Stand: 28.02.2020 08:50 Uhr

Verzichten - auf Frauen?

von Stephanie Pieper

Verzichten - warum eigentlich? Diese Frage stellen in dieser Woche alle Kulturredaktionen des NDR. Auch unsere Kolumnistin Stephanie Pieper denkt in dieser Woche über das Verzichten nach - denn offenbar hat sich die CDU entschieden, in der allerersten Reihe auch zu verzichten, auf Frauen nämlich.

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann
Stephanie Pieper leitet bei NDR Kultur die Hauptredaktion "Kulturelles Wort" in Hannover.

Als die Bundesrepublik noch jünger war, da bestimmten die Herren die Geschicke der Politik, der Legende nach in rauchgeschwängerten Hinterzimmern mit dicken Ledersesseln, die Zigarre im Mundwinkel: der Konrad und der Ludwig, der Kurt Georg und der Willy, der Helmut und der Helmut, schließlich der Gerhard. Heute, 101 Jahre nachdem Frauen erstmals ins Parlament einziehen durften, machen bei der CDU - Stand jetzt - der Armin und der Jens, der Friedrich und der Norbert das Rennen unter sich aus. Die Vornamen haben sich geändert, das Geschlecht nicht. Nach der Ära Angela und dem Intermezzo Annegret übernehmen jetzt wieder die Männer das Ruder, so wie es sich für eine konservative Partei gehört.

CDU des Jahres 2020 mit Vielfalt?

Der Armin und der Jens wollen aber bekanntlich nicht gegeneinander, sondern als Team antreten: der eine kleiner, der andere größer; der eine korpulenter, der andere schmaler; der eine mit randloser Brille, der andere mit Hornbrille; der eine heterosexuell, der andere homosexuell; der eine mit Anzügen der Passform Aachen-Burtscheid, der andere mit Anzügen der Passform Berlin-Friedrichstraße. Das reicht in der CDU des Jahres 2020 offenbar aus, um Vielfalt zu demonstrieren. Kaum hatte das NRW-Mann-Mann-Duo seine Kandidatur erklärt, schon konterte der andere NRW-ler, der Norbert, per Twitter: Er werde mit einer Frau antreten! Mit welcher Frau? Ööööööhhhhh ... Schaun mer mal. Aber: eine Frau! Wird sich schon noch eine finden, die sich dekorativ an den Arm des von manchen als "George Clooney der CDU" titulierten Norbert hängen möchte.

Angela Merkel: nicht gerade die oberste Frauenförderin

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Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dann wäre da noch der Friedrich, aber der braucht keine Frau und keinen Mann an seiner Seite, der ist sich selbst genug - und trat nicht ohne Grund am politischen Aschermittwoch in Thüringen auf, an der Seite von Mike, der mit dem Thomas und dem Björn gemeinsame Sache gemacht hat bei dieser verkorksten Ministerpräsidentenwahl - na, Sie wissen schon. Nun gut, der Friedrich will wie der Norbert, wenn er denn gewählt wird, eine Generalsekretärin engagieren - da kann man nicht meckern. Jetzt habe ich doch glatt den Markus vergessen, den vermeintlich Geläuterten aus Bayern, der plötzlich seine liberale und soziale Seite entdeckt hat - der könnte dem Armin oder dem Friedrich noch einen Strich durch die Rechnung machen. Ist aber halt auch ein Mann. Spiegelt sich in diesem Männer-Tableau eine Sehnsucht der Basis nach mehr klarer Kante und weniger Konsens, nach mehr Mut und weniger Moderation? Was indes auch zur Wahrheit gehört: Die Angela selbst war während ihrer Zeit an der CDU-Spitze nicht gerade die oberste Frauenförderin des Landes - und jene CDU-Frauen, die für den Spitzenjob durchaus in Frage kämen, haben sich bisher nicht aus der Deckung gewagt.

Nicht Trümmerfrauen, sondern Trümmermänner sind gefragt

Wie auch immer: Es sieht so aus, als hätten wir Wählerinnen bei der nächsten Bundestagswahl wahrscheinlich die Wahl zwischen dem Armin oder dem Friedrich und dem Olaf und dem Robert und dem Christian als den Spitzenkandidaten von Union, SPD, Grünen und FDP. Back to the future. Dass bei den Sozis die Saskia an den Start geht - wo schon die Andrea dies nicht schaffte -, das glaubt ja wohl ernsthaft niemand. Und die Malu und die Manuela wollen lieber nicht in die Bundespolitik wechseln; schade eigentlich, aber ihre persönlichen Gründe sind verständlich. In Hamburg ist derweil der Peter auferstanden aus den bundesweiten SPD-Ruinen - manchmal sind eben nicht Trümmerfrauen, sondern Trümmermänner gefragt.

Der Fortschritt ist eine Schnecke

Leider sieht es abseits der Politik nicht viel besser aus. Groß war der Applaus, als kürzlich zum ersten Mal eine Frau an die Spitze eines Dax-Konzerns rückte: die US-Amerikanerin Jennifer Morgan. Sie darf den Software-Riesen SAP allerdings nicht allein führen, sondern ist "nur" Co-Chefin. Trotzdem, immerhin: die erste Frau. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Anteil von Frauen in den Vorständen der 30 größten börsennotierten Unternehmen im vergangenen Jahr laut Statistischem Bundesamt bei unter 15 Prozent lag - im Schnitt kam mithin auf sieben Männer eine Frau. Und bei einer Handvoll der 30 Konzerne sitzen nach wie vor null Frauen im Vorstand. Der Fortschritt ist eine Schnecke: Mehr Frauen in den Aufsichtsräten führen zwar später zu mehr Frauen in den Vorständen - aber eben nur gaaaaaaaaanz langsam.

Es gäbe also in der Gleichstellungspolitik - in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft - immer noch viel zu tun für eine Parteivorsitzende, für eine Kanzlerin. Nur zur Erinnerung, liebe CDU-Frauen: Am 8. März ist internationaler Frauentag.

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Verzichten - auf Frauen? (4 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 28.02.2020 | 10:20 Uhr

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