-Bahn starren alle auf ihr Handy und hören über ihre Kopfhörer sicher Podcasts aus der schönen neuen Medienwelt. Allerdings, so vermeldet wenig später mein Bildschirm im Büro die Ergebnisse einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom, "nutzen 70 Prozent der Deutschen die digitalen Radioshows aber nie". Und von denen, die sie nutzen, "hören zudem nur zwei von fünf bis zum Ende zu".

Was ist Zeit?

Halt, bleiben Sie doch bitte dran! Denken wir doch einmal gemeinsam darüber nach, was das ist: Zeit. "Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es, will ich es aber einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht", so schrieb der wirklich große Augustinus. Wer nimmt sich heute noch die Zeit, darüber tiefsinnig zu werden? Groß und neu ist nun dieser Gedanke nicht, vielmehr entspringt er zwei unausgeschlafenen Nach-Urlaubs-Wochen: Zeit ist Luxus.

Auch hier führt uns die kleine große Greta Thunberg vor, wie man sich diesen Luxus nimmt. Zwei Wochen auf einem Segelschiff nach New York! Davon können die Vielflieger zwischen den Metropolen dieser Welt nur träumen. Während sich die Generation der Zukunft unter ihren Kopfhörern in der Berliner U-Bahn vor den Brandenburger Landtagswahlen fragt: "Warum ist die AfD immer noch da, obwohl ich heut' beim Yoga war?" - (so singt die Berliner Band "Von Wegen Lisbeth"). Darüber müsste man mal länger nachdenken. Aber ich schaffe es diese Woche nicht einmal zum Yoga.

Natascha Freundel © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Zurück im Alltag

NDR Kultur - NachGedacht -

Nach dem Urlaub holt der Alltagsstress unsere Kolumnistin Natascha Freundel wieder ein. Dabei stellt sie fest, wie wertvoll die Zeit ist.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 16.08.2019 | 10:20 Uhr