Stand: 05.09.2019 18:09 Uhr

Wahnsinn: Brief an die Menschheit entdeckt!

von Ulrich Kühn

Immer wieder tauchen unbekannte Schätze auf. Oft ist das ein irres Glück. Auch NachDenker Ulrich Kühn hat jetzt einen Fund gemacht - Wahnsinn! Oder?

Ulrich Kühn hat einen außergewöhnlichen Brief gefunden.

Heute muss ich nicht nachdenken, heute bin ich nur Botschafter. Denn ich habe etwas Fantastisches entdeckt. Unter einem Stein im Wald, und es war wirklich Zufall, habe ich eine Ledermappe gefunden und darin einen Brief. Ich lese ihn vor:

"Liebe Menschheit!

Du bist so lustig und bunt. Du bist so traurig und grau. Weil Du alles zusammen bist, bist Du ziemlich komisch. Weißt Du was? Ich glaube, Du weißt nicht, wer Du sein willst und nicht einmal, wer Du sein könntest.

Aber ich bin schwer verliebt in Dich, Menschheit. Mein Gott, jetzt ist es raus. Mit all Deinen Schrullen und Macken, Deiner ewigen Lügerei und maßlosen Eitelkeit und Deinen tausend Komplexen finde ich Dich gut, wie Du bist. Bin ich verrückt? Bestimmt. Aber nur, weil ich Dich verstehe. Weil du selber verrückt bist. Ich liebe Dich. Das wollte ich Dir als erstes sagen.

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Dann aber auch, wie sehr ich mich über Dich ärgere. Ich habe nämlich eine geheime Begabung. Flöge sie auf, kämen die Neider und schlügen mich auf der Stelle tot. Oder die Geängstigten täten es. Denn oft ist hässlich zu hören, was in Zukunft geschieht. Meine Begabung besteht darin, dass ich die Zukunft sehen kann. Woche für Woche, Tag für Tag. Ich weiß, ein beliebiges Beispiel, was Anfang September 2019 im britischen Unterhaus geschieht. Wenn ich das heute, am 24. Dezember 1970, öffentlich erzählte, niemand würde mir glauben. Aber es wird so sein:

Ein Abgeordneter, der sich, liebe Menschheit, Dir weit überlegen dünkt, wird seine Gräten über mehrere Sitze ausstrecken und so tun, als schliefe er, während die anderen diskutieren. Damit will er zeigen, wie hoch erhaben er ist über das Gewürm, das plappernd seine noblen Beine umwimmelt. Auch wird an jenem Tag ein britischer Premierminister, ein blonder Wirrschopf, der schon als Kind aus gutem Haus ein verlogener Lausbub war, ein Mann, der andere mit Lust beleidigt und der in flammender Rede das Leben im alten Athen preisen kann - dieser Herr also, der dann dies hohe Amt bekleidet, wird um eines blamablen Zieles oder Spieles willen sich plustern, als wäre er Churchill Zwo. Als sähe nicht ein Blinder mit Krückstock - liebe Menschheit, so wird man 2019 nicht mehr sprechen, aber jetzt, 1970, reden und schreiben wir noch so -, als sähen also nicht alle sofort, wie lächerlich Mister Johnson als zweiter Churchill wirkt.

Du glaubst mir nicht? Ach, Menschheit! Dabei ist das noch harmlos. Wenige Tage zuvor werden viele Menschen in Deutschland eine Wahl getroffen haben, von der sie später behaupten werden, sie hätten nicht gewusst, was sie taten und warum. Kannst Du Dir vorstellen, Menschheit: dass etliche Deiner engsten Angehörigen, also lebendige, denkende Menschheitsmitglieder, folgendes erklären: "Wir wollen nicht, dass sich schon wieder alles ändert!" - und im selben Atemzug, bei voller Empörung: "Es ändert sich ja sowieso nüscht!" Kannst Du das glauben? In fast 50 Jahren, Menschheit! Als gäbe es keinen Fortschritt. Ein Maximum an Anti-Logik führt zur Entscheidung, Leute zu wählen, die im Schild führen, alles zu ändern, damit es angeblich wieder wird, wie es aber nie war. Ehrlich, Menschheit, geht’s absurder? Und doch bin ich in Dich verliebt. So blöd kann wohl nur ein Mensch sein.

Wo ich ja nicht einmal glauben kann, dass die Moralischen, die immer Empathischen, die Tag und Nacht Gleicher-als-Gleichen, die dann sehr ernsthaft die Köpfe wiegen werden, schlechterdings bessere Menschen wären. Der Herdentrieb, Menschheit, wirkt bei Dir in jede Richtung. Ich sehe, wie unvernünftig Du bist, wie leicht beeinflussbar, wie getrieben vom Tag und der Mode. Gottchen, Menschheit, Du bist so unvollkommen, wie irgendetwas nur sein kann. Und trotzdem, ach was: deshalb liebe ich Dich. Na, vielleicht in 50 Jahren nicht mehr.

Deutschland, Heiligabend 1970, eine anonyme Seherin"

Ja, soweit der Brief, den ich im Wald gefunden habe. Ich weiß noch immer nicht, was ich davon halten soll.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Wahnsinn: Brief an die Menschheit entdeckt!

NDR Kultur - NachGedacht -

Immer wieder tauchen unbekannte Schätze auf. Oft ist das ein irres Glück. Auch NachDenker Ulrich Kühn hat jetzt einen Fund gemacht – Wahnsinn! Oder?

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 06.09.2019 | 10:20 Uhr